Gestreckte Arme, in die Luft geworfene Hände, rufende Kinder mit strahlenden Gesichtern. Das sieht, wer sich am 24. Juni, am Johannistag um die Mittagszeit durch Markdorfs Straßen bewegt.

Seit bald 30 Jahren entzündet Dietmar Bitzenhofer die Holzscheite bei der Kirchenmauer von St. Nikolaus, um das dann die Kinder schreiten.
Seit bald 30 Jahren entzündet Dietmar Bitzenhofer die Holzscheite bei der Kirchenmauer von St. Nikolaus, um das dann die Kinder schreiten. | Bild: Jörg Büsche

Auch dieses Mal haben sich wieder Schüler der Grundschule gegen 12 Uhr an verschiedenen Treffpunkten in der Stadt versammelt – und sind zum Klang des Angelus-Läutens vor der St.-Nikolaus-Kirche im Kreis um ein kleines Feuer mit Holzscheiten geschritten.

Video: Jörg Büsche

Dazu sagten sie sich an den Händen haltend „Engel des Herrn“ auf. Und kam das „Gegrüßest seist du, Maria, voll der Gnade ...“. Eher zaghaft, so tönten im Anschluss andere Verse doch erheblich lauter. Das „Hansa, hansa, füratle / gebt uns au a Schüratle...“ kam den Kindern problemlos über die Lippen. Sie hatten das in der Schule geübt.

Video: Jörg Büsche

Über den alten Markdorfer Brauch wurde auch gesprochen, erzählt Majida, elf Jahre, auf dem Weg vom Rathaus zum Polizeiposten. Beim Rathausbrunnen haben eben noch Bürgermeister Georg Ridmann und Stadtbaumeister Michael Schlegel aus vollen Händen Süßigkeiten ins Kinder-Knäuel geworfen, während Claudia Arnegger und Annette Wiggenhauser vor dem Hauptamt Äpfel und Brezeln verteilten.

Süßigkeiten gab‘s vor dem Rathaus von Stadtbaumeister Michael Schlegel und Bürgermeister Georg Riedmann.
Süßigkeiten gab‘s vor dem Rathaus von Stadtbaumeister Michael Schlegel und Bürgermeister Georg Riedmann. | Bild: Jörg Büsche

Über die Ursprünge des Markdorfer Heischebrauch, weiß Majida nichts. Da ist sie aber keineswegs allein. Manfred Ill, der verstorbene ehemalige Stadtarchivar hat „Hansafüratle“ nur vage in tiefer Vergangenheit der Stadt verortet.

Gitta Kopal: „Ich begleite die Kinder beim Hansafüratle, weil ich die Tradition schön finde und weil‘s den Kindern Spaß macht.“
Gitta Kopal: „Ich begleite die Kinder beim Hansafüratle, weil ich die Tradition schön finde und weil‘s den Kindern Spaß macht.“ | Bild: Jörg Büsche

So einzigartig, wie manche Markdorfer meinen, ist der Brauch aber nicht. Auch anderenorts zogen die Kinder am Jonannistag von Haus zu Haus, erbaten sich Schüratle, Holzscheite, um damit das Johannisfeuer lodern zu lassen. Dessen Vorläufer wiederum liegen wohl noch weiter zurück: im vorchristlichen Sommersonnwendfest.

Markus Brutsch mit Tochter: „Hansafüratle ist ein ganz alter Brauch, und heute ziemlich einmalig in Markdorf.“
Markus Brutsch mit Tochter: „Hansafüratle ist ein ganz alter Brauch, und heute ziemlich einmalig in Markdorf.“ | Bild: Jörg Büsche

„Wohin?“, ruft Jörg Schirm in Richtung Kinderschar. Der Leiter des Polizeipostens weiß es natürlich genau. Er will nur noch einmal das „Doher! Doher!“ hören. Es kommt. Die Kinder rufen es nun laut. Jörg Schirm und Miriam David, seine gleichfalls uniformierte Kollegin, werfen mit Bonbons und Schokolade.

Annette Wiggenhauser: „Beim Hansafüratle bin ich als Kind schon selber mitgelaufen. Damals hat‘s aber weniger Süßigkeiten gegeben.“
Annette Wiggenhauser: „Beim Hansafüratle bin ich als Kind schon selber mitgelaufen. Damals hat‘s aber weniger Süßigkeiten gegeben.“ | Bild: Jörg Büsche

Riegel und Schokotafeln habe es früher nicht gegeben, erinnert sich Dietmar Bitzenhofer. Er baut seit bald 30 Jahren den kleinen Holzscheithaufen auf der Marktstraße auf. „Für uns war Hansafüratle ein Highlight im Jahr.“ So viele Süßigkeiten wie an diesem Tag seien sonst kaum zu ergattern gewesen. „Wir hatten extra Hansarüatle-Säcke umgebunden, damit die Hände frei bleiben konnten.“ Damals, in den 1960er-Jahren sei die Innenstadt noch bewohnt gewesen. Aus beinahe in jedem Haus kam Süßes – oder Äpfel oder Nüsse.