Ausgerechnet zu Beginn des ersten Lockdowns startete Hannah Hengge als Gemeinwesenarbeiterin in den Immenstaader „Lebensräumen für Jung und Alt“. „Wir haben, so bald es ging, viel getan, um die Gemeinschaft zu erhalten“, sagte sie in ihrem Bericht über die Lebensräume im Gemeinderat. Lauben- und Gartencafés, Singen und Musizieren auf den Balkons und sogar ein Grillfest waren möglich. „Corona haben wir ganz gut überstanden und in diesem Sommer findet vieles wieder statt, zum Beispiel unser Marktcafé.“

Die Lebensräume sind konzipiert als generationsübergreifende Wohnform für Senioren, Alleinstehende, Paare und Familien. Die Idee: Alle haben ihre eigene barrierefreie Wohnung, niemand muss einsam sein und die Bewohner profitieren gegenseitig von ihren Ressourcen. Doch zur Zeit liegt der Altersdurchschnitt bei 65 Jahren. Zwei Drittel der Bewohner sind 70 Jahre alt oder älter, den größten Anteil bilden über 80-jährige Frauen.

Nachfrage bei Senioren größer

„Bei Neuvermietungen versuchen wir jetzt, verstärkt jüngere Mieter nachzubesetzen“, erklärte Hengge. Angefragt werden die Lebensräume allerdings vor allem von älteren Menschen. „Wenn sie merken, dass es allein zu Hause nicht mehr geht und sie noch nicht in ein Pflegeheim wollen, rufen sie bei uns an“, erzählte sie. Doch das Konzept der gegenseitigen Unterstützung funktioniere nur bei einer stärkeren Durchmischung. Im Idealfall passen dann Senioren auf kleine Kinder auf oder helfen bei den Hausaufgaben. Im Gegenzug gehen die Eltern für sie einkaufen und die Kinder bringen Leben in die Bude.

Gemeinwesenarbeiterin Hannah Hengge berichtet dem Gemeinderat von den „Lebensräumen für Junge und Alt“.
Gemeinwesenarbeiterin Hannah Hengge berichtet dem Gemeinderat von den „Lebensräumen für Junge und Alt“. | Bild: Corinna Raupach

Unter den Bewerbern werden Personen aus Immenstaad bevorzugt. „Am Bewerbungsgespräch nehmen auch Vertreter des Bewohnerbeirats teil“, sagte Hannah Hengge. Priorität habe, wie die zukünftigen Mieter in die Gemeinschaft passten und was sie einzubringen bereit seien. Auch aktuelle Notlagen würden berücksichtigt: Alleinerziehende zum Beispiel hätten auf dem angespannten Wohnungsmarkt am Bodensee kaum Chancen.

Immerhin: Die Richtung stimmt. „Wir haben gerade vier Mädels unter einem Jahr in der Anlage, die jüngste Bewohnerin ist fünf Monate alt“, erzählte Hengge. Auch ein neuer, engagierter Bewohnerbeirat aus zehn Personen habe sich gebildet. „Unser Konzept steht und fällt mit der Bewohnerschaft. Wenn die Lust hat, sich zu engagieren, funktioniert es gut.“

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Zu ihren Aufgaben gehören auch Beratungsgespräche für Senioren und Angehörige. „Ich bin die erste Anlaufstelle für Fragen nach Wohnen, Pflegegrad, Hausnotruf und ähnliches“, erklärte Hengge. Für genauere Informationen und Hilfestellungen verweise sie weiter an den Pflegestützpunkt im Landratsamt. Sie berichtete von einer jungen Frau, die sich wegen ihrer mit der Pflege der 93-jährigen Großmutter überforderten Tante an sie wandte. Hengge informierte über die Erlangung eines Pflegegrads und die damit verbundenen Leistungen, über Pflegehilfsmittel, Sturzprophylaxe und Hausnotruf, sowie über die Möglichkeiten der Tante, einen Pflegekurs zu besuchen und bei Bedarf eine Verhinderungspflege in Anspruch zu nehmen.

Gesellschaft ist im Wandel

Für ihre Bewohner wünscht sich Hannah Hengge mehr Ehrenamtliche, die ihnen Zeit schenken, mit ihnen spazieren gehen oder mal ein Eis essen. „Unsere Gesellschaft wird immer älter, wir müssen sehen, wie wir damit umgehen“, gab sie zu bedenken. Ihrer Erfahrung nach wollten die meisten Menschen zu Hause alt werden, die Rahmenbedingungen dafür sollten ausgebaut werden. „So viele Plätze in Pflegeheimen haben wir gar nicht“, sagte sie.

Die Gemeinderäte regten an, den Kontakt der Lebensräume mit Schule und Kindergarten zu aktivieren. Der stellvertretende Hauptamtsleiter Michael Müller kündigte an, das wegen Corona ausgebremste Vorleseprojekt mit der Kinderstiftung Bodensee baldmöglichst anlaufen zu lassen.