Herr Henne, seit dieser Woche müssen Schüler sich verpflichtend vor dem Wechselunterricht testen. Doch in Immenstaad kamen die versprochenen Selbsttests vom Land erst am dritten Schultag an.

Die Tests hätten am 30. März geliefert werden sollen und bekommen haben wir die erste Teillieferung am dritten Schultag, also drei Wochen zu spät. Wenn wir uns als Kommune nicht selbst um Tests für Schüler, Lehrer, Erzieher und Personal gekümmert hätten, hätte alles geschlossen bleiben müssen – und Kinder und Eltern wieder das Nachsehen gehabt.

Die neue Bundesnotbremse sieht erneute Kita- und Schulschließungen bei einer Inzidenz von 165/100.000 Einwohner vor. Wozu führt das?

Es macht das Familienleben unplanbar und jeden Tag müssen Eltern sich auf eine neue Situation einstellen. Es gibt überhaupt keine Verlässlichkeit mehr und das macht mürbe. Viele Familien in Immenstaad sind verzweifelt. Die Belastung ist schon sehr sehr groß – und leider auch relativ einseitig. Wenn beispielsweise nur an einer Stelle im Landkreis ein größerer Ausbruch ist, sind sofort alle Kitas im Kreis dicht, obwohl es dort vielleicht kaum Infektionen gab. Familien, Gastronomie, Tourismus, Einzelhandel und Kulturbranche tragen die größte Last dieser Pandemie und das empfinde ich zunehmend als ungerecht und unfair.

Der erneute Lockdown trifft die Gastronomie hart: Der „Seehof“ musste seine Mitarbeiter erneut in die Kurzarbeit schicken.
Der erneute Lockdown trifft die Gastronomie hart: Der „Seehof“ musste seine Mitarbeiter erneut in die Kurzarbeit schicken. | Bild: Claudia Wörner

Das heißt, Inzidenzwerte sollten kein Grund für Schließungen sein?

Ja, das haben wir als Kommunen im Gemeinde- und Städtetag auch immer wieder formuliert. Das Festhalten an Inzidenzen ist unsinnig, wenn dadurch einzelne Bereiche – wie etwa Schulen, Kitas, Einzelhandel, Gastro und Tourismus – zu stark belastet werden, obwohl die Datenbasis fehlt. In all diesen Bereichen gibt es erprobte Hygiene- und Schutzkonzepte, die angewendet werden können. Um Schließungen zu rechtfertigen, müssten auch die Auslastung der Intensivbetten, die Impfquoten, die Inzidenzen der einzelnen Altersgruppen und die Menge der Tests berücksichtigt werden. Unser Ziel war es mal, das Gesundheitssystem nicht zu überlasten und nicht, uns von Lockdown zu Lockdown zu hangeln.

Wie geht es den Immenstaadern im Lockdown?

Die Verzweiflung ist enorm und es wird zunehmend schwieriger. In vielen Bereichen ist seit mehreren Monaten Stillstand angesagt und sehenden Auges driften wir in eine Situation, in der viele Betriebe bei uns vor dem Aus stehen. Wir sind als kleine Gemeinde mit 6600 Einwohnern stolz auf unsere gute Einzelhandelsstruktur und das rege Vereinsleben und gute Miteinander. Um das bangen wir jetzt. Unsere Betriebe brauchen – ebenso wie die Familien – endlich eine Perspektive. Andererseits erlebe ich unter der älteren Bevölkerung auch sehr viel Verängstigung und Zurückgezogenheit, weshalb die Menschen auch unsere Unterstützung brauchen. Diese Pandemie ist ein schmaler Grat. Es stehen Menschenleben auf dem Spiel, aber eben auch Existenzen.

Die Vorbereitungen für die Saison laufen: Aktuell stehen auf dem Campingplatz Schloss Kirchberg in Immenstaad nur die Wohnwagen von Dauercampern. Wird Urlaub in Immenstaad an Pfingsten möglich sein?
Die Vorbereitungen für die Saison laufen: Aktuell stehen auf dem Campingplatz Schloss Kirchberg in Immenstaad nur die Wohnwagen von Dauercampern. Wird Urlaub in Immenstaad an Pfingsten möglich sein? | Bild: privat

Fehlt den Bürgern eine Öffnungsperspektive?

Ja, wir müssen unbedingt mutiger werden und Perspektiven schaffen. Viele fragen mich, ob das was wird mit den Pfingstferien. Ich würde gerne eine klare Antwort geben, kann es aber nicht. Dabei wäre das unbedingt nötig, damit die Menschen ein Ziel vor Augen haben. Wir Städte und Gemeinden im Bodenseekreis haben uns als Modellregion beworben, weil wir raus aus der Perspektivlosigkeit des Dauerlockdowns kommen wollen und das Modell Tübingen für erstrebenswert halten.

Mehri Mohammadi ist eine der approbierten Apothekerinnen, die in der Rathausapotheke in Immenstaad abwechselnd Schnelltests durchführen. Bürgermeister Johannes Henne unterstützt das Testen, will aber weg von Inzidenzen als Richtlinie für Schließungen.
Mehri Mohammadi ist eine der approbierten Apothekerinnen, die in der Rathausapotheke in Immenstaad abwechselnd Schnelltests durchführen. Bürgermeister Johannes Henne unterstützt das Testen, will aber weg von Inzidenzen als Richtlinie für Schließungen. | Bild: Lena Reiner

Das heißt, weg von Verboten hin zu Eigenverantwortung?

Genau, unsere Lockdown- und Verbotsmentalität bringt uns nicht weiter. Die Zahlen steigen und steigen – trotz dieser Maßnahmen. Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel mit mutigen Schritten in Richtung Öffnung. Testen, testen, testen und impfen, impfen, impfen und währenddessen ausprobieren was geht, beispielsweise mit der Außengastronomie oder Wechselunterricht. Aktuell bestrafen wir uns selbst, indem wir viel testen, aber gleichzeitig an Inzidenzen festhalten, die wiederum in den Lockdown und zu Schließungen führen. Ich wünsche mir da weniger Verbote und Bürokratie, sondern mehr Eigenverantwortung. Unsere Nachbarländer wie die Schweiz oder auch die skandinavischen Länder handeln da deutlich pragmatischer und sind gefühlt näher am Bürger dran als wir in Deutschland.