Es gibt diesen Rettungsanker. Wenn die Handlung beklemmend nah rückt. Wenn der Schmerz beim bloßen Zuschauen peinigt, dann hält das Kino einen Ausweg bereit. "Es ist ja nur ein Film!" Aber gibt es diesen Trost auch im Theater? Wo greifbare Menschen auf der Bühnen stehen? Wo die Illusion nicht per Zelluloid erzeugt wird? Die Antwort lautet: Es gibt ihn nicht – kein Ausweg aus Jammer und Schaudern. Jedenfalls nicht, wenn so gespielt wird, dass das Dargestellte wie die Realität erscheint. Wenn die dargestellten Konflikte nachvollziehbar werden. Wenn die Zuschauer sich fragen: "Was würde ich jetzt tun?"

Und eben dies "Kunststück" ist den Schauspielern der Theatergruppe "kreuz & quer" am vergangenen Wochenende gelungen. Sie machten Kunst, sie machten "Wege mit dir", das Melodram von Daniel Call, zu Wirklichkeit. Sie zogen ihre Zuschauer hinein ins Szenario. In die Frage, wie denn zu handeln sei, wenn ein geliebter Mensch unheilbar erkrankt. Ob das eigene Sich-Aufopfern tatsächlich alle Grenzen übersteigen darf oder nicht doch noch ein Rest vom Selbst fort existieren sollte. Weil der Mensch kein Paar-, sondern ein Gesellschaftswesen ist. Und das, obgleich die Gemeinschaft jenseits der Familie kaum noch so funktioniert, dass sie den Einzelnen als Menschen ansieht, sondern ihn in seine Funktionen zergliedert.

Familientreffen in glücklichen Tagen: Gustav (Robert Amann), Raika (Tatjana Strohmaier), Kaspar (Rudolf Görner) und Anna (Birgit Zimmermann).
Familientreffen in glücklichen Tagen: Gustav (Robert Amann), Raika (Tatjana Strohmaier), Kaspar (Rudolf Görner) und Anna (Birgit Zimmermann). | Bild: Jörg Büsche

Letzteres freilich deutet "Wege mit dir" nur an. Da beklagt die ihren an Demenz erkrankten Mann Pflegende, dass die Umgebung die Augen vorm Leid verschließt. Und die Pflege obliegt mit einem Mal nur noch einer – nämlich ihr. Wie brüchig stabile Familienbande plötzlich werden, zeigt das Gespräch zwischen Anna (Birgit Zimmermann) und ihrer Tochter Raika (Tatjana Strohmaier). Der ruppige Wildfang vom Beginn des Stücks hat inzwischen ihre eigene Familie gegründet und in den Beruf gefunden. Die Zusatzbelastungen führen zwingend zur Unwucht.

Es ist dies das Kunststück des Stückes. So bedrückend sich der Pflegealltag in der letzten schweren halben Stunde der Inszenierung auch ausnimmt. Es bleibt bei Andeutungen, die den bleiernen Druck zwar schmecken lassen, das Publikum aber nicht ersticken. Noch wirken die leichten Szenen des Beginns nach. Noch klingen die launigen Wort-Duelle nach, zwischen der frisch verliebten Anna und Kaspar, ihrem späteren Mann (Rudolf Görner). Noch immer trägt die Dezenz des Übergangs, die das Erkranken nur andeutet – und selbst dort noch Situationskomik aufkommen lässt. Etwa wenn der Feingeist Kaspar ausdauernd Aphorismen zum Thema Liebe zitiert, aber deren Urheber verwechselt. "Wege mit dir" kommt lange als reines Konversationsstück daher, spritzig, witzig, pointiert und locker. Der Bruch tritt jäh ein. Doch federn ihn die Schauspieler gekonnt ab. Die Tragik, im leidvollen Wortsinn gemeint, flechten sie gekonnt mit ein; lassen die Schwere aber früh erahnen. Noch überlagert die Frage, warum zwei Menschen zueinander finden, alles andere. Regisseur Harald Eilers und seinen Schauspielern gebührt ein großes Kompliment. Sie haben das Thema Demenz – vor sparsamer Kulisse – so auf die Bühne gebracht, dass sich niemand sagen kann: "Ist ja nur Theater."

 

Die Mitwirkenden:

Anna: Birgit Zimmermann

Raika: Tatjana Strohmaier

Kaspar: Rudolf Görner

Gustav: Robert Amann

Lazlo: Andreas Piekniewski

Regie und Bühnenbild: Harald Eilers

Souffleuse: Ulla Kittel

Ton, Technik: Harald Eilers u. Detlef Jenss

Maske: Gaby Léon

Organisation: Erika Ziegler

Plakat: Pascal Kaiser