Frau Bräuer, schön, dass Sie mit uns über Ihre berufliche wie private Leidenschaft sprechen, dem Thema "Gesunde Ernährung" – und das in einem anderen als üblichen Sinn.

Wenn es anderen Denkanstöße gibt und ich damit interessierte Menschen erreichen kann, würde mich das freuen. Beherzigt man ein paar Sachen ohne Zwang, wird das Leben erheblich leichter und besser.

Es war und ist Ihr beruflicher wie privater Schwerpunkt. Wie wurde Ihre Leidenschaft für Ernährung geweckt?

Der Antrieb kam während der Schwangerschaft. Ich habe schon immer frisch gegessen, aber ab dem Zeitpunkt noch mehr darauf geachtet. Ich habe mich über Bücher und Zeitschriften schlau gemacht und irgendwann hat es mich gepackt und ich wollte näheren Zugang zum Thema. Ich war nicht so die Kaffeetrefftante mit Baby. Mein Mann hat nach dem Kind geschaut, wenn ich Kurse belegt und mich weitergebildet habe. Später habe ich statt Urlaub Ausbildung gemacht; Urlaub war mir immer zu langweilig und ich habe lieber für die teuren Seminare Geld ausgegeben.

Dann sind Sie gar nie gereist?

Doch, die Ausbildungen fanden auch im europäischen Ausland statt. Ich bevorzuge Städtereisen, interessiere mich für Museen und Kunst; die schöne Landschaft haben wir ja hier. Wenn ich in einer großen Stadt bin, möchte ich in die Kunsthäuser und den Künstlern und ihren gemalten Landschaften nachspüren: zum Beispiel in Amsterdam und der Provence auf den Spuren von van Gogh wandeln oder den Weg von Leonardo da Vinci in Bern, Basel, Zürich oder im französischen Schloss, in dem er gelebt hat und in dem seine Modelle ausgestellt sind, auf diese Weise nahekommen.

Eine ungewöhnliche Art von Kunstbetrachtung. Sie sehen hinter den Bildern nicht nur das Gemalte, sondern auch den Maler. Wen mögen Sie am liebsten?

Van Gogh ist mein großer Liebling. Er war ein grandioser Maler und seine Geschichte fasziniert mich: Er war arm und krank und ich hinterfrage, was ihn angetrieben hat. Ich denke, ich lebe Kunst auch in einer weiteren Form: Nicht, indem ich male oder musiziere, sondern ich drücke mich in der Präsentation des Essens aus: Es muss ästhetisch sein, alles muss farblich zusammenpassen. Dazu gibt es Kerzenlicht.

Es heißt ja auch Esskultur. Damit sprechen Sie nicht nur den augenscheinlichen Sinn an, sondern es geht um mehr.

Es ist nebenbei die Gesunderhaltung, das Anti-Aging und ich halte mein Gewicht, obwohl ich nur laufe, also nicht jogge. Bei mir gibt es keine Diäten. Ich bin ein Verfechter der absoluten Mischkost, das ist ganz wesentlich. Man muss herausfinden aus dem Labyrinth von 1000 Diäten, es geht gar nicht, wie wir uns kasteien. Ich mag keine Strenge, das bringt nichts! Wir müssen das Erlebnis der Essensaufnahme als Kunstwerk genießen und es wirkt. Man fühlt sich super. Ich stehe morgens auf, freue mich auf den Tag, mir tut nichts weh und ich muss nicht überlegen, welche Medikamente ich nehmen muss. Nach dem Zweijahres-Check reicht mir meine Hausärztin einen Ausdruck der Ergebnisse und sagt: "Bitte einrahmen".

Dass dies alles funktioniert, sieht man an Ihnen: Sie sind Ihr eigenes Testimonial, schwungvoll, energiereich, immer fröhlich. Wie sieht Ihr Speiseplan aus?

Ich bin kein Frühstücker. Morgens trinke ein Glas heißes Wasser, nehme etwas Leinöl und danach einen schönen heißen Kaffee mit viel Milchschaum. Das ist ein Ritual. Essen und Trinken hat für mich viel mit Ritual zu tun, weil ich meinem Körper Referenz erweise, weil er mich so toll leben lässt. Spätvormittags esse ich Obst. Mittags gibt es immer einen großen Salat mit etwas Fleisch aus artgerechter Haltung, oder Fisch, vegetarische Küchle oder Kartoffeln. Ich esse mich satt, ohne mich zu belasten. Nachmittags lasse ich einen Espresso über eine einzige, aber feine Praline in den Gaumen laufen. Ich bin ein totaler Genussmensch.

Und abends?

