Als der Bürgermeister den Geschenkkorb bringt, sagt Auguste Kuks gerade ein Gedicht auf. Einen Mehrstropher, in dem sich ziemlich am Ende Goethe auf Morgenröte reimt. Vom Geheimen Rat selbst stamme das Gedicht natürlich nicht, wird der Dichter darin doch recht despektierlich auf sein Nachtgeschirr platziert. Was Auguste Kuks beinahe noch genüsslicher rezitiert.

Die meisten Lieder und Gedichte aus der Schulzeit hat sie noch im Kopf

102 Jahre wurde die mit Abstand älteste Markdorferin am Samstag vor einer Woche. Ihre blauen Augen leuchten aber immer noch so frisch, so klar und vergnügt wie zu der Zeit, als sie die vielen Verse von „Dunkel war‘s, der Mond schien helle“, das Werk eines unbekannten Dichters, auswendig gelernt hat. In der Schule sei das nicht gewesen, erinnert sich die Seniorin. Dort habe es keine Gedichte gegeben, in denen Goethe auf dem Topf sitzt. Doch die meisten Lieder und den größten Teil der seinerzeit, also in den 1920er und frühen 1930er Jahren in der Schule einstudierten Gedichte habe sie immer noch im Kopf. Auguste Kuks kann sie so geläufig wie stimmfest aufsagen.

Bürgermeister: „Sehen immer noch so aus, wie ich Sie seit etlichen Jahren kenne“

Bürgermeister Georg Riedmann schmeichelt also kein bisschen, als er, kaum ist das Gedicht aufgesagt, der alten Dame den Umschlag mit den Gratulationen überreicht und seine Verwunderung darüber ausdrückt, dass die 102-Jährige immer noch so aussehe, wie er sie seit etlichen Jahren kenne. Im Gegenteil. Was denn das Rezept sei, das Geheimnis hinter Auguste Kuks Altersfrische? „Ich esse jeden Tag eine Schnapsbohne“, hatte die Jubilarin vorher verraten.

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Früher hat sie sich jeden Abend ein kleines Gläschen Schnaps gegönnt

Vor einigen Jahren noch sei sie jeden Abend irgendwann wieder aufgestanden, nachdem die Pflegerinnen von der Sozialstation sie zu Bett gebracht hatten, um sich ein kleines Gläschen Schnaps zu gönnen. Nun müsse das noch geringere Quantum reichen, das in der Schokoladenhülle stecke. Asketischer Verzicht und Abstinenz sind es also nicht, die Auguste Kuks so alt werden ließen. Eher schon das „ganz normale Essen und Trinken – das aber in Maßen“, wie die Seniorin erklärt.

Jubilarin wuchs mit neun Geschwistern auf

An eine gewisse Genügsamkeit sei sie von klein auf gewöhnt. Auguste Kuks wuchs in einer großen Familie auf – neben neun Geschwistern. Der Vater war als Straßenbauer beschäftigt. Ihm galt es zur Seite zu stehen. Jeden Tag in aller Frühe sei sie mit einem Wägelchen zur Brauerei im Nachbarort gezogen, um dort das Bier und das Vesperbrot für den Bautrupp zu besorgen, dann zur Baustelle, danach zur Schule, die um 8 Uhr begann. „Eine ganz normale Kindheit“, erklärt Auguste Kuks.

Mit 15 Jahren zum Arbeiten, sieben Tage die Woche

Ganz normal sei auch gewesen, an sieben Tagen in der Woche arbeiten zu müssen. In ihrem Falle habe das mit 15 Jahren begonnen, als sie sich, aus der Schule entlassen, bei einem Landwirt verdingte. Bei 75 Morgen Land sei viel Arbeit angefallen. Einmal seien ihr die beiden Rösser ausgerissen, die sie zu bändigen hatte. „Den Weg in den Stall haben die aber ganz allein gefunden.“

Mit 17 Jahren kam sie in den Haushalt einer Buchbinder-Familie

Mit 17 Jahren kam sie in den Haushalt eines Buchbindermeisters in Stuttgart, nachdem sie der Landwirt wegen einer Grippeerkrankung gekündigt hatte. Die neue Stelle war insofern Auguste Kuks Glück, als sie mitdurfte ins Immenstaader Feriendomizil der Buchbinder-Familie. Und in Immenstaad lernte die junge Frau Konrad Kuks kennen, ihren späteren Ehemann.

Viele geschnitzte Figuren als Erinnerung an ihren verstorbenen Mann

Der ist zwar längst gestorben, aber immer noch stets präsent. Denn außer der Erinnerung hat Auguste Kuks in ihrer Wohnung noch die vielen von ihrem Mann geschnitzte Figuren, die das aufgeräumte Wohnzimmer schmücken. Auf die Figuren fällt der Blick der Seniorin, sobald sie sich vom großen Flachbildschirm abwendet, der ihr die Neuigkeiten in die Stube trägt. Sofern die nicht von Kindern, Schwiegerkindern oder Enkeln beziehungsweise Urenkeln beim Besuch mitgebracht werden. Von ihrem Fenster aus schaut Auguste Kuks zwar nach wie vor in den eigenen Garten. Der frühere freie Blick ins Grüne ist jedoch schon seit Längerem zugebaut.