Die Justus-von-Liebig-Schule hat in den Lehrplan für ihr zweijähriges Berufskolleg Sozialpädagogik im Rahmen der Erzieher-Ausbildung einen neuen Inhalt aufgenommen. Jörg Dietrich, der Abteilungsleiter des Markdorfer Justus-von-Liebig-Schul-Standorts, bezeichnet ihn als "Elemente der IT-Branche".

Jüngst präsentierten Berufskolleg-Teilnehmer ihren Mitschülern, wie sich Roboter, Elektro-Mikroskope und andere Technik im Kindergarten einsetzen lassen. Wobei es Dietrich überrascht hat, wie intensiv sich die angehenden Erzieher mit der Materie befasst haben. Ihre Fragestellung: "Was funktioniert im Kindergarten?"

"Ozobot" heißt der kleine Roboter, der auf Papier gemalten Linien folgen kann und je nach deren Farbigkeit sein Fahrverhalten verändert. Jessica Kaiser und Paul Hagenlocher finden, dass dies auch Kindergartenkinder zu Experimenten reizen könnte.
"Ozobot" heißt der kleine Roboter, der auf Papier gemalten Linien folgen kann und je nach deren Farbigkeit sein Fahrverhalten verändert. Jessica Kaiser und Paul Hagenlocher finden, dass dies auch Kindergartenkinder zu Experimenten reizen könnte. | Bild: Jörg Büsche

Ramazan Ylmaz ist begeistert von der Biene. Sie hat zwar keine Flügel und sieht auch eigentlich aus wie ein Käfer, dafür besitzt sie aber Tasten auf ihrem Rücken, mit denen sie der angehende Erzieher programmieren kann. Schließlich ist "Bee-Bot", wie das schwarz-gelbe Insekt aus Kunststoff heißt, ein Roboter.

Ein Roboter für Kinder, mit dessen Hilfe sie sich die ersten Schritte des Programmierens erschließen können. "Geht ganz einfach", zeigt Erzieher-Schüler Ylmaz. Vorwärts, rückwärts, Drehung, nach links oder rechts zeigen die Pfeile auf den Rücken-Tasten der handtellergroßen Biene an. Auf dem Tisch fährt der Roboter, derart ferngesteuert, von einer Blume zur nächsten – die Blüten liegen als Foto-Karten aus.

Sinah Weidemeier und Münire Balaban, gleichfalls angehende Erzieherinnen, haben sich Bee-Bot ausgesucht, um sie beim IT-Workshop für Erzieher ihren Mitschülern zu präsentieren. Sinah Wiedemeier erklärt, dass sich die Biene bestens eignet, um vorausschauendes Denken einzuüben. Sie reize auch dazu, Geschichten zu erzählen, die es dann nach zu programmieren gilt.

Für Stefanie Schreitmüller, Leiterin der Kindertagesstätte St. Martin in Markdorf-Ittendorf, stellen Ausflüge in die digitale Welt die große Ausnahme im frühkindlichen Erziehungsalltag dar.
Für Stefanie Schreitmüller, Leiterin der Kindertagesstätte St. Martin in Markdorf-Ittendorf, stellen Ausflüge in die digitale Welt die große Ausnahme im frühkindlichen Erziehungsalltag dar. | Bild: Jörg Büsche

"Wir haben hier keinen Kinder-PC im Kindergarten", erklärt Stefanie Schreitmüller, Leiterin der Kindergartens St. Martin in Ittendorf. Die Welt der digitalen Medien hat trotzdem Einzug gehalten, berichtet die Erzieherin. Denn beim Spielen fotografieren sich die Kinder dann und wann mit der hauseigenen Digital-Kamera.

Die Fotos kommen dann in die Portfolios der Kinder, mit denen sie ihre Lernentwicklung festhalten. Zurückgegriffen wird gelegentlich auch auf ein Tablet. Etwa wenn es darum geht, eine Blume oder einen Schmetterling zu bestimmen.

Katharina Lissner, Leiterin Kindergarten St. Elisabeth: "Eigentlich wollen wir nicht, dass unsere Kinder bei uns digitalem Spielzeug begegnen. Unser Schwerpunkt liegt auf dem sozialen Miteinander. Der digitalen Welt begegnen sie schon genug daheim. Da heißt es eher, dem etwas anderes entgegenzusetzen."
Katharina Lissner, Leiterin Kindergarten St. Elisabeth: "Eigentlich wollen wir nicht, dass unsere Kinder bei uns digitalem Spielzeug begegnen. Unser Schwerpunkt liegt auf dem sozialen Miteinander. Der digitalen Welt begegnen sie schon genug daheim. Da heißt es eher, dem etwas anderes entgegenzusetzen." | Bild: Jörg Büsche

Indes sind solche Ausflüge ins Internet die seltene Ausnahme und nicht die Regel, erklärt Stefanie Schreitmüller. Wobei sie beobachtet, dass die allermeisten schon ein gewisses Vorwissen mitbringen: "Das Wischen und Tippen mit den Fingern ist für viele ganz selbstverständlich."

Im St.-Martin-Kindergarten wird großer Wert auf analoge Medien gelegt. "Wir achten bei der Wahl von Bilderbüchern darauf, dass die wirklich gut sind", betont die Kindergartenleiterin.

