Der baden-württembergische Städte- und Gemeindetag beklagt derzeit einen Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Er fordert mehr Anstrengungen von der Politik. Und nun hat Stuttgart reagiert: Einerseits verspricht die Landesregierung, dass sie die Kommunen beim Wohnungsbau unterstützen will. Andererseits geht Stuttgart auch finanziell in die Offensive. Es soll ein „Kommunalfonds Wohnraumoffensive Baden-Württemberg“ entstehen. Die Landesregierung will 45 Millionen Euro in den Fonds für bezahlen Wohnraum stecken. Erhoffen Sie sich davon Impulse für den Wohnungsbau – auch hier in Markdorf?

Schwaderer: Bei uns in der Region sehe ich das Problem, dass die Bauwirtschaft ja völlig ausgelastet ist. Die kommt gar nicht mehr hinterher mit Bauen. Die Auftragsbücher sind voll. Und obendrein mangelt es auch – oder gerade – in der Baubranche stark an Fachkräften.

Achilles: Aus meiner Sicht mangelt es außerdem an geeigneten Flächen. Wo in Markdorf sollen denn neue Wohnungen entstehen?

Schwaderer: Und dort, wo sich etwas entwickeln könnte, da spielt die Nachbarschaft oft nicht mit!

Haben Sie da konkrete Beispiele?

Achilles: Natürlich. Im angedachten Wohnbaugebiet gen Bermatingen, auf den Siechenwiesen, hat es großen Widerstand gegen eine Wohnbebauung gegeben.

Derzeit sind die Siechenwiesen im Westen Markdorfs im Gespäch, um dort neue Häuser zu bauen.
Derzeit sind die Siechenwiesen im Westen Markdorfs im Gespäch, um dort neue Häuser zu bauen. | Bild: Jörg Büsche

Welche Instrumente hat denn die Stadt, um auf den Wohnungsmarkt einzuwirken?

Achilles: Wir, also der Gemeinderat, kann im Flächennutzungsplan Baugebiete und dann konkret im Bebauungsplan entsprechende Flächen entwickeln. Allerdings darf dies nicht übergeordneten Planungszielen widersprechen. Und dann gibt es noch eine Vielzahl von rechtlichen Vorgaben, die zu beachten sind, sowie Einwände von Betroffenen.

Schwaderer: Was in der Innenstadt Investoren anlockt, dort dann aber zum Bau von Wohnungen für den gehobenen Anspruch führt.

Achilles: Unser Grundproblem bleibt. Wir haben in der Stadt und unseren Teilorten einfach zu wenig Baufläche. Schauen Sie nach Salem, dort sieht die Situation ganz anders aus. In Salem werden gerade knapp 70 Grundstücke für neue Einfamilien-Häuser und teilweise für den Geschosswohnungsbau entwickelt. Bei uns werden vermutlich die circa vier Hektar Bauland im Bereich Siechenwiesen durch den Umweltschutz nicht möglich werden, da sich dort in den letzten Jahren ein schützenswertes Biotop entwickelt hat.

Schwaderer zum Thema Naturschutz: "Da vermisse ich manchmal das rechte Augenmaß"

Schwaderer: Selbstverständlich ist Naturschutz ein hohes Gut, dem auch eine gewisse Priorität eingeräumt werden muss. Das kann aber auch übertrieben werden. Sodass sich der Bau einer Straße verzögert, weil dort eine einzelne Kröte gesichtet wurde oder auch nur vermutet wurde. Da vermisse ich manchmal das rechte Augenmaß. Und am Ende führt das dazu, dass Bauen ein unbezahlbarer Luxus wird. Und dass wertvolles Ackerland in Bauland umgewandelt werden muss. Das ist in der Abwägung bisweilen fragwürdig.

Achilles: Fragen werfen sich nicht nur beim Naturschutz auf. Hinterfragt werden – oder zumindest ebenso differenziert betrachtet werden – muss auch die städtebauliche Seite.

Das heißt?

Achilles: Das heißt, dass es grundsätzlich zu überdenken gilt, ob es wirklich für jeden ein Einfamilienhaus sein muss. Ein eigenes Einfamilienhaus ist sicherlich erstrebenswert, doch gibt es auch im mehrgeschossigen Wohnungsbau eine gute Wohnqualität. So könnten kleinere Flächen ausreichen. Anbieten würde sich dies auch für eine Nachverdichtung. Wenn etwa aus Einfamilienhäusern Gebäude mit drei Wohnungen entstehen.

Im Süden der Stadt sind in den vergangenen Jahren sehr viele neue Häuser gebaut worden.
Im Süden der Stadt sind in den vergangenen Jahren sehr viele neue Häuser gebaut worden. | Bild: Jörg Büsche

Schwaderer: Nachverdichtung ist sicherlich ein wichtiger Punkt. Doch sollte man aufpassen, dass die Stadt nicht völlig zugekleistert wird. Und ganz wichtig aus meiner Sicht: Wir müssen auch unser städtisches Grün erhalten. Insgesamt muss das Thema mit viel Fingerspitzengefühl angegangen werden, die geplante Bebauung muss zur Umgebung passen. Ansonsten verprellt man die Nachbarn. Die dürfen nicht überfahren werden. Schnell besteht die Gefahr, dass die Stimmung kippt, so wie das nun in Riedheim geschehen ist. Es ist einfach schwierig, wenn sich mit zwei neuen Häusern gewissermaßen die Zahl der Einwohner verdoppelt

Achilles: Was in Markdorf kaum gelingen dürfte.

