Mister Rutter ist Engländer. Er hat für das goldene Thronjubiläum der Queen komponiert und für die Hochzeit von William und Kate in Westminster Abbey. Gut möglich, dass der englische Verdienstorden noch nicht seine letzte Auszeichnung war. Dass er eines Tages zum Ritter geschlagen wird, um fortan als "Sir" die Musikwelt aufhorchen zu lassen. In Deutschland hat in besonderer Weise der Cäcilienverband, der Dachverband der katholischen Kirchenmusik aufgehorcht. Er hat Mister John Rutter mit seiner höchsten Anerkennung ausgezeichnet – der Orlando di Lasso-Medaille.

Das lässt hoffen. Und darf in einer Zeit, in der in Gottesdiensten gern das "neue, geistliche Lied" angestimmt wird, als Beweis gewertet werden, dass religiöse Sprachlosigkeit und musikalische Ignoranz noch nicht die Oberhand gewonnen haben. Auch Rutter erprobt eine neue Tonsprache, er verbindet klassische Satztechniken mit populärer Harmonik. Doch im Gegensatz zu den religiösen Schlagern, die in Anlehnung an den Pop der siebziger Jahre entstanden sind, driftet Rutters Musik niemals ins Banale ab. Und anstatt poesielose Texte zu vertonen, deren Gottesbilder oftmals jeder christlichen Prägung beraubt sind, greift er zur biblischen und liturgischen Überlieferung und reichert sie mit Gedichten an, welche die Zwiesprache mit Gott in sprachgewaltige Bilder hüllen. So wird Glaube zum Klingen gebracht und nicht trivialisiert.

Mit Rutter tat Chorleiter Martin Beck beim diesjährigen Konzert des Kirchenchors St. Martin in Langenargen einen Glücksgriff. Der Komponist bietet eine Moderne, die das Publikum nicht verstört, sondern es mit fassbarer, sprechender Musik packt. Und: Die Werke sind trotz aller rhythmischen Finessen auch für Laienchöre singbar. So hatte sich im Altarraum der St. Martinskirche eine ganze Heerschar an Sängerinnen und Sängern versammelt: neben den Kirchenchoristen auch die Mitglieder des Singkreises Cantiamo. Als das "Kyrie" von Rutters "Mass of the Children" anhob, ergab das ein sattes Klangbild. Auch das Orchester mit Musikern aus der Region überzeugte durch Geschmeidigkeit und Präzision. Im stark rhythmisierten "Gloria" konnte ihm der Chor dann zwar nicht so leichtfüßig folgen, aber der Tutti-Aufschwung gelang. Im "Agnus Dei" hat Rutter ein Gedicht von William Blake eingearbeitet: "Little lamb" – "kleines Lamm", das chorisch etwas verloren über die Wiesen hoppelte. Im "Donna nobis pacem" betraten die Sänger dann wieder sicheren Boden, der Chor klang warm und rund. Auch die Gesangssolisten Peter Strecker (Bass) und Evelyn Schlude (Sopran) berührten mit demütig-bittender Haltung.

Zu einer kleinen Sensation gelang den Aufführenden dann das "Magnificat", in dem Rutter der langen Tradition folgte, den Text in mehreren Sätzen unterschiedlichen Charakters zu strukturieren. Auch hier hat er ein altenglisches Gedicht eingearbeitet. Und: Inspiriert von "fröhlichen Marienfesten in latein-amerikanischen Kulturen" legte er das Werk als "helle Latino-Fiesta" an. "Meine Seele erhebt den Herrn": Intonationssicher hoben die Frauenstimmen an, bevor der gesamte Chor dem tänzerischen Rhythmus folgte. Dann braust Stimmgewalt auf: "Er stößt die Mächtigen vom Thron". Auch Evelyn Schlude lässt ihren Sopran mal auf-trumpfen, mal zügelt sie ihn lieblich, bleibt stimmlich aber immer anmutig. Im "Gloria Patri" kommt dann alles zusammen: die eindringliche Bitte "Eile zu Hilfe den Armen", der Rückgriff auf gregorianische Melodik, die Kombination Schlagwerk und Harfe, die Rondoform, die das Ende zum Anfang macht. Auf dass die Singenden und Hörenden – wie es der Barockdichter Friedrich von Spee verlangte – "in Gott und in göttlichen Sachen ein Genügen und ein Frohlocken schöpfen". Glockengeläut, und dann: Beifall über Beifall.