Kann das gut gehen? Einem Flirt mit dem Jazz war Peter Vogel, Konzertmanager aus Lindau und ausgebildeter klassischer Pianist, ja noch nie abgeneigt. "Klassik trifft Jazz" hießen seine Projekte, in denen er beide Genres ineinander verwob. Für den akademischen Besserhörer das Signal, dass eben auch Jazz in der Kunstmusik wurzelt. Nun ging Vogel einen Schritt weiter: "Just Jazz" heißt sein neues Experiment, mit dem er am Freitag ausgerechnet seine Klassik-dominierte Reihe der Langenargener Schlosskonzerte eröffnete.

Was hatte das Publikum zu erwarten? Fadenscheinigen Swing? Eine lauwarme Smooth-Jazz-Dusche im bürgerlichen Konzertsaal? Die Straßen in den Jazz-Himmel oder zur Rock-Hölle sind ja bekanntlich mit vielen ehrenwerten "Klassikern" gepflastert, die sich eingebildet haben, eine vermeintliche Billigburg mit ihren schweren Geschützen der Stimm- und Tonbildung im Handstreich zu erobern. Und die dann groovende Klassik boten, aber nicht mehr.

Nichts von alldem im Langenargener Schloss. Handstreichartig zeigt Vogel an diesem Abend nur eines: dass sein Flirt mit dem Jazz schon immer ernst gemeint war. Aus der Liebäugelei ist eine tragfähige Liebesbeziehung geworden. Tragfähig deshalb, weil der Musiker seine Herkunft nicht leugnet. Das zeigt sich schon beim ersten Stück: "Doctor Gradus ad Parnassum". "Stufen zum Parnass" – also zu dem Berg, der als Sitz der Musen gilt – so hatte schon ein gewisser Johann Joseph Fux zu Beginn des 18. Jahrhunderts sein auf Latein verfasstes musiktheoretische Hauptwerk benannt. Es war ein Lehrbuch des Kontrapunktes, der gemeinhin wichtigsten Kompositionstechnik des Barock.

Claude Debussy hat dem schwergewichtigen Werk scherzhaft einen Doktortitel verpasst und mit ihm seinen Kinderzyklus "Children's Corner" eröffnet. Der Klaviersatz mit seinen Orgelpunkten, zerlegten Akkorden und der fortlaufenden Sechzehntelbewegung erinnert an Bach-Präludien – doch Debussy ging mit der Tradition ironisch um. Er sah in dem Stück eine Art "hygienischer Gymnastik". Vogel und sein Ensemble nahmen Debussy beim Wort und machten mit dieser Art von Humor nun endgültig Ernst. Frei nach dem Motto "if you know the rules you can break them" (wenn die die Regeln kennst, darfst du sie brechen) gaben sie gleich im ersten Stück Vollgas. Allen voran Christian Maurer, der als Saxofon-Koryphäe bezeichnet werden darf. Sein "klassisches Erbe": selbst Kadenzen spielt er mit einer Präzision und Phrasierung, die nur wenige beherrschen. Doch zur makellosen Technik treten übersprudelnde Ideen. Seine Soli kamen wie große Entwicklungsromane daher.

Das Ensemble blieb zunächst in der "Kinderecke" – in "Hannah" lässt Vogel seine eigene Tochter bebop-verrückt auftreten. Am Schlagzeug legte Wolfi Rainer das pulsierende Fundament, und Dragan Trajkovski betrieb komplex groovende Bassarbeit. Doch mit Sängerin Alexandrina Simeon hatte das Ensemble noch einen weiteren Trumpf im Ärmel. Auch sie ist klassisch vorgebildet – und erzählt dann in der Ballade "Still" mit so verführerisch-geschmeidiger Stimme vom Verglühen einer Liebe, dass man sie ausschließlich als Jazz-Lady wahrnimmt.

Die meisten Stücke stammten aus Vogels Feder, und wenn nicht, dann hat er sie arrangiert. Wie etwa den Paul Desmond-Klassiker "Take Five", ein Ohrwurm des Jazz. Vogel fügte der gewohnten Variante eine neue hinzu, bei der er sogar selbst singt. Doch wenn Vogel singt, dann sinkt er auch – letztes Endes ist aber auch das augenzwinkernd gemeint.

Humor blitzte in fast allen Nummern auf. Und – zweite Überraschung – nach dem Vorbild des berühmten "American Songbook" hat Vogel schon als Schüler, wenn man so will, ein "Lindauer Songbook" geschaffen, mit Texten eines Klassenkameraden. Überhaupt spannt er gern Freunde für die Textarbeit ein. Ob "Past and Memories", "Blue Moon" oder "Mrs. Sunlight" – Vogels Ensemble reihte Bop, Blues und Balladen wie Perlen an einer Kette auf. Schon mit seiner CD "Wings" hat der Musiker bewiesen, dass ihm neue Flügel gewachsen sind. Das Publikum goutierte die Höhenflüge mit vielen Wow!-Rufen – und erhielt als Dreingabe Paolo Contes "Via con me".


Das nächste Langenargener Schlosskonzert findet am Freitag, 9. Juni, um 19.30 Uhr statt. Der Pianist Shaun Cho spielt dann Werke von Franz Schubert (4 Impromptus D.899 op. 90, Klaviersonate c-moll D. 958) und Frédéric Chopin (Barcarolle Fis-Dur op. 60). Karten für 35, 30 und 25 Euro (Schüler/Studenten 15 Euro) gibt es unter Telefon 08 00/9 99 17 77 und unter ticket.suedkurier.de. Informationen im Internet: www.langenargener-schlosskonzerte.de