Mehr als 180 Jahre ist es nun her, dass Felix Mendelssohn Bartholdy seinen „Paulus“ geschrieben hat. Und doch besitzt das Werk erstaunliche Aktualität. Darauf verwies Pfarrer Ulrich Hund, als er den Konzertabend des Markdorfer Kirchenchors St. Nikolaus einleitete. Hör- und spürbar war das am Sonntagabend in der St.-Nikolaus-Kirche obendrein. Was eindeutig ein Verdienst des Chors, der Solisten, des Orchesters und ganz gewiss nicht zuletzt des Dirigenten und Chorleiters Jonannes Tress war.

Die Mitwirkenden

Musik entführt in biblische Zeiten

Per Zitat versetzt Mendelssohn Bartholdy den Zuhörer in vergangene Zeit. Die Ouvertüre öffnet, obgleich im romantischen Stil gesetzt, sogleich einen Prospekt mit historischen Themen. Da klingt Barockes, Bach deutlich Folgendes an. Da wiegt sich indes auch noch Älteres, ja Archaisches ein. Auf den Schwingen sinfonischer Musiksprache geht es zurück in biblische Zeiten. Zeiten, die auch im 19. Jahrhundert schon vielen fremd geworden waren.

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Beeindruckender Auftritt von Ornella Lapadula

„Und gib deinen Knechten“, sang der Chor alsbald, „mit aller Freudigkeit zu reden dein Wort“. Männer und Frauen sangen gemeinsam. Aus der Apostelgeschichte berichtete dann aber eine Frauenstimme. Ornella Lapadula (Sopran) besang im folgenden Rezitativ, was den Jüngern, was Stephanus geschah, den die aufgebrachte Menge steinigt, weil er vom rechten, vom gesetzestreuen Weg abgekommen war – als Christ.

Ornella Lapadula (Sopran) und Hans Jörg Mammel (Tenor).
Ornella Lapadula (Sopran) und Hans Jörg Mammel (Tenor). | Bild: Jörg Büsche

Geschmeidig, frisch, unerhört klar tönte es vom Podest in der ersten Bankreihe. Ihre schöne Transparenz konnte sich diese Stimme noch während des gesamten – immerhin zweistündigen – Konzerts bewahren. Eine treffliche, eine tatsächlich tief anrührende Besetzung.

Weibliche Stimmen riefen im „Paulus“ auch jenes berühmte „Wachet auf!“ Energisch, aufrüttelnd sangen die Frauen des Markdorfer Kirchenchors den Choral. Ihnen gelang eindringliche Freudigkeit.

Männliche Stimmen wissen ebenso zu überzeugen

Doch auch die männlichen Stimmen überzeugten: Als Ananias gelang Hans Jörg Mammel (Tenor) quasi apostolische Reinheit. Und Thomas Scharrs Bass brachte Sauls Erleichterung darüber, den Höllentiefen bei Zeiten entronnen zu sein, höchst überzeugend zu Gehör.

Dirigent Johannes Tress und Bass Thomas Scharr.
Dirigent Johannes Tress und Bass Thomas Scharr. | Bild: Jörg Büsche

Überzeugen konnten auch die männlichen Stimmen des Chors. Vor allem in den Massenszenen, wenn sie das aufgebrachte Volk darstellten. Dann verliehen sie der Hysterie eine bedrohliche Tiefe. Was die manchmal in sanfteren Partien auftretenden kleinen Vagheiten allemal wieder wettmachte.

Chor und Orchester gut aufeinander abgestimmt

Überhaupt zeigten sich Chor und Orchester als wohl funktionierende Organe, als Werkzeuge der Bibel-Darlegung von Mendelssohn Bartholdy. Denn der Komponist arbeitete augenscheinlich mit dem Instrumentarium romantischer Historienmalerei.

Stimmgewaltig: der Kirchenchor St. Nikolaus.
Stimmgewaltig: der Kirchenchor St. Nikolaus. | Bild: Jörg Büsche

Publikum spendet begeisterten Schlussapplaus

Ob dräuende Massenszenen, ob das garstige Wüten des noch als Glaubensfanatiker agierenden Saulus, der die Christen „wie Stoppeln vor dem Feuer“ vertilgen möchte: Hell und Dunkel treffen hart aufeinander, vermittelt durch starke Gesten, spektakuläre Szenen. Der erblindete Paulus, die himmlischen Heerscharen, das tobende Volk – und all das kam frisch klingend daher. Ganz so als sei die alte Geschichte, von der da gesungen wird, überhaupt noch nicht zu Ende erzählt. Der nach dem finalen „Lobet den Herrn!“ aufbrandende Begeisterungssturm jedenfalls sollte noch lange anhalten.