Hello, Herr Carpendale! Öfters schon haben Sie Ihren Abschied von der Bühne angekündigt, und dann gehen Sie doch wieder auf Tournee. Kann man mit diesem „Beruf“ überhaupt je aufhören oder ist die Bühne nicht zum essenziellen Lebensinhalt geworden?

Ich muss immer wieder staunen, wie immer wieder das Ende meiner Karriere angekündigt wird. Ich hab nur ein einziges Mal in 2003 gesagt, ich höre auf. Ich lese das zwar immer wieder, aber ich habe noch nie daran gedacht!

Also wird Sie die Bühne ein ganzes Leben lang begleiten?

Es ist eine Sache, die sehr, sehr viel Freude macht. Ich glaube auch, dass es dem Publikum sehr viel Freude macht. Ich gehöre heute durch meine lange Karriere zu den wenigen, die eine Reihe von Hits über die letzten 30 Jahre beweisen können. Die Menschen hören sehr gerne diese etwas nostalgischen Sachen. Das ist allerdings nicht meine Show. Wenn sie meine Show heute sehen würden, dann würden Sie sagen, das ist genau die Zeit von heute. Wir spielen manches von früher in anderer Form, sodass wir die Songs an die heutige Zeit anpassen. Und ob ich je damit aufhören kann? Nee. Ich hab keine Lust, aufzuhören (lacht).

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Bei der Entstehung Ihrer Songs fragen Sie sich stets: Was kann ich Neues erzählen? „Milliarden Geschichten“ lautet beispielsweise ein Titel auf dem aktuellen Album. Ist nicht irgendwann alles erzählt?

Es war Frank Sinatra, der gesagt hat, man muss immer einen Weg finden, ähnliche Themen neu zu beschreiben. Und das gelingt auch. Mein neuestes Album, das wir jetzt machen, ist eine wunderbare Aufnahme mit einem sehr bekannten Londoner Orchester, und da bin ich gar nicht verpflichtet, neue Texte zu schreiben. Obwohl dieses Gebot, ein neues Lied zu schreiben, schon das ist, was die Kreativität am meisten fordert und Spaß macht.

Es geht also immer weiter mit den Geschichten?

In meinem Fall schon. Weil ich heute ein ganz anderer Act bin als vor 50 Jahren. Ich glaube, das ist einer der Hauptgründe, weshalb ich seit 50 Jahren dabei bin. Weil ich erkannt habe, dass man sich immer wieder ändern muss.

Mit Ihrer Familie unterhalten Sie sich ausschließlich auf Englisch. Haben Sie nie daran gedacht, auch englische Songs zu singen?

Das habe ich tatsächlich auch gemacht. Aber ich finde ein Lied besteht aus einer Melodie, aus einem Rhythmus und eben auch aus einer Geschichte. Warum soll ich einen Text singen, den das deutsche Publikum nicht versteht?

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Dann singen Sie also ausschließlich für das deutsche Publikum?

Nein, ich habe auch etliche englische Platten gemacht. Aber in Deutschland ist mein Hauptpublikum. Deshalb singe ich sehr gerne auf Deutsch.

Ihren Spitznamen „Howie“ haben Sie immer gehasst. Hören Sie den auch heute noch aus dem Publikum?

Ich glaube, Sie fragen so, weil Sie am Bodensee leben. Ich glaube, der Rest von Deutschland hat‘s vergessen (lacht). Im Ernst, Howie sagt keiner mehr. Irgendwann haben die Leute festgestellt, dass das blöd ist. Natürlich gibt‘s da immer wieder den einen oder anderen; aber es passt nicht zu mir. Ich bin froh, dass das über die Jahre hinweg vergessen wurde. Zumindest höre ich‘s heute sehr selten. Meistens dann von Männern, die ihren Frauen beweisen wollen, dass sie schon starke Kerle sind.

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In meiner Jugend sind Sie in meinem Heimatort Kißlegg im Allgäu aufgetreten. Das war in den 80er Jahren. Und total auf dem Land. Ich durfte leider nicht zum Konzert. Wer zählt heute zu Ihrem Publikum? Die Jungen von damals oder die Jungen von heute?

Das ist sehr gemischt. Zwischen 35 und 55 Jahre ist der Hauptanteil in unserem Publikum.

Also ist Schlagermusik bei allen Altersschichten populär?

Musik ist überhaupt nicht populär! Im Moment ist es eine Zeit, wo Partymusik modern ist, wo Menschen dazu tanzen können. Außerdem weiß ich nicht, was ich mit Schlagern zu tun habe. Ich würde nicht sagen, dass meine Musik Schlagermusik ist. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was die Definition von Schlagermusik ist. Im Prinzip haben die Beatles auch Schlager gemacht.

Hier in Markdorf werden Sie auf einer vergleichsweise kleinen Bühne auftreten. Die Stimmung wird anders sein als in großen Arenen. Familiärer. Was schätzen Sie bei Ihren Konzerten mehr?

