„Wer an den Bodensee kommt und am Strand entlang läuft, guckt auf den Boden“, sagt Simone Rueß. Das, so sagt sie, mache alle gleich, die hierher kommen. Und das ist die Erkenntnis, die sie mit ihrem Partner Matthias Reinhold im Kavalierhaus Langenargen gewonnen hat. Alle Bemühungen der beiden Künstler zielten darauf ab, ihre eigene Existenz mit der von Langenargen für diese Zeit zu verbinden und den Ort, auf den sie sich einließen, zu sehen, zu verstehen und zu erleben. Sie reflektierten die Landschaft aus See, Flüssen, Ort. Sie fanden die Relikte aus Natur und Zivilisation und verarbeiteten sie. Sie erkannten die Besucherwellen im Ort und am See und versuchten, sie zu vermessen. Und sie fassten all dies in der Galerie und, ganz wichtig, auf deren Balkon in einem weiten, bunten Diorama zusammen.

Die Jury für das Langenargener Stipendium konnte sich zwischen Simone Rueß und ihrem Mann Matthias Reinhold, der sich unabhängig von ihr um das Stipendium beworben hatte, nicht entscheiden und lud kurzerhand das Künstlerpaar mit seinen beiden Kindern gemeinsam ein. Noch nie hatten beide in einem Projekt zusammengearbeitet. Dabei liegen die Verbindungen der beiden künstlerischen Standpunkte nach Sichtung der Ausstellung „soziale Strandgüter“ auf der Hand.

Simone Rueß, 1982 in Weingarten geboren, studierte an der Kunstakademie in Stuttgart und beschäftigt sich seit Jahren mit der konkreten und gedanklichen Vermessung von Räumen und Landschaften. Matthias Reinhold, geboren 1978 in Ulm, studierte ebenfalls an der Akademie in Stuttgart. Sein zentrales Thema ist das Suchen, Finden und Sammeln in der Landschaft. Im Projekt in Langenargen ergänzten sich die Absichten der beiden Künstler und verschränkten sich zugleich.

Die Galerie des Kavalierhauses ist am Boden, an den Wänden, an der Decke und außen am Haus mit einer einzigen Collage aus verarbeiteten Fundstücken vom Bodenseeufer und Zeichnungen von dem Künstlerpaar überzogen worden. Ihnen ist dabei besonders wichtig, dass auch ihr dreijährigen Sohn Leon einbezogen war, der ja mit seiner kleinen Schwester und seinen Eltern in den Räumen des Kavalierhauses lebte. Um dem Publikum, das sich am Donnerstagabend im Kavalierhaus einfand, zu erläutern, wie der Arbeitsprozess ablief und zu den detailreichen und kleinteiligen Installationen und Objekten führte, die überall zu sehen sind, zeigten Rueß und Reinhold ein „performatives Gespräch“. Dazu setzten sie sich auf das Stück grünen Kunstrasen mitten im Raum und artikulierten laut die Gedanken, die ihnen in diesem Moment in den Sinn kamen. Es entwickelte sich ein Dialog zwischen den Beiden, der in Wirklichkeit, wenn die Künstler unterwegs waren oder in der Galerie arbeiteten, oft lautlos verlief. Wichtig nur: Einer reagiert auf den anderen und versuchte den momentanen Fluss der Ereignisse zu erkennen, zu reflektieren und in eine Handlung, die zur Kunst wurde, umzusetzen.

Damit stellen sich beide Künstler in die Tradition der Kunstrichtung „Fluxus“, die 1960 vom Künstler George Macunias begründet wurde. Wichtige Vertreter der Fluxusbewegung waren John Cage, Josef Beuys oder Nam June Paik. In jüngster Zeit ist die Hinwendung zu diesen Jahren der Kunst, die besonders auch von gesellschaftlichem und politischem Aufbruch gekennzeichnet waren, in der bildenden Kunst verstärkt wahrzunehmen. Der Begriff „Fluxus“ kommt vom lateinischen „flux“ und bezeichnet einen Zustand des Fließens und der Vergänglichkeit.

Das sind nicht unbedingt die Begriffe, die ein Kunstbetrachter mit den gewohnten Kunstwerken in Verbindung bringen würde. Dies wären eher Eindeutigkeit, Beständigkeit oder Überzeitlichkeit. So ist es auch nicht verwunderlich, dass „Fluxus“ als elementarer Angriff auf das Kunstwerk im bürgerlichen Sinn verstanden wird. Die Künstler wollen den fließenden Übergang zwischen Kunst und Leben und collagenartig komponierte Geschehensabläufe zeigen.

Simone Rueß und Matthias Reinhold haben ihr Leben und das ihrer Kinder in Langenargen mit ihrer Kunst verbunden. Die Fundstücke und Zeichnungen ergänzen sich zu tiefen Gedanken über das Sein in Langenargen. Das setzt sich natürlich nicht nur aus der Gegenwart in Langenargen zusammen. Gerade die Fundstücke vom Ufer – Federn, Holz, Kunststoffrudimente, Glas, vieles was zunächst nach Müll aussieht – werden zu neuen Objekten verarbeitet und erhalten so als quasi-archäologischer Fund eine neue Bedeutung. Der Wechsel der Perspektive ist den Künstlern fundamental: Der Blick zwischen Suchen am Boden und dem Sehen der Ferne über dem See, der Weg des Begreifens zwischen Finden eines Stückes Kunststoff und dem Erkennen, was es mal war und jetzt neu sein könnte, das ist es, was beide Künstler im Kern verbindet. Das Gesamtkunstwerk „soziale Strandgüter“ zeigt dies verspielt und eindrucksvoll.

Die Künstler sind noch bis Dienstag, 4. Juli, täglich von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 17 Uhr in ihrer Ausstellung in Langenargen anzutreffen und können dort befragt werden. Danach schließt das Kunstwerk und verschwindet wieder. Simone Rueß und Matthias Reinhold brechen dann mit ihren Kindern zu einem neuen Abschnitt ihres Lebens auf. Das Ziel diesmal: Berlin.

Matthias Reinholds Arbeit mit Fundstücken kann im Internet unter der Adresse www.ikonolog.de permanent eingesehen werden.