Schule einmal ganz anders, das kann erleben, wer dieser Tage den Schulverbund aus Real- und Werkrealschule am Markdorfer Bildungszentrum besucht. Seit Beginn dieser Woche arbeiten die Schüler an Projekten. Die Themen haben sie selbst ausgewählt. Und die Lehrer stehen nicht vor den Klassen, sondern begleiten die einzelnen Lerngruppen bei der Arbeit – in der Klasse oder an ganz anderen Orten außerhalb der Schule. „Uns ist es sehr wichtig, unseren Schülern nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern diese ganzheitlich zu fördern“, erklärt Veronika Elflein, Rektorin des Schulverbunds. 

Salvatore (von links), Michali und Ahmed suchen im Internet nach Material für ihr Projektarbeitsthema.
Salvatore (von links), Michali und Ahmed suchen im Internet nach Material für ihr Projektarbeitsthema. | Bild: Jörg Büsche

Eine Woche keine Hausaufgaben, zählt der zehnjährige Jona als einen der Pluspunkte der Projektphase auf. Hinzu komme: „Eigentlich haben wir gar keine richtige Schule.“ Und trotzdem hätte er viel gelernt, erklärt der Fünftklässler. Zum Beispiel noch mehr Englisch-Vokabeln. Jona besucht den bilingualen Zug der Realschule. Dort wird in einigen Fächern englisch und deutsch gesprochen. Das Mehr an neuen Wörtern eignet sich Jona derzeit quasi spielend an. Im Rahmen ihres Projekts „Lernen lernen“ verfertigt die 5a sogenannte „Lapbooks“. Zu diversen Themen, „Freizeit“, „Freunde“, „Schule“, gestalten die Schüler Mappen, in die sie aufklappbaren Kärtchen mit Unterpunkten kleben. „Das fordert und fördert die Kreativität“, erklärt Lehrerin Vivian Maier.

Projektwochen machen den Schülern Spaß – und den Planern sehr viel Arbeit. Hier zeigt Vize-Rektor Klaus Spatzier das Ergebnis seines Teams.
Projektwochen machen den Schülern Spaß – und den Planern sehr viel Arbeit. Hier zeigt Vize-Rektor Klaus Spatzier das Ergebnis seines Teams. | Bild: Jörg Büsche

„Genau so habe ich auch geguckt“, sagt Sabrina Büchle. Der Schulsozialarbeiterin ist die Überraschung des Reporters nicht entgangen. Die Überraschung über das „große Kino“, das da auf Sabrina Büchles Tablet-Computer stattfindet. Auf ein spektakuläres Intro folgt reine Spannung. Da werden Köpfe zusammengesteckt, da wird getuschelt. Ausgeheckt wird indes kein Banküberfall, sondern eine neue Strategie, um einen Mitschüler zu mobben. Alles hat Spielfilmcharakter, wurde jedoch von Sechstklässlern mit dem Video-Equipment des BZM-Schulverbunds gedreht. Und der so aufwändig wirkende Streifen ist kein Einzelfall. Das mag den großen Vorbildern auf Netflix oder im Kino geschuldet sein, zeugt aber von viel Phantasie.

Roza, 15 Jahre: „Bei unseren Projekttagen waren wir in einer Klinik in Ravensburg. Es gab auch einen Vortrag übers Rauchen und die Gefahren von Alkohol. Es war spannend.“
Roza, 15 Jahre: „Bei unseren Projekttagen waren wir in einer Klinik in Ravensburg. Es gab auch einen Vortrag übers Rauchen und die Gefahren von Alkohol. Es war spannend.“ | Bild: Jörg Büsche

Alle 800 Schüler des Schulverbunds am Markdorfer Bildungszentrum haben in dieser Woche Projekt-Unterricht. Die Fünftklässler befassen sich mit dem Thema „Lernen lernen“, die Sechstklässler mit „Gewaltprävention“, die Siebtklässler mit „Suchtprävention“. Mit „Gewalt und Medien“ befassen sich die Achtklässler. Und die Neuntklässler arbeiten an ihren „Projektprüfungen“. Wie Klaus Spatzier, der stellvertretende Schulleiter des Schulverbunds erläutert, sind die „verbindlicher Teil des Fachs WBS, Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung.“

Laurenz, 12 Jahre: „Wir haben zum Thema Gewalt ein Video gedreht, bei dem es um Sachbeschädigung ging. Mir hat das viel Spaß gemacht.“
Laurenz, 12 Jahre: „Wir haben zum Thema Gewalt ein Video gedreht, bei dem es um Sachbeschädigung ging. Mir hat das viel Spaß gemacht.“ | Bild: Jörg Büsche

Projekt-Unterricht muss nicht unbedingt in den Klassenräumen stattfinden. Denn die einen drehen ja im Rahmen der Gewaltprävention einen Film auf dem Schulgelände, die anderen befassen sich beim selben Thema in der Sporthalle mit Taekwondo, die Dritten besuchen beim Schwerpunkt Suchtprävention ein Krankenhaus in Ravensburg, um mit frisch operierten Rauchern zu sprechen.

Samuel, 11 Jahre: „Ich habe einen Rapsong geschrieben. Zum Thema Gewalt – und das hat großen Spaß gemacht. Das war mal ganz was Anderes.“
Samuel, 11 Jahre: „Ich habe einen Rapsong geschrieben. Zum Thema Gewalt – und das hat großen Spaß gemacht. Das war mal ganz was Anderes.“ | Bild: Jörg Büsche

„Deutscher Rap“, „Naturkatastrophen und „Sucht“, heißen Themen, die sich die Gruppen der Werkrealschul-8a gestellt haben. Die Schüler sitzen an Tablets und sammeln Material. „Von solchem selbstständigen Arbeiten profitieren Schüler ungemein, erklärt David Funes, ihr Klassenlehrer. Er schaut dabei nicht nur auf die anstehende, verpflichtende Projektprüfung in Klasse 9, er blickt auf die gesamte Schullaufbahn.

Bican, 13 Jahre: „Wir haben gestern über Sucht geredet. Auch darüber, dass es manche rauchen, weil sie glauben, dass das cool ist.“
Bican, 13 Jahre: „Wir haben gestern über Sucht geredet. Auch darüber, dass es manche rauchen, weil sie glauben, dass das cool ist.“ | Bild: Jörg Büsche

„Rauchen kann tödlich sein“, liest Achim Kruzinski vor. Dazu zeigt er auf das eines Lungenkarzinoms. Abfotografiert von einer Zigarettenpackung – und nun vom Sucht-Präventionsbeauftragten des Ravensburger Polizeipräsidiums verwandt, um in Schulen auf die Gefahren des Rauchens aufzuklären. Die Siebtklässler im Stuhlkreis um ihn herum beantworten brav die Fragen des Beamten, geben ihr Wissen über Drogen preis, erklären, „dass die süchtig machen können“. Im zuvor gesehenen Video, einem anderen Arbeitsschritt der Projektwoche, haben sie sich mit den sozialen Mechanismen befasst, die am Anfang einer „Drogen-Karriere“ stehen können. „Weil man dazu gehören möchte.“ „Weil man cool wirken will“, lauten die Antworten der Schüler zu der von Polizeihauptmeister Kruzinski erfragten Gruppen-Dynamik.

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