2016 lag die Mindestpunktzahl für die Bauplatzvergabe in „Markdorf-Süd“ noch bei 50. „Wir haben rund 150 Familien, die die Kriterien des Gemeinderates zumindest teilweise erfüllen“, sagt Jörg Wiggenhauser, stellvertretender Kämmerer. Hier seien Familien mit 40 Punkten, aber auch mit 92 Punkten darunter. Bereits beim ersten Gespräch mit Bauplatzinteressenten werden laut Wiggenhauser der Bezug zu Markdorf und die familiären Verhältnisse abgefragt, um diese von Kapitalanlegern, Bauträgern, Maklern und Altersruhesitzlern von außerhalb des Landkreises zu unterscheiden. „Es macht doch keinen Sinn, Bewerberfamilien mit geringer Punktzahl und ohne reelle Zuteilungschancen durch ein aufwändiges Bewerbungsverfahren zu schleusen“, so Wiggenhauser. Er rechnet damit, dass etwa 25 bis 30 Familien diese erhöhte Punktzahl erfüllen können.

Die Nachfrage nach Bauplätzen ist enorm, pro Woche sprechen zehn bis 15 Familien auf der Suche nach einem bezahlbaren Bauplatz bei der Finanzverwaltung vor. „Der Markt ist vollkommen überlastet und wir müssen nach einem System entscheiden“, so Wiggenhauser. Deshalb hat der Gemeinderat im Jahr 1996 Richtlinien entwickelt, 2010 wurden diese zuletzt geändert. 18 Punkte gibt es beispielsweise für einen Antragsteller, der seinen Hauptwohnsitz seit mindestens zehn Jahren in der Gemeinde hat, zehn Punkte für den Arbeitsplatz vor Ort seit mindestens drei Jahren, je Familienmitglied gibt es fünf Punkte. Besondere Verdienste um die Stadt geben bis zu 15 Punkte, gemeinschaftliches Wohnen bis zu zehn Punkte. Bewerber müssen den Nachweis einer Mindestfinanzierungssumme von 585 000 Euro bis 650 000 Euro vorlegen.

Kritik an dem Punkteverfahren kommt von einem Familienvater, der namentlich nicht in der Zeitung gekannt werden möchte, da er Nachteile befürchtet. Der Name ist der Redaktion bekannt. Der 36-Jährige lebt mit Frau und einem einjährigen Kind in einer Wohnung in einem Mehrfamilienhaus. Beide sind berufstätig und aufgrund der Arbeit vor fünf Jahren nach Markdorf gezogen, der Wunsch nach dem Kauf eines Hauses oder ein Neubau ist vorhanden. „Beides gestaltet sich in Markdorf äußerst schwierig“, schreibt er an den SÜDKURIER. Die Vergabe der Bauplätze bezeichnet er als „pures Kabarett“. Nach dem Punktekatalog erreiche seine Familie nicht einmal die Mindestpunktzahl, um sich bewerben zu dürfen. Dass ein wichtiger Punkt sei, wie lange der Antragsteller den Hauptwohnsitz in Markdorf hat, sei korrekt. Aber schon „Arbeitsplatz in der Gemeinde“ sei laut Meinung des 36-Jährigen völlig unzeitgemäß: „Dieses Kriterium war vielleicht im dörflichen Markdorf 1960 angebracht, geht heute aber an der Lebensrealität der meisten vorbei.“ Auch kritisiert er, dass bei „besondere Verdienste um die Stadt Markdorf“, wo es um Engagement gehe, nur örtliche Vereine zählen. Er und seine Frau seien in drei Vereinen aktiv, allerdings in anderen Gemeinden. „Natürlich ist Vereinsengagement wichtig für eine Gesellschaft, aber in unserer heutigen vernetzten und mobilen Zeit sollte der Blick nicht am Kirchturm von St. Nikolaus enden.“

Jörg Wiggenhauser erklärt auf SÜDKURIER-Nachfrage: „Sofern wir Bewerber, die in Friedrichshafen arbeiten oder in anderen Gemeinden als Vereinsvorstand tätig sind, gleich behandeln, dann haben wir 500 Bewerberfamilien ohne die Möglichkeit, den dringendsten Wohnraumbedarf der Familien, die in Markdorf wohnen oder arbeiten gegenüber den auswärtigen Familien zu kategorisieren.“ Ein Vereinsvorstand eines Markdorfer Vereins erhält seit Jahren drei Punkte. Umstritten waren laut Wiggenhauser lediglich die Fälle, in denen dieses Amt erst seit Kurzem ausgeübt wurde. Der Gemeinderat hat mit Beschluss vom 23. Januar 2018 festgelegt, dass hierfür eine Mindestdauer von einem Jahr gegeben sein muss. Der Leser ärgert sich auch über die mangelnde Transparenz. „Wie viele Punkte was genau gibt, steht nicht im offiziellen Katalog, sondern wird vom Gemeinderat in nichtöffentlicher Sitzung beschlossen“, so der Vorwurf in Richtung Stadtverwaltung. Man höre nur Gerüchte, wie viel Punkte man wofür bekommt, aber es gebe keine offizielle, detaillierte Liste von der Stadt. „Transparenz geht anders, so erweckt es den Verdacht des Gemauschels“, so die klaren Worte. Jörg Wiggenhauser kann das nicht verstehen. „Der Vorwurf der Intransparenz ist unzutreffend und muss anscheinend von frustrierten Familien kommen, die sich mangels Chancen dem Bewerbungsverfahren und dem konkreten unverbindlichen Beratungsgespräch nicht stellen.“

