Wer nicht selbst beobachtet hat, wie chaotisch die Verkehrsverhältnisse täglich im Kreuzungsbereich mit abknickender Vorfahrt beim Bahnübergang sind, mag es kaum glauben. Die Regelung, dass Verkehrsteilnehmer auf der Strecke Gutenbergstraße/Ensisheimer Straße Vorfahrt haben, gilt seit April. Aber es funktioniert nicht – aus welchen Gründen auch immer. Die in diesem Beitrag gezeigten Verstöße sind am Freitag, 16. August, am frühen Nachmittag innerhalb von rund 45 Minuten fotografiert worden.

Dieser Transporter wechselt zum Abbiegen von der Geradeausspur weg und schneidet ein Auto (durch Transporter verdeckt), das auf der richtigen Abbiegespur unterwegs ist.
Dieser Transporter wechselt zum Abbiegen von der Geradeausspur weg und schneidet ein Auto (durch Transporter verdeckt), das auf der richtigen Abbiegespur unterwegs ist. | Bild: Toni Ganter

An einem anderen Werktag davor haben drei Anwohner von ihren Beobachtungen, Erfahrungen, Eindrücken und Beinahe-Unfällen berichtet: „An dieser Kreuzung herrscht Anarchie. So empfinde ich das tatsächlich. Wer als erstes kommt, meint, er habe Vorfahrt„, sagt Karin Simmoleit.

Karin Simmoleit, Anwohnerin: „“Manche Radfahrer pochen auf ihr Recht, aber riskieren ihr Leben.“
Karin Simmoleit, Anwohnerin: „“Manche Radfahrer pochen auf ihr Recht, aber riskieren ihr Leben.“ | Bild: Toni Ganter

Sie ergänzt: „Ich nutze teils mehrfach täglich diesen Kreuzungsbereich und kann schon nicht mehr zählen, wie oft mir die Vorfahrt genommen wird.“ Ihr Vorschlag: „Gut wäre es, wenn zusätzlich durch Lichtsignale auf die Verkehrsregelung hingewiesen würde. Man kennt das ja ähnlich von Baustellen.“ Ihre weitere Beobachtung: „Manche Radfahrer pochen auf ihr Recht, aber riskieren ihr Leben.“

Den beiden Radfahrern ist gerade mit dem schwarzen SUV (Bildmitte) die Vorfahrt genommen worden.
Den beiden Radfahrern ist gerade mit dem schwarzen SUV (Bildmitte) die Vorfahrt genommen worden. | Bild: Toni Ganter

Während des Gesprächs erklärt Anwohner Franz Frick mit Blick auf die beschilderte Stopp-Stelle, die an der Bernhardstraße bei der Einmündung zur Heggelinstraße und Ensisheimer Straße steht: „Neun von zehn Autofahrern halten nicht an der Stopp-Stelle, wie es sein muss. Insbesondere wird auf Verkehrsteilnehmer, die auf der Heggelinstraße zur Kreuzung kommen, keine Rücksicht genommen.“ Nach seiner Auffassung gibt es weiteren Anlass zur Kritik.

Autofahrer überholen Radler. Der Fahrer des vorderen Autos nutzt die Linksabbiegespur des Gegenverkehrs.
Autofahrer überholen Radler. Der Fahrer des vorderen Autos nutzt die Linksabbiegespur des Gegenverkehrs. | Bild: Toni Ganter

„Was ich persönlich schlecht finde: Wer von der Ensisheimer Straße geradeaus zur Bernhardstraße fährt, muss auf die Verschwenkung der Fahrbahn achten. Oft passiert es aber, dass die Linksabbiegespur in der Bernhardstraße mitbenutzt wird.“ Karl-Heinz Binder, ebenfalls Anwohner, ergänzt: „Meine Frau stand auf der Linksabbiegespur der Bernhardstraße und wurde von Autofahrern angefeindet, die aus Richtung Ensisheimer Straße kamen.“

Franz Frick, Anwohner: „Neun von zehn Autofahrern halten in der Bernhardstraße nicht an der Stopp-Stelle an, wie es sein muss.“
Franz Frick, Anwohner: „Neun von zehn Autofahrern halten in der Bernhardstraße nicht an der Stopp-Stelle an, wie es sein muss.“ | Bild: Toni Ganter

