„Sie dürfen auch zwei nehmen“, kommentierte Landwirt Hubert Lehle beim Rundgang durch seine Obstanlagen. Da zogen die leuchtend orangefarbenen Pfirsiche nämlich kurzzeitig mehr Aufmerksamkeit auf sich als das Wildbienenprojekt, das er und Antonia Kitt aus Überlingen mitbegründet haben. Peter Hauk, Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, durfte sich hier gemeinsam mit dem Landtagsabgeordneten Martin Hahn selbst ein Bild davon machen.

Obstbauer Hubert Lehle (rechts) erklärt Minister Peter Hauk die Besonderheiten der Obstanlage.
Obstbauer Hubert Lehle (rechts) erklärt Minister Peter Hauk die Besonderheiten der Obstanlage. | Bild: Lena Reiner

Die Biodiversitäts- und Nachhaltigkeitsinitiative der Bodensee-Obstbauern – maßgeblich getragen von den Obst-Erzeugergenossenschaften Württembergische Obstgenossenschaft Raiffeisen und der Marktgemeinschaft Bodenseeobst sowie der Arbeitsgemeinschaft Obstregion Bodensee – steht im Fokus.

Mehr als 100 Hektar neue Biodiversitäts- und Blühflächen pro Jahr

Immenstaader Obstbauern planen ein neues Projekt zur gemeinsamen Entwicklung von Biodiversitätsmaßnahmen. Das Naturschutzzentrum Hegau des Bunds für Umwelt und Naturschutz (BUND) ist Kooperationspartner des Projekts. Auch in der Vergangenheit wurde einiges gemeinsam geleistet: Seit 2010 nehmen Wildbienennisthilfen, Bodendiversitätsflächen und Gehölzpflanzungen von Obstbaubetrieben stetig zu. Mehr als 100 Hektar Biodiversitäts- und Blühflächen wurden so jährlich geschaffen.

Mit Kornblumen als fast einziger Farbtupfer sieht die aktuelle Feldmischung zwar nicht ganz so bunt aus, ist aber deutlich regionaler als die anfänglich verwendeten Blühmischungen.
Mit Kornblumen als fast einziger Farbtupfer sieht die aktuelle Feldmischung zwar nicht ganz so bunt aus, ist aber deutlich regionaler als die anfänglich verwendeten Blühmischungen. | Bild: Lena Reiner

„Ich möchte Sie auf den Weg mitnehmen, den wir gegangen sind für blühende Nahrung für Insekten, besonders Bienen“, begrüßte Obstbauberaterin Katja Röser.

Obstbauberaterin Katja Röser erläuterte, was bei der Förderung der Wildbienen zu beachten ist und wie es überhaupt dazu kam, dass das Insekt besonders im Fokus steht.
Obstbauberaterin Katja Röser erläuterte, was bei der Förderung der Wildbienen zu beachten ist und wie es überhaupt dazu kam, dass das Insekt besonders im Fokus steht. | Bild: Lena Reiner

Auf das Thema Wildbienen seien sie in einer sogenannten wissenschaftlichen Hotspot-Analyse gekommen. Dabei sei bereits 2008 festgestellt worden, dass die Wildbiene in Obstanlagen nicht nur wichtig sei, sondern es auch möglich sei, diese hier gezielt zu fördern. Nisthilfen seien aufgestellt worden, um beobachten zu können, welche Arten in den Obstanlagen vertreten seien und welche man fördern könne.

So sieht eine Nisthilfe für Wildbienen aus, die keine Bodenbrüter sind. Diese hier hängt mitten in der Obstplantage des Obsthofs Lehle zwischen Immenstaad und Kippenhausen. Dass die Nisthilfe gut genutzt wird, erkennt man an den verschlossenen Röhren.
So sieht eine Nisthilfe für Wildbienen aus, die keine Bodenbrüter sind. Diese hier hängt mitten in der Obstplantage des Obsthofs Lehle zwischen Immenstaad und Kippenhausen. Dass die Nisthilfe gut genutzt wird, erkennt man an den verschlossenen Röhren. | Bild: Lena Reiner

Die Nisthilfen seien regional hergestellt. Das Wichtige dabei sei: „gescheites Holz und ein Dach darauf“. So zitiert sie den Wildbienenexperten Mike Hermann aus Konstanz, der auch die Monitorings durchgeführt hat. Die Erkenntnis: „Im Schnitt sind an so einem Haus rund 20 bis 25 Arten aktiv.“

Dass die Nisthilfe gut genutzt wird, erkennt man an den verschlossenen Röhren.
Dass die Nisthilfe gut genutzt wird, erkennt man an den verschlossenen Röhren. | Bild: Lena Reiner

Insgesamt seien es über 100 Arten in und um Obstanlagen, inklusive bodenbrütender Arten. „Und für die ist der integrierte Anbau gar nicht schlecht, muss man sagen, denn für die muss offener Boden da sein.“ Offen, das bedeute: kein Grasbewuchs oder auch mal eine lockerer ausgesäte Blühfläche.

„Was sicherlich ein Paukenschlag war für uns und die NGO, die uns unterstützt hat, die Bodenseestiftung, das war das dritte Wildbienen-Monitoring“, schilderte sie. Dieses sei 2017 unabhängig wissenschaftlich durchgeführt und 2018 ausgewertet worden. Das Ergebnis: „Wir haben eine Verdopplung der Arten und eine Verdopplung der Anzahl der Individuen. Und da muss ich sagen – ich habe mal Agrarwissenschaften und Biologie studiert – das hätte ich so nicht für möglich gehalten: Das war schon eindrücklich.“

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Bei den Blühmischungen seien sie inzwischen von den besonders auffälligen abgekommen: Stattdessen setzten sie auf heimische Mischungen. In Obstanlagen spielten außerdem Grünstreifen eine Rolle.

Mehrfach betont beim Rundgang: Nicht nur in der Biolandwirtschaft blüht es in den Grünstreifen zwischen den Obstbäumen. Auch die Integrierte Landwirtschaft bietet Insekten Nahrung.
Mehrfach betont beim Rundgang: Nicht nur in der Biolandwirtschaft blüht es in den Grünstreifen zwischen den Obstbäumen. Auch die Integrierte Landwirtschaft bietet Insekten Nahrung. | Bild: Lena Reiner

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