Mit 91 Jahren klappt das selber Kochen nicht mehr so gut. „Nur wegen des guten Essens bin ich überhaupt so alt“, ulkt Hermann Hug, während er am Küchentisch seiner Wohnung im Markdorfer Garwiedenweg sitzt. Vor ihm steht eine Plastikbox mit Tragegriff, verschlossen mit einer Schnalle. Gerade hat der Senior die Mahlzeit von zwei ehrenamtlichen Mitarbeitern der Sozialstation Markdorf geliefert bekommen, es ist etwa 10.30 Uhr. Damit das möglich ist, musste an anderer Stelle bereits länger gearbeitet werden, als es auf den ersten Blick für nötig erscheint.

Im Morgengrauen Mittagessen kochen

Der Tag für das Küchenpersonal der Sozialstation beginnt nämlich deutlich früher. Während die meisten Menschen sich gerade noch einmal im Bett herumdrehen, wendet Hermann Ziegler schon 50 Stücke Fleischkäse in der Bratwanne. Es ist gerade erst 6 Uhr. Es bedarf einiger Vorlaufzeit, um den Anforderungen einer Großküche gerecht zu werden. Schließlich müssen 450 Mahlzeiten täglich zubereitet werden, nicht nur für das Essen auf Rädern. Wer dieses Angebot nutzt, kann zwischen fünf Speisen wählen – Schonkost und zuckerreduziert inklusive. Das Angebot ist den Bedürfnissen der Kunden angepasst. Dies erfordert zusätzlichen Aufwand. Dafür arbeiten vier Angestellte bis um 9.30 Uhr, ehe die erste Pause eingelegt wird. Zu diesem Zeitpunkt sind die Mahlzeiten für das Essen auf Rädern fertig und bereits runtergekühlt.

Hermann Ziegler holt das Essen nach der Regeneration aus dem Ofen heraus.
Hermann Ziegler holt das Essen nach der Regeneration aus dem Ofen heraus. | Bild: Christoph Heuser

Aufstehen um 5 Uhr in der Früh

Während der Pause sitzen die vier Küchenangestellten auf Plastikstühlen im tristen Innenhof der Sozialstation. Rings herum sind bloß Wände. Sie tragen noch ihre weißen Küchenschürzen und die Hauben auf dem Kopf, während sie den ersten Schluck des frisch aufgebrühten Kaffees aus ihrer Tasse nehmen. Auch Hermann Ziegler, der sich im Sitzen mit den Unterarmen auf seinen Knien abstützt. Kein Wunder. Er wohnt in Friedrichshafen, jeden Morgen gegen 5 Uhr steigt er in das Auto in Richtung Markdorf. Aber darüber ist er sogar froh. „Wenn man Familie hat, ist die aktuelle Arbeitszeit schon vorteilhafter, als die in einem Lokal.“ Lieber morgens früh raus, als bis spät abends auf den Beinen. Auch in Restaurants hat der 58-Jährige bereits gearbeitet, ist aber mittlerweile seit 19 Jahren in der Großküche. Zu Zieglers Aufgaben gehört auch die Erstellung des Speiseplans. „Es gibt einen Katalog an immer wiederkehrenden Speisen, aber ich versuche, etwas zu variieren und auch mal was Neues anzubieten“, erklärt er.

Hat in der Küche den Hut auf: Hermann Ziegler aus Friedrichshafen.
Hat in der Küche den Hut auf: Hermann Ziegler aus Friedrichshafen. | Bild: Christoph Heuser

Ohne akkurate Tabelle geht gar nichts

Wenn der letzte Schluck Kaffee getrunken ist, geht es wieder in die Küche. „Jetzt wird das Essen noch regeneriert“, sagt Ziegler. Damit meint er das schonende Aufwärmen. Eine halbe Stunde bei 100 Grad. Wenn das Essen dann aus dem Ofen kommt, wird es in die orangefarbenen Transportboxen gepackt. Währenddessen steht bereits eine quickfidele Rentnerin auf dem Parkplatz der Sozialstation. Erika Jakoubek trägt in ihrer Hand ein Klemmbrett mit eingespanntem A4-Blatt, auf dem eine Tabelle abgedruckt ist. Sie nimmt ihre Aufgabe ernst, geht Zeile für Zeile durch. „Noch einmal Schon-, und zweimal Vollkost“, ruft sie ihrem Kollegen zu, der die entsprechend beschrifteten Transportboxen ins Auto lädt. Mit Akribie und dem nötigen Ernst geht Jakoubek ihrem Ehrenamt nach. Während des Einladens ist keine Zeit für Späße. Es sollen keine Fehler passieren, damit kein Kunde am Ende ein Essen bekommt, das er gar nicht bestellt hat.

