Als Hans-Uwe Hähn noch ein Junge war, stand er zu Hause in Westfalen am Fenster und sah hinab ins bewaldete Tal. "Auf einmal, schockartig, stellte sich mir die Frage: Was wäre, wenn die Bäume nicht da wären? Was wäre an deren Stelle? Andere Bäume? Oder eine Lücke? Diese Vorstellung einer anderen Möglichkeit habe ich als urkünstlerischen Impuls ausgemacht; und er hat mich nicht verlassen", sagt Hähn.

In der Lände Kressbronn geht der heute bei Tuttlingen lebende Künstler an diesen Urgrund zurück: "Andere Bäume" heißt in Anlehnung an sein Erlebnis die Serie, die er hier neben anderen Arbeiten ausstellt. Hähn ist ein leiser Mensch, der druckreif formuliert. Einer, der von den fixen Gegebenheiten abrückt, forschend in sich horcht und im Holzschnitt die künstlerische Technik gefunden hat, die hierzu passt. "Die Druckplatten sind mit Tusche abgedunkelt. Ich schneide also mit dem Messer in die Finsternis. Der erste Kratzer, Schnitt oder Hieb ist eine Öffnung in die Dunkelheit. Von dieser Spur aus kann ich mich auf den Weg machen."

Die Druckplatte wird zur handfesten Metapher für den Weg in eine Innenwelt, die sich mit der aus der Phantasie geborenen Frage "Was wäre wenn?" öffnet. Und in dieser Innenwelt steht nichts still. Über die Jahre und Jahrzehnte hat Hans-Uwe Hähn einen Bildkosmos aus sich geschöpft, der sich immer wieder selbst erneuert – denn Hähn zeichnet auch und schreibt poetische Texte. "Ich schreibe zu meinen Bildnissen so wie andere skizzieren. Und zu diesen Texten treten wieder neue Bilder hinzu", sagt der Künstler. Jede Äußerung in einer der drei Techniken – Druck, Zeichnung oder Schrift – kann den übrigen zu einem Ansatzpunkt werden, der das Werk aus Ganzes verändert und weiter treibt.

Wichtig ist, dass die künstlerischen Techniken nicht beginnen, ein Spiel zu treiben, das nur noch ihren eigenen Gesetzen gehorcht und die Verbindung zur Innensicht des Künstlers kappt. Hähn möchte das Existenzielle greifen. Wie mit jener Metapher, die ihm vor einigen Jahren in den Sinn kam: das Wort vom "Zeltplatz untertage". Ein im Inneren des Daseins liegender Ort, der einem selbst Obdach gibt; ein vorläufiger Ort, von dem man die Zelte auch wieder abbricht, um sie anderswo neu aufzuschlagen. Übersetzt hat Hähn das Sprachbild in abstrakte Holzschnitte, in denen zwei Dreiecke einander fast wie die Flügel von Schmetterlingen begegnen – unter blau-schwarzen Schichten, die man entweder als schützend oder lastend empfinden kann.

Die "eine" Handschrift von Hans-Uwe Hähn gibt es nicht. Farbigkeit und schwarzweiße Kontraste, das große und das kleine Format, völlige Gegenstandslosigkeit oder die an Jean Dubuffet erinnernde schlichte Gestalt eines Hundes in einer Landschaft – Hähns Bildwelt ist vielseitig und immer wieder finden sich Druckdetails älterer Arbeiten auch in neuen Blättern. Ob sie noch tragen, für ihn selbst noch stimmig sind, diese Selbstbefragung ist Hähn wichtig. "Das sind Prekärsituationen, in denen ich mich auch selbst auf die Probe stelle. " Zeiten der Ungewissheit und des Umbruchs werden nicht ausgespart, sondern fließen ein, wie in jenem Blatt der Serie "Andere Bäume": "Der Blick geht wie in kahle Äste", beschreibt Hähn, "und dazwischen befindet sich eine schwebende Form". Das Schwebende als Bild des Neuen, das er in sich fand.

Ohnehin: Wo geht es der Kunst schon ums dingfest Gemachte? Und so bricht bei Hans-Uwe Hähn Gegensätzliches das Eindeutige auf, schafft Spannung: Sichtlich mit der Hand gezogene Linien verbinden starr aufgedruckte geometrische Schollen zur fragilen Figur; aus schwarzgrauen Verwerfungen, die wie erkaltete Magma wirken, bricht ein weißes Leuchten; und die expressive Holzschnitt-Reihe der "Tanzenden Kreise" wirkt, als habe der Künstler einzelne Zeichen einer eilig hingeworfenen exotischen Handschrift vergrößert – Zeichnung, Druck und Schrift gehen ineinander über.

Hähn, der in Tuttlingen die Jugendkunstschule leitet, leitete in Kressbronn in den Ferien auch den dritten Kunst-Campus. Entstanden sind erstaunliche Holzschnitte von 16 Jugendlichen. Auch sie sind Teil der Ausstellung. "Ich bringe meine 'Bäume' mit, die Jugendlichen ihre", sagt Hähn, denn die Anregungen zu ihren Motiven fanden die Jugendlichen in den Bäumen des Kressbronner Schlössleparks. Die Druckplatten wurden mit Ölfarben auf Stoff gedruckt – und wer sie sehen will, sollte den Schlösslepark erkunden. Zu Windfahnen vernäht, hängen sie dort nämlich im Geäst. Den Hintergrund erläutert Gudrun Teumer-Schwaderer, Initiatorin des Kunst-Campus: "Die Idee war, den Bäumen etwas zurückzugeben."

Die Eröffnung ist am Freitag, 15. September, um 19 Uhr in der Lände Kressbronn. Zur Einführung spricht Gudrun Teumer-Schwaderer. Zu sehen bis 15. Oktober, geöffnet Dienstag bis Sonntag 15 bis 17 Uhr.