Marion Jacopic, Erzieherin Kindergarten St.Elisabeth: "Wir müssen immer mehr grundlegende Dinge vermitteln. Da wird unser Schwerpunkt im Kindergarten auch weiterhin drauf liegen. Was nicht ausschließt, dass es nicht auch mal zu einem Projekt kommt, bei dem auch auf digitale Medien zurückgegriffen wird."
Marion Jacopic, Erzieherin Kindergarten St.Elisabeth: "Wir müssen immer mehr grundlegende Dinge vermitteln. Da wird unser Schwerpunkt im Kindergarten auch weiterhin drauf liegen. Was nicht ausschließt, dass es nicht auch mal zu einem Projekt kommt, bei dem auch auf digitale Medien zurückgegriffen wird." | Bild: Jörg Büsche

Die zwei Fotos an der Informationswand für die Eltern sagen viel. Zu sehen sind ein Vater, eine Mutter, umgeben von ihren Kindern. Beide, die Frau wie der Mann, blicken konzentriert auf ihre Smartphones. "Heute schon mit ihrem Kind gesprochen?", lautet die Frage auf den Bildern. "Man kann das jeden Tag beobachten", erklärt Anca Scheu, die Leiterin des St.-Nikolaus-Kindergartens.

Auf Spielplätzen oder in der Bahn begegne man dauernd Erwachsenen, die ihre ganze Aufmerksamkeit ihrem Handy schenken. "Ein bisschen wollen wir da ein Gegengewicht schaffen", so die Erzieherin.

Andreas Geiger, Rektor der Jakob-Gretser-Grundschule: "Ich halte es da mit dem Erziehungswissenschaftler Hartmut von Hentig, der wenig vernünftige Gründe für einen frühzeitigen Einsatz von digitalen Medien erkennen kann. Unser Maßstab sollte so lange wie möglich der ganze Mensch sein – der mit allen Sinnen erfährt, der noch mit der Hand schreiben lernt, nicht nur auf Tasten tippt. Und was sich sowieso verbietet: der Einsatz digitaler Medien als Babysitter."
Andreas Geiger, Rektor der Jakob-Gretser-Grundschule: "Ich halte es da mit dem Erziehungswissenschaftler Hartmut von Hentig, der wenig vernünftige Gründe für einen frühzeitigen Einsatz von digitalen Medien erkennen kann. Unser Maßstab sollte so lange wie möglich der ganze Mensch sein – der mit allen Sinnen erfährt, der noch mit der Hand schreiben lernt, nicht nur auf Tasten tippt. Und was sich sowieso verbietet: der Einsatz digitaler Medien als Babysitter." | Bild: Jörg Büsche

Im St.-Nikolaus-Kindergarten schauen die Kinder deshalb Kinderbücher an, bauen Tisch-Geschichten, bei denen sie mit greifbaren Materialien hantieren. "Das Digitale kommt dann ganz von selber", ist sich Anca Scheu sicher. Aus ihrer Sicht reicht es vollkommen aus, wenn die erste intensive Berührung im Grundschulalter erfolgt, "sobald die Kinder lesen und schreiben lernen."

Von gewünscht bis noch kein Thema

  • Das sagt die Fachautorin: Eva Reichert-Garschhammer vom Münchner Staatsinstitut für Frühpädagogik schrieb im vergangenen Jahr, dass heute Familienhaushalte mit Kindern im Alter von zwei bis fünf Jahren, überdurchschnittlich gut mit digitalen Geräten ausgestattet seien. Zum Beispiel mit Tablets oder Smartphones. Kein Wunder also, wenn die sogenannte "Medien-Biografie" heute bereits sehr früh beginnt. Hinzu kommt, dass sich auch die Welt der Spielzeuge immer rasanter in Richtung Digitalisierung. Reichert-Garschhammer sieht einen Wandel: Das noch vor wenigen Jahren recht harsche Gegeneinander von Befürwortern und Gegnern des Einsatzes von digitalen Medien in Kindertagesstätten hat sich inzwischen gemildert. 2017 wurde es von immerhin 75 Prozent der Erzieher befürwortet – freilich unter der Maßgabe, dass er verantwortungsvoll geschieht.
  • Das sagt die Stadtverwaltung: Klaus Schiele, als Hauptamtsleiter in Markdorf zuständig für die Kindertageseinrichtungen der Stadt, verfolgt die öffentliche Diskussion über den Einsatz digitaler Medien im Kindergarten. "Aus meiner Wahrnehmung heraus ist das bei uns noch kein Thema." Gleichwohl heiße es zu regieren, falls die derzeit noch auf der Ebene von Strategie-Konzepten und Modellprojekten erörterten Gedanken über die Digitalisierung in der frühkindliche Bildung den Eingang in die verbindlichen Orientierungspläne finden sollten. "Aber das ist dann für alle verbindlich, nicht nur für einzelne", erklärt Schiele.
  • Das sagt die Bildungsexpertin: Für Ursula Schnur von der "BBQ Berufliche Bildung gGmbH" einem gemeinnütziger Bildungsträger der zum "Bildungswerk der Baden-Württembergischen Wirtschaft e. V." gehört, zählt es zu den Selbstverständlichkeiten, dass die angehenden Erzieher "bei ihrer frühkindlichen Bildungsarbeit auch die Inhalte aus dem MINT-Bereich aufgreifen". Der umfassen neben der Mathematik, den Naturwissenschaften und der Technik auch die Informatik, erklärt Schnur. "Unser Grundanliegen ist es, dass technisch-naturwissenschaftliche Zusammenhänge kindgerecht vermittelt werden." Was indes nur die eine Seite sei. Die andere: "Dass Erzieher die Wissbegierde der Kinder fördern." Und das beziehe sich heute auch aufs Digitale.