Nach Franz Fricks Dafürhalten darf die provisorische Ampel, die auf der Fahrbahn der Bernhardstraße steht, auf Dauer so nicht bleiben, „weil dadurch die Fahrspur verengt“ ist. Nach allem, was Frick beobachtet hat, regt er an: „Mein persönlicher Vorschlag ist, auf der Bernhardstraße und Ensisheimer Straße eine permanente Überwachung der Tempo-30-Zone.“

Karl-Heinz Binder, Anwohner: „Für mich ist das die gefährlichste Kreuzung mit abknickender Vorfahrt, die ich kenne. Es werden vier Straßen zusammengefasst, teils mit bis zu drei Fahrtrichtungen.“
Karl-Heinz Binder, Anwohner: „Für mich ist das die gefährlichste Kreuzung mit abknickender Vorfahrt, die ich kenne. Es werden vier Straßen zusammengefasst, teils mit bis zu drei Fahrtrichtungen.“ | Bild: Toni Ganter

Karl-Heinz Binder sagt geradeheraus: „Für mich ist das die gefährlichste Kreuzung mit abknickender Vorfahrt, die ich kenne. Es werden vier Straßen zusammengefasst, teils mit bis zu drei Fahrtrichtungen.“ Binders Ansicht nach ist außerdem die Rechtsabbiegespur auf der Ensisheimer Straße in Richtung Gutenbergstraße zu kurz geraten. „Momentan sind noch Sommerferien, aber wenn regulärer Werktagsverkehr herrscht, stauen sich die Fahrzeuge zurück bis auf die Geradeausspur. Und der rot markierte Fahrradstreifen ist dann auch blockiert.“

Ein Fußgängerin quert den Kreuzungsbereich wo früher einmal Ampeln standen.
Ein Fußgängerin quert den Kreuzungsbereich wo früher einmal Ampeln standen. | Bild: Ganter, Toni

Binder hat nach eigenen Angaben in das Kursbuch der Bahn geschaut und festgestellt: „Werktags von Montag bis Freitag zwischen 7 und 19 Uhr fahren 44 Züge durch. Rund 20 Prozent vom genannten Zeitraum sind die Schranken zu. Die derzeit zusätzlich fahrenden Güterzüge gar nicht mitgerechnet. Positiv möchte ich anmerken: Der Verkehrsfluss ist durch die Neuregelung besser geworden. Der stehende Verkehr hat sich weiter in Richtung Kreuzung verlagert.“

Der Fahrer dieses Campingwagens fährt ohne anzuhalten an der Stopp-Stelle vorbei.
Der Fahrer dieses Campingwagens fährt ohne anzuhalten an der Stopp-Stelle vorbei. | Bild: Toni Ganter

Das sagt die Polizei zum Thema

Seit April 2019 sind laut Auskunft aus dem Polizeipräsidium Konstanz im Kreuzungsbereich beim Markdorfer Bahnübergang drei Verkehrsunfälle in der polizeilichen Unfallstatistik erfasst worden:

  • 19. April: Ein Autofahrer biegt von der Bernhardstraße nach rechts in die Heggelinstraße ab und übersieht einen von der Gutenbergstraße kommenden Radfahrer. Beim Zusammenstoß sei der Radfahrer leicht verletzt worden.
  • 4. Mai: Ein Autofahrer möchte die Ensisheimer Straße geradeaus in die Bernhardstraße verlassen und kollidiert beim Verlassen der abknickenden Vorfahrtsstraße mit einem bevorrechtigten auf der Gutenbergstraße fahrenden Autofahrer. Laut Polizei gab es keine Verletzten.
  • 8. Juli: Ein Autofahrer möchte von der Heggelinstraße in die Gutenbergstraße einfahren. Er wartet und gewährt den aus der Gutenbergstraße kommenden Fahrzeugen die Vorfahrt. Als einige der aus der Gutenbergstraße kommenden Fahrer in die Heggelinstraße abbiegen, möchte er weiterfahren. Eine Radfahrerin, die auf dem Radweg an den abbiegenden Fahrzeugen vorbeifährt, wird vom Verursacher übersehen. Beim Zusammenprall mit dem Auto wird die Radfahrerin leicht verletzt.
  • Vom 1. bis 18. April wurden im Kreuzungsbereich keine Verkehrsunfälle statistisch erfasst, im Gesamtjahr 2018 waren laut Polizei fünf Unfälle – im März, April, August, September und November jeweils ein Verkehrsunfall.
Markus Sauter, ein Sprecher des Polizeipräsidiums Konstanz: „Die Unfallstatistik lässt allerdings aufgrund der geringen und überdies nicht vergleichbaren Unfallzahlen keinen Schluss auf eine mangelnde Verkehrssicherheit zu.“
Markus Sauter, ein Sprecher des Polizeipräsidiums Konstanz: „Die Unfallstatistik lässt allerdings aufgrund der geringen und überdies nicht vergleichbaren Unfallzahlen keinen Schluss auf eine mangelnde Verkehrssicherheit zu.“ | Bild: Oliver Hanser

