Dass es nur wenige – aber ausreichende – Sitzgelegenheiten gab, störte niemanden: Spätestens nach dem dritten Lied hätte es die Amateursänger von den Stühlen gerissen, so mitreißend war die Stimmung von Beginn an beim ersten Rudelsingen in Ittendorf, die alle begeistert und mit einem glückseligen Lächeln ins Wochenende entließ.

"Ich bin eine leidenschaftliche Sängerin und habe in vielen Chören mitgesungen. Aber so etwas Tolles habe ich noch nie erlebt", sagte eine 87-jährige Aktive aus Markdorf über das Veranstaltung, zu dem der Gemischte Chor Ittendorf eingeladen hatte.

Von Anfang an herrschte eine ausgelassene Stimmung beim ersten Rudelsingen in Ittendorf.
Von Anfang an herrschte eine ausgelassene Stimmung beim ersten Rudelsingen in Ittendorf. | Bild: Keutner, Christiane

Wer glaubte, 12 Euro Eintritt für eine Veranstaltung, zu der man noch selbst beitragen sollte, schreckten ab, sah sich gründlich getäuscht; es war das Geld wert: Über 270 Sangesfreudige fanden sich im Bürgerhaus ein, in der man sich von Anfang an so gemütlich fühlte, wie in der besungenen "Kleinen Kneipe" von Peter Alexander.

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Drei Generationen singen Hits

Video: Christiane Keutner

Die Auswahl der Lieder und Songs – hälftig deutsch und englisch -, schien abgestimmt auf die Besucher: Drei Generationen sangen sich mit wachsender Hemmungslosigkeit durch drei Generationen Hits unterschiedlichsten Genres von 1953 bis 2018. Sie waren Opernsänger und bildeten den stimmgewaltigen Gefangenenchor aus Verdis Oper Nabucco, wandten sich dem Volkslied "Die Gedanken sind frei" zu, interpretierten Gassenhauer, Evergreens, Schlager und Chansons.

Die Veranstaltung steckte auch zum ausgelassenen Tanzen an, von links: Sandra, Nicole, Damaris, Carola und Ingrid aus Markdorf hatten unbändigen Spaß.
Die Veranstaltung steckte auch zum ausgelassenen Tanzen an, von links: Sandra, Nicole, Damaris, Carola und Ingrid aus Markdorf hatten unbändigen Spaß. | Bild: Keutner, Christiane

Die Macher Thomas Lorenz, Gregor Panasiuk und Marcus Sorg, alle Lehrer der freien "Musikwerkstatt Tettnang", unterstützten die Sänger instrumental und kündigten launig die Songs an; Unterstützung textlicher Arrt kam von der Großleinwand, auf der die Strophen auch in der hintersten Reihe lässig zu erkennen waren, inklusive blau markierten Betonungen.

"Wir singen gerne und es gibt nicht soviele Gelegenheiten. Ich kannte das Rudelsingen gar nicht. Das ist total klasse, ungezwungen, besser als Karaoke und mit musikalischer Begleitung. Der Choreffekt ist toll und dass soviele Leute beieinander sind."Heidi Wucherer, Ravensburg
"Wir singen gerne und es gibt nicht soviele Gelegenheiten. Ich kannte das Rudelsingen gar nicht. Das ist total klasse, ungezwungen, besser als Karaoke und mit musikalischer Begleitung. Der Choreffekt ist toll und dass soviele Leute beieinander sind."Heidi Wucherer, Ravensburg | Bild: Keutner, Christiane

Harmonische Gewaltigkeit und Gemeinschaftsgefühl

So war es auch für Ungeübte ein Leichtes, im Rudel zu heulen, äh, zu singen: Denn die Qualität des Gesangs war beeindruckend und harmonische Gewaltigkeit und Gemeinschaftsgefühl verursachten prickelnde Gänsehaut, waren emotional und bewegend. Wie auch der gegenseitige Augen-Blick von Jürgen und Gay Dickomeit bei der Liedzeile in "Father and son" von Cat Stevens "Look at me, I´m old, but happy" (ich bin alt, aber glücklich).

Auch den Machern hat es gefallen, von links: Thomas Lorenz, Marcus Sorg und Gregor Panasiuk.
Auch den Machern hat es gefallen, von links: Thomas Lorenz, Marcus Sorg und Gregor Panasiuk. | Bild: Keutner, Christiane

Klar, es sangen etliche Chormitglieder mit, doch die Mehrheit war eher unbelesen in Sachen Noten und traute sich: "Ziel erreicht" würde man vom niederschwelligen Gesangsangebot sagen, das sich in so mancher Ecke wie beim "La Bamba" zum kleinen Tanzevent ausweitete und die Besucher in Wallung brachte. Über den Geburtstagskanon freuten sich Claudia Ainser und Ilge Kreidler.

"Das ist toll bis spitze. Ich bin zwar nicht so der Sänger, und viele andere auch nicht, wenn ich mich hier so umhöre, aber es fällt nicht auf, wenn man schräg singt. Auf jeden Fall macht es voll Spaß und es sind gute Lieder zum Mitsingen."Lucas Lallathin, Pfullendorf
"Das ist toll bis spitze. Ich bin zwar nicht so der Sänger, und viele andere auch nicht, wenn ich mich hier so umhöre, aber es fällt nicht auf, wenn man schräg singt. Auf jeden Fall macht es voll Spaß und es sind gute Lieder zum Mitsingen."Lucas Lallathin, Pfullendorf | Bild: Keutner, Christiane

Gewundert hat sich nur Thomas Lorenz, der dem Publikum eine fantastische Performance bescheinigte: "Dass junge Leute bei der "Kleinen Kneipe" mitsingen und bei "Die Welt retten" die älteren Leute." Wie die 19-jährige Janina aus Friedrichshafen: "Die Lieder sind nicht zu 100 Prozent mein Geschmack, aber ich kenne sie alle und es macht hier auf jeden Fall Spaß."

Video: Keunter, Christiane

Die Mischung, die man im Vorfeld per E-Mail mit Wünschen beeinflussen konnte, machte aber auch den Reiz aus und so hüpften die Sänger bei "Pippi Langstrumpf" leichtkehlig über die Noten, gingen voll bei "Easy Rider" und "Marmor, Stein und Eisen bricht" mit, zeigten differenzierte Chorqualitäten bei Leonard Cohens "Hallelujah" und dem, auch vom Gemischten Chor Ittendorf vorgetragenen Irischen Segenslied, während Reinhard Meys "Gute Nacht, Freunde" und "Flying to the moon" von Frank Sinatra stellenweise herausfordernd waren, genauso wie ABBAs "Thank you for the Music" (Danke für Musik). Genau: Danke für diese Musik!

Video: Keutner, Christiane