Da koche ich. Auch kohlenhydratreiche Lebensmittel. Wenn man nicht gerade einen Berg Nudeln isst, nimmt man nicht zu, wobei ich betonen möchte, dass es mir beim gesunden Essen nicht ums Abnehmen geht, sondern um das gesunde Leben. Das Abnehmen kommt automatisch. Ich liebe Gemüse, bin ein Wok-Kocher. Da kann man herrliche Sachen kreieren und ich kann meine Leidenschaft für japanische Küche ausleben. Beim Schneiden kann man den Tag Revue passieren lassen, sich entspannen. Es gibt Spaghetti mit Pesto, oft Ratatouille, Suppen, Tafelspitz mit vieeeel Gemüse oder jetzt wieder Hühnersuppe.

Sind Sie ein Verfechter einer besonderen Ernährungsform? Jedes Jahr wird ja eine neue aufs Podest gehoben und ein anderes Lebensmittel verdammt.

Die 5-Elemente-Ernährung ist mein Thema. Da geht es nicht um Vitamine und Mineralstoffe allein, sondern um die Wirkung eines Nahrungsmittels. Dazu gehören weder Einfrieren, noch Mikrowelle, noch kochende Küchenmaschine. Ich habe bei ganz tollen Lehrerinnen gelernt, wie man mit der Hand gute Energie in Lebensmittel arbeitet. Energetik ist für mich ein großes Thema. Und zum anderen: Erst wurde die Butter verteufelt, dann das Eigelb. Dabei ist beides wertvoll und essentiell. Vor wenigen Monaten las man, was für ein Irrtum das war.

Derzeit ist Intervallfasten als Anti-Aging und Abnahmerezept in aller Munde. Was halten Sie davon?

Ich esse normal zu vernünftiger Zeit. Ich achte darauf, was mir guttut und möchte mich nach dem Essen wohlfühlen. Ein Beispiel: Kompott und Getreide geht, aber frisches Obst in Kombination mit Getreide gärt. Viele wissen das nicht. Eine Diät braucht man nur, wenn man eine Krankheit hat, wie beispielsweise Zucker/Diabetes. Ich nehme Obst und Gemüse als Medizin. Andere gehen in die Apotheke, ich gehe zum Einkaufen.

Sündigen Sie nie?

Na klar doch! Aber eine Sünde muss sich lohnen und richtig lecker sein. Wenn ich Schokolade esse, dann gute Pralines. Das ist mein Trick. Ich kaufe Gutes, das etwas teurer, aber besser ist – und durch den Preis reduziert sich automatisch die Menge. Ich habe weder Rheuma, noch Arthrose oder Gicht. Qualität und Menge sind entscheidend. Zudem achte ich auf Regionalität, ich bin ein Fan von Märkten und ich weiß, dort wo ich mein Fleisch kaufe, kann ich mir die Tiere auf der Weide anschauen im Wissen, dass es ein gesundes Tier ist.

Sind Sie auch so glaubwürdig, da Sie ihren Zuhörern keine Pülverchen ans Herz legen?

Ich denke schon. Ich bin eine der wenigen Referenten, die an keine Firma und an kein Produkt gebunden sind. Ich bin absolut frei – aber die Freiheit, etwas zu sich zu nehmen, überlasse ich jedem. Ich bin keine Missionarin. Aber für den Preis teurer Nahrungsergänzungsmittel kann ich mich von Lebensmitteln in Demeter-Qualität ernähren. Auch andere regionale landwirtschaftliche Produkte sind sehr gut. Übrigens: Durch den trockenen Sommer fehlt es an Futter, es mussten mehr Tiere als sonst geschlachtet werden. Deswegen mein Aufruf, gutes Fleisch zu kaufen, damit es auch weiterhin Obst und Gemüse gibt, denn auch über das Fleisch verdient ein Betrieb.

Freiheit in der Entscheidung ist ebenfalls Ihr Thema.

Ich bin Waage, die braucht eine lange Leine, in jeder Beziehung. Es gab einige, die wollten mich managen. Es war verlockend – aber für welchen Preis. Und es geht fast immer um den Preis der Freiheit. Richtig gemanagt werden heißt auch richtig Stress – den brauche ich nicht mehr. Ich möchte Zeit haben für Begegnungen, Gespräche, Zeit, um etwas zu vermitteln.

Wo verbreiten Sie Ihr Wissen?

Ich bin feste Referentin zu gesunder Lebensführung in der Therme Meersburg, bei der Volkshochschule Bodenseekreis, bei Firmen, Banken, Institutionen und Akademien. Aus dem Hauptberuf bin ich altersmäßig ausgeschieden und hab jetzt Zeit für meinen Zweitberuf.