„Die Unfallstatistik lässt allerdings aufgrund der geringen und überdies nicht vergleichbaren Unfallzahlen keinen Schluss auf eine mangelnde Verkehrssicherheit zu“, erklärt Markus Sauter, ein Sprecher des Polizeipräsidiums Konstanz.

Das sagt die Kreisverwaltung

  • Laut Auskunft von Robert Schwarz, Sprecher des Landratsamtes Bodenseekreis, hat es „vor Freigabe der neuen Verkehrsführung Anfang April 2019 eine gemeinsame Begehung der Straßenverkehrsbehörde mit der Deutschen Bahn AG, der Stadt Markdorf und der ausführenden Baufirma“ gegeben. Hierbei sei „die neue Verkehrsführung nochmals überprüft und von allen Beteiligten Stellen genehmigt“ worden.
Robert Schwarz, Sprecher Landratsamt Bodenseekreis: „Nach Erhalt der erforderlichen Zustimmung durch die Deutsche Bahn AG wurde im Radschutzstreifen eine Rotmarkierung angebracht. Bei einem Ortstermin Ende Mai 2019 konnten keine gravierenden Mängel an der neuen Verkehrsführung festgestellt werden.“
Robert Schwarz, Sprecher Landratsamt Bodenseekreis: „Nach Erhalt der erforderlichen Zustimmung durch die Deutsche Bahn AG wurde im Radschutzstreifen eine Rotmarkierung angebracht. Bei einem Ortstermin Ende Mai 2019 konnten keine gravierenden Mängel an der neuen Verkehrsführung festgestellt werden.“ | Bild: Landratsamt Bodenseekreis
  • „Am 6. Mai 2019 wurde uns von Bürgermeister Georg Riedmann ein offener Brief weitergeleitet. Darin hat ein Bürger, der als Radfahrer unterwegs war, über einen Unfall berichtet, der durch die Missachtung der geänderten Vorfahrt eines Autofahrers entstanden ist. Des Weiteren hat er verschiedene Anregungen zur Optimierung der Verkehrsführung gemacht“, berichtet Schwarz weiter.
  • In einem Gespräch mit Bürgermeister Riedmann am 8. Mai 2019 mit der Straßenverkehrsbehörde sei die geänderte Verkehrsführung am Bahnübergang nochmals unter Berücksichtigung der Anregungen aus dem offenen Brief erörtert worden.
  • „Daraufhin wurde am selben Tag von der Verkehrsbehörde angeordnet, dass in der Bernhardstraße an der Einmündung zur Gutenbergstraße eine Stoppstelle mit einer Haltlinie eingerichtet wird. Außerdem wurde die Beschilderung geändert. Die Hinweise ‚Verkehrsführung geändert‘ wurden durch das Zeichen ‚Vorfahrt geändert‘ ersetzt“, so Schwarz. „Nach Erhalt der erforderlichen Zustimmung durch die Deutsche Bahn AG wurde im Radschutzstreifen eine Rotmarkierung angebracht. Bei einem Ortstermin Ende Mai 2019 konnten keine gravierenden Mängel an der neuen Verkehrsführung festgestellt werden.“