Wenn es darum geht, Autos mit anderen zu teilen anstatt ein eigenes zu besitzen – sogenanntes Carsharing – sind Großstädte und Ballungszentren längst Vorreiter. Mieten ersetzt dort kaufen. Anders sieht es in ländlichen Regionen wie Markdorf aus. Seit etwa fünf Jahren hat der Verein Bodenseemobil dort einen Opel Corsa platziert, mittlerweile an recht exponierter Lage gegenüber der Stadthalle.

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Die Nachfrage, so berichtet Wielant Ratz, Vorsitzender des Vereins, sei dennoch mehr als überschaubar. Gerade einmal fünf von insgesamt etwa 500 Mitgliedern des Vereins stammen aus dem Markdorfer Raum. Das Fahrzeug sei bei weitem nicht ausgelastet, sagt er gegenüber dem SÜDKURIER.

Viele Markdorfer besitzen ein eigenes Auto

„Der öffentliche Personennahverkehr, als Alternative zum Auto, ist in Markdorf nicht sehr ausgeprägt, deshalb sind die meisten Bürger auf ein eigenes Fahrzeug angewiesen, um beispielsweise zur Arbeit zu kommen“, begründet Ratz die schwache Nachfrage nach dem Carsharing-Angebot. Dazu, so meint er, seien die Markdorfer auch weniger Fahrrad-affin, was vielleicht auch an der Hanglage der Stadt läge. Dennoch zeigt sich Ratz optimistisch und sieht im Städtle deutlich mehr Potenzial für Carsharing in der Zukunft.

Wielant Ratz, Vorsitzender von Bodenseemobil
Wielant Ratz, Vorsitzender von Bodenseemobil | Bild: Münzer, Gabriele

Es wäre doch alles recht einfach, ist der Vorsitzende überzeugt. Man könne das Fahrzeug – in Markdorf steht ein roter Opel Corsa – jederzeit online buchen, sofern man entweder Mitglied im Verein oder zumindest bei Bodenseemobil angemeldet sei. Hotline, Buchung und Abrechnung erfolgten schnell und bequem über Flinkster, dem Carsharing-Portal der Deutschen Bahn. Mit einer speziellen Chipkarte lässt sich das Fahrzeug dann öffnen, so Ratz. Der Autoschlüssel ist im Handschuhfach hinterlegt und schon kann es losgehen.

Carsharing hat viele Vorteile

Laut Wielant Ratz habe Carsharing viele Vorteile. Allein die Unterhaltskosten eines Privatautos, zum Beispiel regelmäßige Inspektionen, TÜV und Abgasuntersuchungen oder auch Versicherung und Steuer, seien sehr teuer. „Wer weniger als 8000 Kilometer Wegstrecke pro Jahr zu bewältigen hat, fährt kostengünstiger mit Carsharing“, erklärt Ratz. Jedes Bodenseemobil-Mitglied, das tatsächlich ein Carsharing Fahrzeug des Vereins nutzte, gebe dafür im Schnitt etwa 50 Euro pro Monat aus. Der Vorsitzende berichtet: „Das dürfte privaten Autobesitzern die Tränen in die Augen treiben, da ein eigenes Auto mindestens viermal so teuer ist.“ Er ist überzeugt, dass Carsharing ein umweltfreundliches Verhalten begünstigt, „weil man das Auto nur dann nimmt, wenn man es wirklich braucht“.

Zugegebenermaßen sei aber der komplette Umstieg auf ein Leihfahrzeug nur sinnvoll, wenn man nicht täglich ein Auto benötige und keine Hol- und Bringfahrten mit Kindern erledigen müsste. Für viele Nutzer sei Carsharing auch eine gute Alternative zum Zweitwagen oder als Ersatzfahrzeug, wenn der eigene Wagen in der Werkstatt sei, so Ratz im Gespräch mit dem SÜDKURIER. Auch wenn im Haushalt nur ab und an ein zweites Auto benötigt werde, könne man auf Carsharing zurückgreifen.

Vorausschauende Planung nötig

Eine vorausschauende Planung und Buchung ist allerdings nötig, damit das Fahrzeug zum gewünschten Zeitpunkt auch verfügbar ist. Olaf Hahr, regelmäßiger Nutzer aus Markdorf, spricht aus Erfahrung: „Gerade an Wochenenden im Sommer sollte man etwa eine Woche im Voraus buchen.“ Im Winter sei es einfacher.

Olaf Hahr
Olaf Hahr | Bild: privat

Die derzeitige Nachfrage – der Corsa in Markdorf ist nur etwa halb so stark ausgelastet, als ein Auto in Friedrichshafen – habe laut Ratz noch deutlich Potenzial nach oben. Am See entlang wäre das ÖPNV-Angebot besser und weniger Menschen hätten daher ein eigenes Auto. Olaf Hahr hat sein Auto aus Überzeugung abgeschafft: „Ich versuche mit Fahrrad, Bus und Bahn sowie mit Carsharing mobil zu sein“, erklärt er. Dass die Umstellung nicht leicht war, gibt er offen zu. Er hoffe jedenfalls sehr, dass die Nachfrage in Markdorf ausreiche für die Wirtschaftlichkeit des Fahrzeugs, damit er es auch in Zukunft leihen könne.

Nutzer freuen sich über das Angebot

Eine fleißige Nutzerin ist auch Allmut Brüwer. Die Erzieherin leiht sich den Corsa wöchentlich, für Großeinkäufe oder Ausflugsfahrten. Für sie ist das Auto ein Fortbewegungsmittel für den Umkreis. Weitere Strecken bewältigt sie mit Bus oder Bahn. Tatsächlich sei es so, weiß Wielant Ratz, dass die Autos hauptsächlich für Strecken unter 100 km gemietet werden, zumeist sogar nur für 30 bis 50 km.

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„Ich genieße es, mich um nichts kümmern zu müssen am Auto. Man ist zwar nicht so unabhängig, als mit eigenem Auto, aber man kommt zurecht“, sagt Brüwer. Frieder Staerke vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) ist ebenfalls begeistert vom Carsharing: „Es geht einfach, spart nicht nur Geld, sondern auch Blech und Platz in der Stadt.“

Frieder Staerke, Sprecher VCD Kreisgruppe Bodenseekreis, Markdorf.
Frieder Staerke, Sprecher VCD Kreisgruppe Bodenseekreis, Markdorf. | Bild: privat

Auch für Unternehmen interessant

Carsharing sei nicht nur für Private, sondern auch für Unternehmen oder öffentliche Einrichtungen interessant, so Wielant Ratz. Dann, wenn die eigene Fahrzeugflotte ausgelastet sei und noch ein Fahrzeug benötigt werde, könne das Angebot helfen, Engpässe zu überbrücken. Interessant seien Leihfahrzeuge für Touristen, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisten und für Ausflugsfahrten mobil sein möchten.