Im Markdorfer Gehau werden derzeit Bäume gefällt. Zu diesem Zwecke sperrt die städtische Forstverwaltung die Wege in den betreffenden Bereichen des Waldstücks an der Bundesstraße nach Meersburg ab. Spaziergänger und Jogger müssen ausweichen, da die in der Nähe der Waldarbeiten Astschlag droht. "Ende Februar werden wir fertig sein", erklärte Stadtförster Jörn Burger. Dann werden seine Mitarbeiter rund 700 Festmeter Holz geschlagen haben. Das Holz bringt auf dem derzeitig schwierigen Markt momentan relativ wenig Geld ein. Die Kosten des Hiebs, das Abfahren der geschlagenen Bäume und die Wiederinstandsetzung der in Mitleidenschaft gezogenen Wege seien kaum gedeckt, erläutert Burger. Eine Wahl bleibe ihm jedoch nicht. Denn die zu fällenden Bäume seien allesamt vom sogenannten Eschentriebsterben betroffen.

Die Infektionskrankheit befällt bei Eschen zunächst die Kronen und macht dann die Stammfüße anfällig für Pilze. Unmittelbare Folge ist, dass die Bäume an Standfestigkeit einbüßen, was von außen kaum sichtbar ist. Wie stark der Stamm betroffen sei, lasse sich oft erst nach dem Fällen feststellen. In Markdorfs Wäldern lässt Stadtförster Burger deshalb systematisch die Eschen an den Wegesrändern schlagen. "Verkehrssicherheit hat unbedingte Priorität", erklärt er, "nicht auszudenken, wenn ein Baum einen Spaziergänger erschlägt – oder wenn eine Esche auf die Bundesstraße kippt." Diese Gefahr sei ausgesprochen hoch, so Burger. Dabei weist er auf die im Gehau wie in einem riesigen Mikado-Spiel aneinander gelehnten Eschen. Jüngere Bäume, deren Stämme nur wenige Fingerbreit über den Wurzeln durchgefault sind.

Selbst starke Bäume wirft die durch Pilzbefall verursachte Stammfußnekrose um.
Selbst starke Bäume wirft die durch Pilzbefall verursachte Stammfußnekrose um. | Bild: Jörg Büsche
Buttrig weich lösen sich die Holzfasern auf, sodass der Baum keinen Halt mehr findet.
Buttrig weich lösen sich die Holzfasern auf, sodass der Baum keinen Halt mehr findet. | Bild: Jörg Büsche

Im Inneren des Gehaus bleiben die toten Eschen sich selbst überlassen. Denn es handelt sich bei diesem Waldstück um ein FFH-Gebiet. In dem Landschafts- und Naturschutzgebiet sollen laut EU-Richtlinie Pflanzen und Tiere ihren natürlichen Lebensräumen überlassen bleiben. Eingriffe seien nur gerechtfertigt, wenn sie – so wie entlang der Gehau-Wege – der Sicherheit dienen.

Der Waldboden erzittert, als sich der stattliche Stamm mit schwerem Ächzen niederlegt. Peter Ummenhofers "Achtung!" ist längst verklungen. Zwei Mal hatte der Forstmitarbeiter es ausgerufen – für den Fall, dass doch jemand die Absperrungshinweise am Beginn des Waldwegs beim Gehau-Parkplatz missachtet haben sollte. Auch Ummenhofers Kollege Bernhard Brutsch schaut noch eine einige Sekunden nach oben. Beide Forst-Leute hatten sich nach dem letzten Schnitt mit der Kettensäge und dem anschließenden Einsatz des hydraulischen Fällhebers in Sicherheit gebracht. "Man weiß nie, was kommt", erklärt Ummenhofer später. Morsche Äste können, vom umfallenden Stamm mitgerissen und gegen andere Äste gedrückt, fortkatapultiert werden.