Schwaderer: Natürlich nicht grundsätzlich – in Riedheim-Oberleimbach ging es schon stark in die Richtung. Aber Sie wissen, was ich meine: Die Bevölkerung wächst überproportional stark an, wenn mehrgeschossig gebaut wird. Was ich will, ist eine maßvolle Entwicklung.

An den neuen Gebäuden an der Markdorfer Mangoldstraße scheiden sich die Geister.
An den neuen Gebäuden an der Markdorfer Mangoldstraße scheiden sich die Geister. | Bild: Jörg Büsche

Ist für Sie die Neubebauung in der Mangoldstraße maßvoll?

Schwaderer: Ich finde ja. Wie immer lässt sich über das Aussehen der Gebäude streiten. Genügend kritische Kommentare hat es ja schon gegeben. Und manche bezeichnen den Komplex als „Gefängnis“. Doch für mich stellen die Gebäude eine architektonische Verbesserung dar – im Vergleich zu dem, was bisher dort gestanden hat. Denken Sie an den Bereich Alte Feuerwache. Wie heftig wurde das diskutiert. Und inzwischen haben sich die Gemüter beruhigt. Es gibt sogar Stimmen, die sagen: noch ein Stockwerk höher hätte auch nicht geschadet.

Achilles zur Mangoldstraße: "In einiger Zeit wird der Wohnkomplex eingewachsen sein"

Achilles: Ich schaue eher zuversichtlich in die Mangoldstraße. In einiger Zeit wird der Wohnkomplex eingewachsen sein – und sehr viel freundlicher aussehen als im Moment.

Schaderer: Es wird buchstäblich Gras drüber wachsen.

Achilles: Festzuhalten bleibt, dass in der Mangoldstraße über 80 Wohnungen entstanden sind. Wohnungen mit einer hohen Wohnqualität, wie man hört. Dass dabei ein Pfosten zwischen dem Rad- und Fußweg steht, das hätte allerdings nicht sein müssen. Das sind Sachen, die es einfach nicht braucht. Grundsätzlich aber passt sich der Komplex der Umgebung an. Proma und Stadthaus haben ganz ähnliche Dimensionen.

Also halten auch Sie, Herr Achilles, eine Nachverdichtung in der Innenstadt für geboten?

Achilles: Sofern möglich – und sofern jedes Quartier trotzdem seinen eigenen Charakter bewahren kann. Gelungene Beispiele sehe ich im Bebauungsplan Döllenstraße. Hier besteht die Möglichkeit, mehr Wohnraum maßvoll zu entwickeln, ohne dass das den Gesamteindruck groß verändert.

An der Döllenstraße entstehen neue mehrgeschossige Wohnbauten.
An der Döllenstraße entstehen neue mehrgeschossige Wohnbauten. | Bild: Jörg Büsche

Schwaderer: In dem Bereich und überhaupt den Hang hinauf wird sich in den nächsten Jahren einiges tun. Denn dort wohnen viele ältere Ehepaare die ihr Einfamilienhaus verkaufen wollen. Was den Markdorfer Wohnungsmarkt nachhaltig verändern dürfte.

Kostengünstige Lösungen werden dort wohl kaum entstehen können. Sehen Sie die Möglichkeit, dass die Stadt sich im Bereich erschwingliches Wohnen künftig stärker engagiert?

Achilles: Das ist ja in der Vergangenheit schon geschehen. Mit den Häusern, die in der Bernhardstraße mit Mitteln der Stadt für die Emil- und Maria-Lanz-Stifung finanziert wurden. Weitere Möglichkeiten sehe ich aber derzeit nicht. Zum einen hat die Stadt keine entsprechenden Grundstücke mehr – und weil mit einer Vielzahl von Großprojekten wie Schulen, Kindergärten, Rathaus erhebliche Kosten auf uns zukommen werden.

Schwaderer: Wir können es drehen und wenden, kommen aber immer wieder aufs Thema Flächen zurück. Die fehlen in Markdorf. Ansonsten scheint mir sinnvoll, wenn sich die Stadt Wohnungsbaugesellschaften als Partner ins Boot holt, sodass Wohnungen gebaut werden, für die eine gewisse Anzahl von Jahren eine Mietpreisbindung besteht. Wohnungsbaugesellschaften, wie man ihnen in den Großstädten begegnet, gibt es hier ja keine.

Und wo könnten solche Lösungen entstehen?

Achilles: Die Siechenwiesen hätte sich hierfür angeboten und der Süden der Stadt würde sich dafür durchaus anbieten.

Fragen: Jörg Büsche