Termin in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Hinzistobel bei Ravensburg. Anstaltsleiter Thomas Mönig sieht von seinem Büro auf einen Innenhof, hohe Mauern mit Stacheldraht und entfernt ein Stück Wald. Mönig stammt aus einer Landwirtsfamilie in der Region. Er hat Jura studiert und zahlreiche Stationen der Justiz des Landes kennengelernt. „Aber keine Tätigkeit“, sagt der 42-Jährige, “ist so breit aufgestellt wie die Arbeit in der JVA." Und die größten Probleme? Mönig spricht von einer Vielzahl hoffnungsloser Problemfälle, von der Drogenabhängigkeit vieler Gefangener und dass eine „erhebliche Frustrationstoleranz notwendig“ sei.

Aber jetzt haben sich innerhalb von einer Woche in der JVA Hinzistobel zwei Gefangene das Leben genommen. „Selbstmord im Knast“ – das sind keine guten Schlagzeilen. Da hilft auch kein Verweis darauf, dass sich jedes Jahr in Deutschland mehr als 10 000 Menschen das Leben nehmen, fast dreimal so viele Tote wie im Straßenverkehr. Tod innerhalb von Gefängnismauern – das schlägt Wellen bis hin ins Stuttgarter Justizministerium. So wurde 2015 nach dem Hungertod eines Häftlings in Bruchsal eine Kommission eingesetzt, mit dem Ziel, einen Beauftragten einzusetzen, „der Suizide in der Haft verhindern soll“. Bundesweit werden jährlich zwischen 80 und 100 derartige Todesfälle registriert. Seit 2000 hat sich die Zahl um die Hälfte verringert.

Zurück zu den zwei Toten in Ravensburg. Das Justizministerium sah keine Versäumnisse bei den zuständigen Stellen, war zu lesen. Vor allem der 53-jährige Antonio R. sei „sozial, psychologisch und medizinisch betreut“ worden. Der Mann hatte Anfang Juli seine thailändische Ehefrau und seine beiden Stieftöchter getötet – in einer Art, dass man nicht darüber reden möchte. In Hinzistobel war Antonio R. Untersuchungshäftling und an seiner Zelle ein blauer Punkt. Der signalisierte, dass der Mann erkennbar suizidgefährdet ist. Deshalb auch die Unterbringung in einer Drei-Mann-Zelle, hoffend, dass Kommunikation und menschliche Begegnung hilfreich sind. Und es gibt in Hinzistobel die Anstaltspsychologen, Sozialarbeiter, Psychiater des ZfP Weissenau, zwei Anstaltspfarrer und Vollzugsbeamte mit entsprechender Erfahrung.

Denn längst bekannt ist, dass bei vielen Menschen hinter Gittern der Lebensmut schwindet. Von „Erstschock“ ist die Rede und einer „Hochrisiko-Situation in den ersten 14 Tagen“ nach der Einlieferung in die Haftanstalt. Über die Hälfte der Selbsttötungen werden in den ersten sechs Monaten der Haft begangen. Und als besonders gefährdet gelten Gefangene, die wegen „Delikten gegen Personen“ inhaftiert wurden wie im Fall Antonio R. Von der Fremd- zur Selbstaggression ist es oft nur ein kleiner Schritt. Anstaltsleiter Mönig sagt auf entsprechende Nachfragen nur: "R. ist intensiv betreut worden.“ Und fast seufzend meint er, wenn bekannt gemacht würde, mit wieviel Aufwand dieser Gefangene betreut wurde, „gäbe es wahrscheinlich einen Aufschrei“.

Sind Suizide im Gefängnis also trotz besonders gesicherter Hafträume und Überwachung letztlich genauso unvermeidlich wie außerhalb? Der Leiter der Kliniken für Forensische Psychiatrie am ZfP Weissenau, Dr. Udo Frank, gehörte der Expertenkommission des Justizministeriums an und kennt die Problematik. Auf der einen Seite sieht er Fürsorgepflicht des Staates, auf der anderen das Recht des Einzelnen, sich zu töten. Und: „Es wird keiner Institution gelingen, einen Menschen vom Suizid abzuhalten, ohne die Menschenwürde dauerhaft zu verletzen.“ Letztendlich, so Frank, „kann man den Menschen nicht in den Kopf schauen“. Anstaltsleiter Mönig haben die Fälle gezeigt, „wie begrenzt unsere Möglichkeiten sind, solche Suizide zu verhindern“.

Für Antonio R. und einen 46-jährigen wohnsitzlosen Mann, der eine „Ersatzfreiheitsstrafe“ verbüßen sollte, endete das Leben, wie in den meisten Fällen von Suizid im Gefängnis, in der Einsamkeit einer Nacht und durch Erhängen. In Baden-Württemberg ist die Zahl der Selbsttötungen damit in diesem Jahr auf acht gestiegen.

 

Justizvollzugsanstalt

In der Justizvollzugsanstalt Ravensburg sind derzeit 470 Gefangene. Rund 40 Prozent sind ausländische Straftäter. Über 200 Gefangene sind junge Männer im Alter von 18 bis 29 Jahren. Während der geschlossene Vollzug mit über 350 Plätzen überbelegt ist, sind im offenen Vollzug noch Plätze frei. In der JVA Ravensburg sind 230 Mitarbeiter tätig, 130 davon uniformierte Beamte. Angesichts des hohen Anteils junger Gefangener haben schulische und berufliche Ausbildung sowie Fortbildung eine besondere Bedeutung. Abschlüsse in zehn Berufen sind möglich. Derzeit sind jedoch nicht alle Ausbildungsplätze belegt und es fehlen Arbeitstherapeuten. (wr)