Bernhard Brutsch und Peter Ummenhofer bringen den hydraulischen Fällheber zum Einsatz. Auch das zählt zu den zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen.
Bernhard Brutsch und Peter Ummenhofer bringen den hydraulischen Fällheber zum Einsatz. Auch das zählt zu den zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen. | Bild: Jörg Büsche
Noch steht diese Esche, doch könnte es durchaus sein, dass sie im nächsten Augenblick genauso umfällt wie die Bäume hinter hier. Wie stark ein Baum befallen ist, sei erst auszumachen, wenn er liege, erklärt Bernhard Brutsch.
Noch steht diese Esche, doch könnte es durchaus sein, dass sie im nächsten Augenblick genauso umfällt wie die Bäume hinter hier. Wie stark ein Baum befallen ist, sei erst auszumachen, wenn er liege, erklärt Bernhard Brutsch. | Bild: Jörg Büsche

Die andere große Gefahr beschreibt Bernhard Brutsch: "Angefaulte Eschen verlieren unter Umständen ihren letzten Halt, wenn der Boden durch einen umstürzenden Baum erschüttert wird." Einem Forstmitarbeiter in Karlsruhe wurde das vor einiger Zeit zum Verhängnis. Wie Stadtförster Jörn Burger erklärt, gelte es beim Eschen-Fällen einen weit höheren Aufwand als sonst zu betreiben. Zusätzliche Sicherungen seien anzubringen. Statt der üblichen Keile komme vor allem der Fällheber, ein hydraulisch betriebener, daher erschütterungsfreier Keil, zum Einsatz. Auf diese Weise passiere weniger gefahrvoller Astbruch. Mehr Sorgen als sonst um seine Mitarbeiter macht sich Burger trotzdem.

Durchgefault lautet die Diagnose von Forstmitarbeiter Peter Ummenhofer. Am Stammfuß einer jungen Esche haben sich Pilze breit gemacht .
Durchgefault lautet die Diagnose von Forstmitarbeiter Peter Ummenhofer. Am Stammfuß einer jungen Esche haben sich Pilze breit gemacht . | Bild: Jörg Büsche
Auch dieser Stammfuß in der Nähe des Weges ist schon von Fäule befallen.
Auch dieser Stammfuß in der Nähe des Weges ist schon von Fäule befallen. | Bild: Jörg Büsche

Eine andere Sorge des Stadtförsters ist, was er anstelle der Eschen pflanzen soll. "Das ist hier Auwaldboden, da wächst kaum etwas anderes als die recht staunässe-unempfindlichen Eschen." Ausweichen wird Burger wohl auf Eichen. Für die gebe es seitens der EU Förderungsgelder. Denkbar wären auch Erlen. Doch die erzielen auf dem Markt nur geringe Preise. Der Wirtschaftlichkeit aber gelte es im Stadtwald stets Rechnung zu tragen.

"Ganz wichtig ist mir", gibt Jörn Burger mit auf den Weg, "dass die Leute wissen, warum wir im Gehau Holz ernten müssen – zur Verkehrssicherheit -, dass wir immer nur einen Weg absperren und dass die Leute unbedingt unsere Sicherheitshinweise einhalten."

 

Eschentriebsterben

Verursacht wird das sogenannte Eschentriebsterben durch einen aus dem asiatischen Raum eingeschleppten Pilz, das "Falsche Stengelbecherchen". Die hochinfektiöse Baumkrankheit befällt die Triebe, führt zur Nekrose und lässt die Kronen verlichten. Anfällig wird auch das Stammholz. Pilze können sich leichter bilden, sodass das Holz morsch wird und an Standfestigkeit einbüßt. In Baden-Württemberg stehen auf etwa 5 Prozent der Waldflächen Eschen. Somit zählt sie neben der Buche die zweithäufigste Baumart in Baden-Württembergs Wäldern. Im Markdorf Stadtwald liegt der Anteil an Eschen aufgrund der besonderen Standortbedingungen mit 13 Prozent noch höher. Experten rechnen kaum damit, dass die Esche noch zu retten ist.