Er war kein Endpunkt, der „Surabaya Johnny“-Song aus „Happy End“, dem Musical von Kurt Weil, Bertolt Brecht und Elisabeth Hauptmann. Aber er markierte einen Höhepunkt des gesamten Konzerts. Zumindest was den darstellerischen Ausdruck anbelangt. Denn Isabell Marquardt war an diesem Abend, was das Mimische anbelangt, bei keinem anderen Stück ihrer Solo-Partien derart gefordert wie bei Brecht/Weils „Surabaya Johnny“.

Isabell Marquardt sang die Solopartien beim Konzert der Musikfreunde.
Isabell Marquardt sang die Solopartien beim Konzert der Musikfreunde. | Bild: Jörg Büsche

Schon wie sie dasteht. Ein Bein nach vorn gestellt, die Hände in die Seiten gestemmt – ganz Ausdruck von Empörung. Von Wut auch und Trotz, von tiefem Gekränktsein, "du Schuft!", schimpft sie. Das Zetern und Zürnen geht weiter. Johnny hat betrogen, gründlich, quasi in jedem Hafen. Zuerst spielte er den Leidenschaftlichen, um Leidenschaft zu wecken. Dann war er bloß noch gleichgültig. Immer noch Wut, immer noch Zorn, beides kulminiert in: "Nimm doch die Pfeife aus dem Mund – du Hund!" Sie lodert, während er schmaucht. "Du hast kein Herz, Johnny ...", klagt sie an. Aber dann: "und ich liebe dich so." Jäh kippt der Song ins Linde, schmerzlich Verzückte. Die Marquardt nimmt die Schärfe aus ihrem Gesang, gibt schiere Wärme hinein.

Boten den Freunden alter Musik ein sattes Panorama der Renaissance-Chormusik: die Sänger der Musikfreunde Markdorf
Boten den Freunden alter Musik ein sattes Panorama der Renaissance-Chormusik: die Sänger der Musikfreunde Markdorf

Dies Spiel mit dem Ausdruck hatte sie schon mehrfach vorgeführt. Doch wechselte da Elegisches, etwa in den Sologesängen von Erik Satie mit eher heiteren Melodien von Francis Poulenc oder mit den hölzernen Jahrmarkts-Karussell-Pferdchen in der Komposition von Claude Débussy. Im Débussy-Lied trat die hineingelegte heitre Keckheit um so deutlicher hervor, als Uwe Münch, Isabell Marquardts Begleiter am Flügel hier das impressionistische Fließen der Komposition unterstrich, während in den Poulenc-Liedern die Prägnanz überwogen hatte.

Schlichtweg begeistert vom Konzert: die Zuhörer in der Markdorfer Stadthalle.
Schlichtweg begeistert vom Konzert: die Zuhörer in der Markdorfer Stadthalle. | Bild: Jörg Büsche

Überhaupt war der Abend nicht arm an Kontrasten, auch nicht an musikalischer Komplementarität. Schließlich standen die Solo-Stücke einem Chor-Programm gegenüber. Kamen jene mit Poulenc, mit Débussy und Satie aus der Wende zur musikalischen Moderne, so führte der von Uli Vollmer geleitete Chor der Markorfer Musikfreunde zurück in die Frühe Neuzeit, zur Musik der musikalischen Renaissance. Orlando di Lasso, Hans Leo Haßler lauten hier die etwas vertrauteren Namen. Paul Peuerl, Thomas Morley oder Johann Hermann Schein klingen dagegen unbekannter, vertraut bloß den Kennern und Liebhabern alter Musik. Letzteren indes dürfte der Auftritt der Musikfreunde etliche neue hinzugeführt haben. Pierre Certons spöttisches "Je ne lose dire" mit dem schelen Blick auf einen Gehörnten und seine Frau fällt ebenso ins eher rustikale Fach wie Scheins davon reitender Abt, dessen allein gelassene Mönche ein fröhliches Zechen beginnen – mit passendem Trinklied. Köstlich dabei, neben dem Gesang, die Gesten und die Mimik der frommen Trinker. Noch köstlicher waren nur die Tierlieder von Scandello und Banchieri.

Dirigent Vollmer hatte eingangs zwar auf grippebedingte Ausfälle hingewiesen. Gemerkt hat es das Publikum nicht. Es belohnte mit Bravos, mit begeistertem Applaus. Hatte auch allen Grund dazu – nach einem wahrlich bunten Klang-Panorama aus ferner Zeit. Mit teils deftigen Szenen, teils schlichten Weisen, teils ausgewogenen Harmonien. Und als Zugabe gab es eine romantische "Mondnacht" nach Eichendorff – gewissermaßen als Happy End.

Chor trifft Renaissance

  • Der Chor der Musikfreunde Markdorf hat unter der Leitung seines Dirigenten Uli Vollmer Lieder von diversen Renaissance-Komponisten gesungen. Von Hans Leo Haßler, Paul Peuerl, Thomas Morley, Giovanni Gastoldi, Orlando di Lasso, Pierre Certon, Johann Hermann Schien, Erasmus Widmann, Antonio Scandello, Adriano Banchieri, Clément Jannequin, Thomas Tomkins, Heinrich Isaak und Leonard Lechner.
  • Die Gesangssolistin Isabell Marquardt (Sopran) sang bei dem Auftritt, von Uwe Münch am Klavier begleitet, Lieder von Francis Poulenc, Eric Satie, Claude Poulenc und Kurt Weil.