Frau Knispel-Acosta, Sie erforschen derzeit die Einflüsse von Klimaphänomenen auf Gletscher des tropischen Vulkans Chimborazo, schreiben Sie in ihrer Kurz-Vita. Der Chimborazo wurde von Alexander von Humboldt erstmals bestiegen. Gibt es da einen direkten Zusammenhang mit Ihrer Arbeit?

Leider nein. Der Chimborazo ist einer der innertropischen Vulkane, die besonders von Effekten des Klimawandels und dem „Enso“ (El Niño Southern Oscilation) Phänomen betroffen ist. Der Rückgang der Gletscherfläche im letzten Jahrhundert ist besorgniserregend, da die Wasserversorgung der Bevölkerung bei einem Verschwinden des Gletschers nicht mehr gewährleistet ist. Riobamba, am Fuße des Chimborazo ist die Hauptagrarregion von Ecuador. Wasserknappheit durch den Verlust des Gletschers hat hier extreme Auswirkungen auf die Nahrungsmittelversorgung des gesamten Landes.

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Heute wird Humboldt als „Urökologe“ bezeichnet. Ist sein Blick auf den Zusammenhang, auf die Wechselwirkungen von Natur und Kultur ein anderer als der heutige? Wo liegen die Parallelen, wo die Unterschiede? Wie erfahren Sie diese Zusammenhänge in Ihrer Arbeit?

Humboldt schrieb 1802 in einem seiner Reisetagebücher: „Alles ist Wechselwirkung. Davon bin ich überzeugt.“ Damit ist Humboldt ein Vorreiter gewesen, der es sehr gut verstand, ökologische Zusammenhänge aufzuzeigen. Es gelang ihm, komplexe Sachverhalte/Verbindungen auf einer Metaebene zusammenzufügen, ähnlich wie Wissenschaftler es heute zum Beispiel im Bezug auf den Klimawandel auch tun. Humboldt wird auch als erster Klimaforscher bezeichnet. Er betrachtete nicht nur die einzelnen Naturphänomene, sondern verstand sich auf die grundsätzlichen übergeordneten Zusammenhänge, auf ein holistisches Weltbild. Seine Methode des weltweiten Vergleichs bezog sich keineswegs nur auf Forschungsergebnisse, sondern er war darum bemüht, die historische Herausbildung wie die kulturellen Hintergründe dieser Wissensbestände herauszuarbeiten und zu berücksichtigen. Wir verfügen heute über weitaus mehr Wissen als zu Humboldts Zeiten. Dennoch ist die Arbeit Humboldts ein Grundstein in vielen Forschungsbereichen und hat nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Seine Ideen und Gedanken wurden weltweit weiterentwickelt. Ohne Humboldt wäre der Großteil der Entdeckungen eines Charles Darwin nicht denkbar gewesen. Humboldts Weltbegriffe zielen darauf ab, bei einem möglichst breiten Publikum ein komplexeres Bewusstsein von der Mannigfaltigkeit der Welten zu schaffen. Sein Ziel war es nicht, allein von Europa aus gleichsam zentralisiert ein Denken über die Welt in Gang zu setzen, sondern an möglichst vielen Stellen unseres Planeten die Schaffung und Verbreitung von Wissen aufblühen zu sehen. Leider fehlt den Wissenschaftlern heute oft der Blick über den Tellerrand oder das eigene Forschungsgebiet, diese Weitsicht, die Humboldt besaß. Eine interdisziplinäre Verknüpfung von verschiedenen Forschungsdisziplinen scheitert zu oft an finanziellen Mitteln. Betrachte ich in meiner Forschung die gesamtheitlichen Auswirkungen des Chimborazos, müsste ich klimatologische, geologische, ökologische, soziale, gesundheitliche und sicher einige weitere Forschungsfragen stellen. Dies ist in der heutigen Wissenschaft nicht mehr möglich. Ich konzentriere mich daher nur auf einen kleinen Teil. Humboldt hatte ein offenes Herz und einen guten Sinn für die Gemeinschaft. Sein durch die Romantik gefärbter Blick gäbe der Wissenschaft von heute vielleicht einen positiven Anreiz, sich selbst auch mal nicht ganz so ernst zu nehmen.

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Wie sehen Sie Humboldts Rolle als Menschenrechtler?

Es war Alexander von Humboldt, der – im Gegensatz zu den bis dahin herrschenden Vorurteilen – als erster dafür eingetreten ist, dass die Eingeborenen Amerikas eine eigenständige Kultur, eine Religion und eine eigene Architektur besitzen, die es verdienen, untersucht und erfasst zu werden. Er war ein Bewunderer der Französischen Revolution und ihrer Ideale und ein Verfechter der Gleichheit aller Menschen. In einem Essay über Kuba schrieb er: „Zweifelsohne ist die Sklaverei das größte Übel, welches jemals die Menschheit betroffen.“ Er fragte nach den Wurzeln der altamerikanischen Kulturen und betonte die Eigenständigkeit dieser Welten. Jedoch brachte er das europäische Staatsverständnis auf den lateinamerikanischen Kontinent. Spannungen zwischen Regierungen und indigenen Minderheiten, wie zur Zeit in Venezuela, Ecuador, Bolivien, zeugen von dem bis heute in Lateinamerika nie gelösten Konflikt zwischen gut gemeinten, aus Europa übernommenen fortschrittlichen Ideen und der Kultur und der Lebensart der Indigenas.

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Saskia Knispel-Acosta hält am kommenden Samstag, 16. November, um 20 Uhr in der Mittleren Kaplanei einen Vortrag anlässlich des 250. Geburtstages des deutschen Forschers und Weltreisenden Alexander von Humboldt. Der vom BUND Markdorf veranstaltete Abend mit der Wissenschaftlerin ist kostenfrei.