Dass ein Haus ein Dach benötigt, ist logisch. Dass ein Stück Wald zum Wohnraum wird, ist schon nicht mehr so logisch. Zumindest war es dies nicht bis zum Jahr 2005. Seitdem bewohnt eine muntere Zwergenschar diesen Wald-Wohnraum: die Waldkinder vom Familienforum Markdorf. Der Unterschlupf aber, ein Bauwagen, ist lediglich eine Leihgabe des Jugendreferats Markdorf und ganz schön in die Jahre gekommen. Seit zwölf Jahren besteht das Angebot der Waldkinder.

Frühstück unterm Blätterdach. Für die Waldkinder des Familienforums bedeutet dies Leben im Freien, im Einklang mit den Jahreszeiten und der Natur. Bilder: Familienforum/Magino
Frühstück unterm Blätterdach. Für die Waldkinder des Familienforums bedeutet dies Leben im Freien, im Einklang mit den Jahreszeiten und der Natur. Bilder: Familienforum/Magino

Renate Hold, Leiterin des Familienforums, erklärt: "Es kam damals der konkrete Wunsch vieler Eltern auf, die Stadt bot allerdings keinen Waldkindergarten an." So wurde das kleine Waldstück oberhalb der Panzierwiese 2005 urbar gemacht, für Kinder im Vor-Kindergartenalter wurde eine Heimat auf Zeit geschaffen. Als Schutzraum für sehr nasses und kaltes Wetter dient der Bauwagen. "Leider ist dieser Wagen nicht mehr dicht, es zieht durch die Ritzen und immer mehr Risse entstehen", beklagt Renate Hold. Auch wird der Wagen im Sommer für die Ferienspiele abgebaut und zur Weiherwiese transportiert, wo er als Behausung dient. Hold sagt: "Das ist jedes Mal ein Aufwand von fast einer Woche." In dieser Zeit ohne Bauwagen müssten die Waldkinder gänzlich ohne schützendes Dach auskommen. "Unser Traum wäre ein neuer, eigener Wagen oder eine Schutzhütte, die etwas mehr Platz bietet." Hier könnten auch die Spielgeräte und einige Outdoor-Möbel eingeschlossen werden. Denn Vandalismus sei ein großes Problem: Während des Sommers seien viele Spielgeräte und Aufbauten immer wieder zerstört worden.

"Der beißt nicht!" Dass man einen Regenwurm auf die Hand nehmen kann, haben heute viele Kinder verlernt. Bei den Waldkindern werden die Zwei- bis Dreijährigen zurück zur Natur geführt.
"Der beißt nicht!" Dass man einen Regenwurm auf die Hand nehmen kann, haben heute viele Kinder verlernt. Bei den Waldkindern werden die Zwei- bis Dreijährigen zurück zur Natur geführt.

Das Projekt der Waldkinder hat in Markdorf einen Alleinstellungsfaktor und ist nur dank der hohen Eigeninitiative der Eltern möglich geworden. Hold erklärt, hier gehe es nicht nur um eine naturnahe Betreuung im Wald, sondern vor allem um die Wiederentdeckung der Natur. "Durch die Medien werden wir selbst und nicht zuletzt unsere Kinder immer mehr von der Natur entwöhnt", beklagt sie die in Medien kommunizierten und vermeintlichen Gefahren, die in der Natur lauern könnten. Borreliose, Hanta-Viren, Fuchsbandwurm, um nur einige zu nennen, seien zwar gefährlich und nicht auf die zu leichte Schulter zu nehmen. Im richtigen Umgang aber, mit geschultem Auge, entsprechendem Wissen, vor allem aber mit sicherem Gespür sollte das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur gewahrt bleiben. "Dass man eine Brombeere wirklich essen kann, soll den Kindern vermittelt werden", betont sie die Wichtigkeit der Rückführung zur Natur. "Es ist völlig überzogen, in Panik zu verfallen."

Dreck ist nicht schlimm! Die "Waldkinder" beweisen mit einer erstaunlichen Robustheit gegenüber Krankheiten das Gegenteil.
Dreck ist nicht schlimm! Die "Waldkinder" beweisen mit einer erstaunlichen Robustheit gegenüber Krankheiten das Gegenteil.

Angela Pittermann, beim Familienforum engagiert und Mutter dreier ehemaliger Waldkinder, spricht aus Erfahrung: "Die Kinder wachsen dort mit einem natürlichen Selbstverständnis auf." Sie würden weitaus seltener krank, entwickelten dank Wind und Wetter eine gesunde Robustheit. Jetzt fehle nur noch ein neues Schutzdach.

 

Aktion "Vereinshelden"

Mit seinem Waldkinder-Projekt bewirbt sich heute das Mehrgenerationenhaus Markdorf um einen der drei Preise unserer Aktion "Vereinshelden". Weitere Bewerber werden wir in der kommenden Woche vorstellen. Die Aktion läuft noch bis zum 30. September, dann ist Bewerbungsende. Der SÜDKURIER hat ein Preisgeld von insgesamt 5000 Euro ausgelobt, das unter den drei Vereinen aufgeteilt werden wird, deren Projekte unsere Leser als die unterstützenswertesten auswählen. Einen Coupon für die Leserabstimmung veröffentlichen wir im Oktober. Als Sonderpreis der Redaktion vergeben wir noch für eine vierte Aktion den in SÜDKURIER-Farben gehaltenen Bus unseres Partners Wegis Reisen (Ahausen) inklusive Fahrer für einen Tag zur freien Verfügung. Wer sich bewerben möchte, sollte eine E-Mail mit einer kurzen Beschreibung des Projektes an markdorf.redaktion@suedkurier.de senden. (gup)