Ich arbeite viel lieber in kleinen intimen Locations. In Markdorf ist das jetzt sogar ein Open-Air-Konzert. Das ist noch viel schöner. Leider, leider gibt es nicht viele von diesen Locations oder kleinen Hallen in Großstädten.

Das wundert mich zwar immer, aber in München zum Beispiel, da kann man entweder in die Philharmonie gehen, was keine schöne Halle ist, oder in die Olympiahalle. Was für Konzerte auch nicht ideal ist. Meine Lieblingsgröße ist irgendwas zwischen 3000 und 5000 Menschen. Ich kann Ihnen versprechen, da wird es in Markdorf richtig krachen!

Gaben Sie überhaupt je Konzerte ganz im Süden Deutschlands? Mal abgesehen von München – und natürlich Kißlegg im Allgäu? Und kennen Sie die Bodenseeregion, vielleicht sogar Markdorf?

Öfters schon bin ich in dieser Gegend aufgetreten. Ob ich je in Markdorf war, kann ich aber nicht sagen. Auf jeden Fall war ich schon sehr oft in dieser Gegend. Die ganze Bodenseeregion ist herrlich. Und ich bin sehr, sehr gerne da.

Vor zehn Jahren, im Juni 2009, war Howard Carpendale zu Gast in Salem. Archivbild: Eva-Maria Bast
Vor zehn Jahren, im Juni 2009, war Howard Carpendale zu Gast in Salem. Archivbild: Eva-Maria Bast | Bild: Eva-Maria Bast

Befassen Sie sich vor einem Konzert mit der jeweiligen Stadt, in der Sie auftreten und bleibt sogar manchmal Zeit, ein paar Tage länger zu bleiben?

Es kommt darauf an, was ich in dieser Zeit sonst für Konzerte gebe und wie viel Zeit mir bleibt. Meistens reise ich am Tag an und verbringe ein paar Stunden in der Stadt vor der Show am Abend. Aber es ist selten, dass ich Zeit habe, um ein paar Tage an einem Ort zu bleiben.

Normalerweise haben wir gerade an den Wochenende mehrere Termine hintereinander. Oder wenn ich zu weit weg von zuhause bin, dann freu ich mich, wieder mal nach Hause zu fahren. Wenn ich das also machen würde, überall ein paar Tage bleiben, dann müsste ich 200 Jahre lang leben (lacht).

Haben Ihre heutigen Konzerte noch irgendetwas mit den Hits von damals zu tun? Oder kann ein Konzert ohne die gängigen Ohrwürmer wie „Ti amo“ oder „Hello again“ gar nicht funktionieren?

Ich bin sehr froh, dass wir es geschafft haben, unser Programm sehr modern zu halten. Aber ich würde niemals versuchen, ein Konzert zu geben ohne die Titel, die die Leute gerne hören wollen. Nur ist es eben die Art und Weise, wie man diese Songs präsentiert, sodass sie nicht altbacken wirken, sondern zeitgemäß.

Sehr viele Hits sind dabei; es gibt aber sicherlich den einen oder anderen, der nicht mehr ins Programm passt, weil er einfach nicht mehr der heutigen Zeit entspricht. „Spuren im Sand“ ist so ein Titel, den würde ich bei einem Open Air nicht mehr singen. Ich glaube, die Leute wären enttäuscht, wenn sie den Titel heute in dieser Art hören würden. Denn diese Zeit ist einfach vorbei.

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Nervt es eigentlich, wenn manche Menschen Howard Carpendale auf seine Songs reduzieren, mit denen er einst berühmt geworden ist?

Es gibt keinen einzigen Hit, für den ich mich schämen würde. Nein, das ist überhaupt kein Problem! Wir sind zum Beispiel zwischen Weihnachten und Silvester in Berlin mit einer Show gewesen und haben diese gleiche Show nun acht mal wiederholt und gehen davon aus, dass wir sie zehn mal in Berlin zeigen werden. Das heißt, zehn mal ausverkaufte Hallen innerhalb einer Karriere, die schon 50 Jahre alt ist. Das ist schon eine große Ehre.

Howard Carpendale fühlt sich auf der Bühne einfach wohl.
Howard Carpendale fühlt sich auf der Bühne einfach wohl. | Bild: dpa

Was ist Ihre Motivation, immer wieder auf die Bühne zu gehen?

Erstens macht es sehr viel Spaß. Und zweitens will ich im Kopf ein bisschen jung bleiben, denn man muss weiterhin kreativ denken, und das tun wir. Gerade sind neue Projekte in Arbeit, das sind ganz große Sachen, und ich freu mich sehr auf das kommende Jahr.

Und ganz ehrlich gesagt – aber das klingt immer ein bisschen schmalzig – es ist ein unglaubliches Geschenk, auf einer Bühne zu arbeiten und zu sehen, wie die Menschen ausrasten. Und wie die wirklich für zwei Stunden ihren ganzen Alltag vergessen und mit mir gehen. Ich glaube schon, dass unsere Show für die, die sie gesehen haben, zu einer der besten Shows gehört, die sie je erlebt haben. Es ist einfach schön, ein Teil davon zu sein.