Die Etiketten verraten, welches Menü sich in den Transportboxen verbirgt.
Die Etiketten verraten, welches Menü sich in den Transportboxen verbirgt. | Bild: Christoph Heuser

Sich selbst und anderen helfen

Die 70-Jährige arbeitet seit sechs Jahren ehrenamtlich bei der Sozialstation und hatte ihr Engagement schon lange im Voraus geplant: „Für mich war klar, dass ich mich bei der Sozialstation engagiere, wenn ich im Ruhestand bin.“ Bereits ihr Vater arbeitete ehrenamtlich. „Dadurch hatte ich diese Möglichkeit immer vor Augen“, sagt sie. Ihren eigenen Antrieb begründet die ehemalige Büroangestellte damit, etwas Gutes zu tun. Doch nicht nur den anderen: „Man tut sich selbst einen großen Gefallen“, sagt die Markdorferin: „Es ist wichtig, eine Aufgabe zu haben und man gewinnt wertvolle Kontakte.“

Erika Jakoubek und Otto Peschel geben das Essen im Wohnhaus von Hermann Hug ab.
Erika Jakoubek und Otto Peschel geben das Essen im Wohnhaus von Hermann Hug ab. | Bild: Christoph Heuser

Einmal quer durch Markdorf

In der Spitalküche ist zu diesem Zeitpunkt erst Halbzeit. Anschließend wird noch für die Schulen gekocht. Zeitgleich beginnt für das Team vom Essen auf Rädern die Fahrt durch Markdorf und die umliegenden Gemeinden. Spätestens um 12 Uhr soll das Essen bei jedem Kunden auf dem Tisch stehen. Dazu sind zwei Autos parallel unterwegs. „Wir wechseln uns alle 14 Tage ab“, erklärt Jakoubek. Das heißt: Zwei Wochen am Stück ist sie von Montag bis Samstag von 9 bis 12 Uhr unterwegs. Dann hat sie zwei Wochen Pause.

Erika Jakoubek ist heute gemeinsam mit dem Fahrer Otto Peschel unterwegs. Sie fahren einmal quer durch Markdorf. Anhalten, aussteigen, die alte Box einsammeln, die neue mit dem frischen Essen abgeben. Und weiter geht es. Auch hier denkt Jakoubek an die Kunden. Sie beeilt sich, will keine Zeit verlieren, damit niemand wartet.

Hermann Hug hat die Sozialstation selbst mit aufgebaut und profitiert nun von dem Angebot Essen auf Rädern.
Hermann Hug hat die Sozialstation selbst mit aufgebaut und profitiert nun von dem Angebot Essen auf Rädern. | Bild: Christoph Heuser

Auslieferungen beginnen schon um 10.30 Uhr

Hermann Hug ist als einer der Ersten dran und erhält sein Essen bereits um 10.30 Uhr. Es sind schlicht zu viele Abnehmer, um alle pünktlich am Mittag zu bedienen. Für Hug kommt das Essen aber tatsächlich etwas zu früh. Er stellt es zunächst ab. „Meistens esse ich gegen 12 Uhr“, sagt der frühere Steuer- und Finanzberater, „meistens ist es noch warum genug, ansonsten stelle ich es in die Mikrowelle.“

Marlene Scheu ist die Geschäftsführerin der Sozialstation in Markdorf.
Marlene Scheu ist die Geschäftsführerin der Sozialstation in Markdorf. | Bild: Christoph Heuser

Angebot wäre ohne die Ehrenamtlichen nicht bezahlbar

Bei der Frage, ob das Essen denn gut schmecke, kommt der Humor des Tennis-Fans durch. „Naja, ich habe es überlebt“, sagt er mit einem Lächeln. „Nein", betont er aber dann: "Es schmeckt wunderbar." Gewissermaßen hat Hug selbst den Grundstein für das gelegt, von dem er heute profitiert. Er war einer der Mitbegründer der Sozialstation und engagierte sich in außerordentlichem Maße für die Organisation. Ehrenamt zahlt sich aus. „Das Angebot steht und fällt mit unseren Helfern“, sagt auch Marlene Scheu, Geschäftsführerin der Sozialstation Markdorf. „Wenn wir diese nicht hätten, sondern dafür Leute anstellen müssten, müssten wir einen Preis nehmen, den uns keiner mehr zahlt.“