Als der Prozess am 24. September vor dem Ravensburger Landgericht begann, schien alles ziemlich klar. Wegen versuchten Mordes und Beihilfe saßen der Bruder, der Ehemann und die Eltern einer 17-Jährigen auf der Anklagebank. Am 27. Februar soll der Bruder der Schwester ein Brotmesser in die Brust gestoßen haben. Mit einem anderen Messer soll der 17 Jahre ältere Ehemann seine Frau im Gesicht verletzt haben. Schwere Vorwürfe auch gegen die Eltern, die die Tat wegen der beschmutzten Familienehre billigend in Kauf genommen haben sollen. Denn die junge Frau hatte sich in einen anderen Mann verliebt und war von ihm schwanger.

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Am neunten Prozesstag gibt der Vorsitzende Richter Veiko Böhm eher beiläufig zu Protokoll, für den Ehemann könne auch versuchter Totschlag in Betracht kommen und für die Eltern unterlassene Hilfeleistung. Die waren am ersten Verhandlungstag noch mit Fußfesseln aus der Untersuchungshaft vorgeführt worden. Aber nach der nicht öffentlichen Vernehmung der Tochter vor zwei Wochen und vermutlich entlastenden Angaben wurde das staatenlose Paar auf freien Fuß gesetzt.

Zwischen dem eigenen Leben und der Familie

Immer deutlicher wird hingegen das spannungsgeladene Verhältnis der jungen Frau zu ihrer Familie. So schilderte gestern der Tübinger Psychiater Peter Winckler den Zwiespalt zwischen dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben und der inneren Bindung an die Eltern. Als sie im Alter von 15 Jahren mit einem sehr viel älteren Mann „zwangsverheiratet“ werden sollte, wollte sie Suizid begehen, musste immer wieder in psychiatrische Behandlung, kehrte aber nach der Heirat immer wieder zu den Eltern nach Biberach zurück.

Mutter bedeckt ihre Augen und sinkt im Stuhl zusammen

Während der Psychiater spricht, knetet der Vater die Hände, die Mutter bedeckt ihre Augen und sinkt in ihrem Stuhl zusammen. Aber es geht auch um die vom Ravensburger Anwalt Norbert Kopsguter angezweifelte Glaubwürdigkeit der Tochter, die zweimal als Zuhörerin unter Polizeischutz im Gerichtssaal erschienen war. Winckler äußert „keine grundsätzlichen Zweifel“ an der Glaubwürdigkeit der Geschädigten und spricht sogar von einer „aussagetüchtigen jungen Frau“.

Angeklagter Ehemann berichtet von "Liebeszauber"

Dann berichtet der Psychiater von seinen Gesprächen mit dem angeklagten Ehemann. Der soll ihm erzählt haben, die damals 16-Jährige habe ihn zur Beziehung bedrängt und es sei auch keine „Zwangsheirat“ gewesen. Er glaube, dass die Mutter die Tochter mit einem „Liebeszauber“ verhext habe. Zu den Tatumständen in der Biberacher Wohnung behauptet er, nicht dabei gewesen zu sein, als es zu den Messerangriffen kam. Winckler spricht von einem „komplexen Tatablauf mit einer sehr spezifischen Täter- Opfer- Konstellation“.

Und als sei das alles noch nicht verwirrend genug, ist aus anderer Quelle zu hören, dass die Schwerverletzte nach dem fast tödlichen Angriff im Februar 2018 geäußert haben soll, der Bruder und der eigene Vater seien es gewesen.

Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt. Ein Urteil könnte am Freitag folgen.