Die Bauplatzvergabekriterien können laut Wiggenhauser nicht so schlecht sein, wenn viele Gemeinden in der Umgebung diese weitgehend unverändert übernommen haben. „Problematisch sind nicht die Kriterien, sondern die geringe Anzahl von verfügbaren Bauplätzen in der gesamten Raumschaft.“

Bewerbung und Beispiele

  • Lagepläne, Bebauungspläne und Preislisten sind bei der Finanzverwaltung im Rathaus erhältlich oder werden auf E-Mail-Anforderung direkt übermittelt. Die Bewerbungsunterlagen liegen im Eingangsbereich des Einwohnermeldeamts aus. Abgabeschluss ist am 7. März, 17 Uhr. Kontakt: Jörg Wiggenhauser, Tel. 0 75 44/50 02 53, E-Mail: j.wiggenhauser@rathaus-markdorf.de wenden.
  • Ein Markdorfer Bürger (seit Geburt) (28 Punkte), mit Frau und zwei Kindern (20), Arbeitsplatz bei Firma Wagner (10), bereinigtes Jahreseinkommen 52 000 Euro (15 Punkte), kein Grundeigentum (6 Punkte) Finanzierung gesichert (0 Punkte), bisherige Mietwohnung 65 qm, Altbau, große Entfernung zur Schule und Kindergarten (0 Punkte) kommt auf 79 Punkte. Bewerber aus Friedrichshafen (0 Punkte), verheiratet (10), keine Kinder (0), Arbeitsplatz in Friedrichshafen (0), bereinigtes Jahreseinkommen 57 000 Euro (6), Finanzierung gesichert (0), derzeitige Eigentumswohnung ausreichend (0) kommt auf 16 Punkte.

"Wir werden unsere dritte Bewerbungsrunde in Markdorf mitmachen"

Ein junger Familienvater (37 Jahre alt, verheiratet, zweijähriges Kind, zweites Kind kommt im Juni zur Welt) schildert die Situation:

 

„Die Situation auf dem Immobilienmarkt ist bekannt. Das Angebot ist klein und die Preise sind entsprechend extrem hoch und zum Teil mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln nicht mehr zu stemmen. Ich bin vor acht Jahren aus beruflichen Gründen nach Markdorf gezogen, meine Frau ein Jahr später. Wir wohnen in einer Drei-Zimmer-Wohnung, aber mit der Geburt des zweiten Kindes wird diese zu klein. Wir haben schon seit drei Jahren den Wunsch nach einem eigenen Haus. Wir werden nun unsere dritte Bewerbungsrunde in Markdorf mitmachen. Dieses Jahr wurde die minimale Punktzahl ein weiteres Mal angehoben und wir erfüllen mit zwei Kindern und einer zu kleinen Wohnung gerade die Mindestpunktzahl. Es wird also ein weiteres Mal sehr unwahrscheinlich sein, dass wir zum Zuge kommen.

Der Punktekatalog ist nicht fair und nicht mehr zeitgemäß, beziehungsweise passt er nicht zu den Aussagen, dass bevorzugt Markdorfer Familien mit Kindern eine Chance haben sollen. Das wäre zum einen die extrem hohe Punktzahl, die man bekommt, wenn man in Markdorf arbeitet. Hier werden zehn Punkte vergeben, was relativ viel ist, wenn man bedenkt, dass ein Kind mit fünf Punkten zählt. Alleine durch den Job holt ein kinderloses Paar eine Familie mit zwei Kindern ein. Zusätzlich sollte dies in der heutigen Zeit kein Kriterium mehr sein, da die Mehrzahl der Arbeitnehmer nicht im gleichen Ort lebt, in dem sie arbeitet.

Es fehlt eine Bepunktung der Wartezeit auf einen Bauplatz. Da sollte es einen kleinen Bonus geben für Familien, die schon sehr lange warten. Dann gibt es den Punkt der „besonderen Verdienste um die Stadt Markdorf“. Hier sollen Ehrenamt und allgemeinnütziges Engagement gefördert werden. Dies verdient Anerkennung in Form von zusätzlichen Punkten. Allerdings sind hier die fehlende Transparenz sowie die Tatsache, dass die abschließende Vergabe in einer nicht öffentlichen Sitzung des Gemeinderates stattfindet, ein Problem.

Die extrem gute wirtschaftliche Entwicklung der ansässigen Industrie, einem der Fundamente des Wohlstandes der Region, hat zu Wachstum und damit zur Verschärfung auf dem Immobilienmarkt geführt. Die Situation sollte durch eine weitere Verknappung nicht weiter verschärft werden. Es ist klar, dass es kein unbegrenztes Wachstum geben kann. Ich würde mir von der lokalen Politik ein stärkeres, auf die aktuellen Realitäten angepasstes Engagement wünschen.“ (shn)