Es gibt Couscous, Küsschen und eine blutige Nase. Und nach 110 Spielminuten langanhaltenden Applaus mit „Bravo“-Rufen. Im Theater Ravensburg hat am Freitagabend das Stück „Der Vorname“ Premiere gefeiert. Die zynische Komödie von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière unterhält das Publikum im sehr gut besuchten Saal bestens: zwischen Tränenlachen und im Halse steckengebliebenem Jauchzen.

Auch auf der Bühne paddeln und kraulen die fünf Freunde durch ein emotionales Wechselbad. Elisabeth und Pierre haben zum marokkanischen Dinner geladen: Ihr Bruder Vincent und seine schwangere Freundin Anna sind ebenso dabei wie der sensible Claude. Vincent verkündet, dass er seinen ungeborenen Sohn Adolphe nennen will – angelehnt an einen verehrten Romanhelden. Pierre explodiert. Elisabeth versucht zu vermitteln. Claude verstummt. Anna keift. Aus Spaß wird Ernst; aus Ernst wird Spaß. Es beginnt eine intellektuelle Reise nach Jerusalem. Die jedoch nicht jedem im Raum Freude bereitet. Einer nach dem anderen sitzt mal zwischen den Stühlen. Und auf jede noch so flammende Diskussion folgt eine noch feurigere.

Regisseur Karsten Engelhardt inszeniert das französische Erfolgsstück mit enormem Tempo. Wie ein Hochgeschwindigkeitszug rauscht die Komödie über die Bühne – fahrplanmäßig mit unzähligen Pointen im Minutentakt. In den Text hat der Regisseur nur minimal eingegriffen. Und das ist gut: Denn die Dialoge sind geschliffen, wie sie sind.

Dem bestens aufgelegten Ensemble verlangt das Stück sehr viel ab: In Echtzeit wird der Abend gespielt – ohne Szenenwechsel, ohne Pausen. Dabei sitzt das Publikum beinahe auf dem Schoß der Darsteller, nämlich nah dran am Esstisch. Werner Klaus hat das Bühnenbild auf das Nötigste reduziert: Tisch, Stühle, Gedeck, einen Sessel und als avantgardistische Bücherregale einige von der Decke baumelnde Bücherstapel. Das Interieur könnte exquisiter sein – muss aber nicht. Schließlich konzentriert sich ohnehin alles auf das gesprochene, gezischte, gebrüllte Wort. Aus der Guckkastenbühne ist eine Arena für den Schaukampf der Selbstdarsteller geworden. Das Konzept geht auf: Spätestens als Elisabeth (Ana Schlaegel) die putzige Schnute ihres Bruders imitiert, sitzt gefühlt jeder im Saal mit am Tisch.

Überhaupt gelingt dem Ensemble Überragendes: Alex Niess flucht und zankt als Pierre, dass es eine Freude ist, ihm zuzusehen. Marco Ricciardo spielt Vincent herrlich schlitzohrig, befeuert und beschwichtigt die Lage. Viola Heeß faucht als eigensinnige Geheimniswisserin und Schwangere mit Heißhunger auf Streit. Dem Musiker Claude haucht Ercan Altun eine sehr gefühlvolle Mischung aus Mezzopiano und Crescendo ein. Und Ana Schlaegel erhält als friedliebende Supermutter zu Recht Szenenapplaus, als sie ausrastet. Ein sehr amüsanter Theaterabend.

Informationen im Internet:

www.theater-ravensburg.de