Während sich in den 1960er-Jahren tausende voll bepackte VW Käfer über die Alpen bis nach Rimini kämpften, ging es für viele andere Deutsche in die "Sommerfrische". Besonders beliebt: Immenstaad am Bodensee. Das einstige Fischer- und Bauerndorf mit wunderbarer Seelage mauserte sich binnen weniger Jahre zum modernen Touristenzentrum.

Familienanschluss gab es inklusive

"Anfang der 1960er- Jahre war der Fremdenverkehr noch lang nicht so in Schwung wie heute", erinnert sich Wilhelm Röhrenbach (88 Jahre), langjähriger Vorsitzender des Fremdenverkehrsvereins und Inhaber der gleichnamigen Pension in Immenstaad. Damals kamen die Gäste, die noch "Fremde" hießen, vor allem in den Sommerferien und übernachteten in einfachen Zimmern in Privathäusern – Familienanschluss inklusive. Die Hausherrin persönlich servierte das Frühstück, Abendessen gab es dann in einem der Gasthäuser. "Doch außerhalb der Ferienzeit waren wenig Gäste da", sagt Röhrenbach.

Metzgerei, Bioladen, Kleidungsgeschäft, Bäckerei und Café: In der Bachstraße findet sich heute noch eine gute Infrastruktur – für Einheimische wie auch für Gäste. Die Touristinfo ist heute allerdings im Rathaus untergebracht und wird auch von der Gemeinde betrieben. <em>Bild: Sabine Wienrich</em>
Metzgerei, Bioladen, Kleidungsgeschäft, Bäckerei und Café: In der Bachstraße findet sich heute noch eine gute Infrastruktur – für Einheimische wie auch für Gäste. Die Touristinfo ist heute allerdings im Rathaus untergebracht und wird auch von der Gemeinde betrieben. Bild: Sabine Wienrich | Bild: Wienrich, Sabine

Fremdenverkehr wurde für viele zum zweiten Standbein

Bereits in den 1920er-Jahren wurde der Fremdenverkehr für viele Familien aus der Landwirtschaft und dem Handwerk zum zweiten Standbein. "Manchmal räumte sogar das Ehepaar sein Schlafzimmer für die Gäste", blickt Röhrenbach zurück. Doch wie brachte man die mittlerweile reiselustigen Deutschen auch außerhalb der Saison an den See? Und was musste passieren, dass Immenstaad gegen Rimini ankam?

Hans Meichle als Motor des Tourismus

Diese Fragen beschäftigten einen Mann, dessen Name man in Immenstaad noch heute oft hört: Hans Meichle. Er war von 1950 bis 1970 Geschäftsführer des Fremdenverkehrsbüros in der Bachstraße und gilt als "unermüdlicher Motor des Tourismus".

Hans Meichle an seinem Schreibtisch im Fremdenverkehrsbüro, um 1960. <em>Bild: Heimatverein</em>
Hans Meichle an seinem Schreibtisch im Fremdenverkehrsbüro, um 1960. Bild: Heimatverein | Bild: Heimatverein Immenstaad

Bereits Mitte der 1950er-Jahre begann er mit dem Sozialwerk der Stadt Solingen über eine Art "Kurgast-Betrieb" zu verhandeln. Die Idee: Die Stadt Solingen schickt ihre Mitarbeiter in einem regelmäßigen Turnus zur Erholung nach Immenstaad, wo sie in Privatquartieren untergebracht und vom Fremdenverkehrsbüro betreut werden. In Zeiten des Wirtschaftswachstums und Fachkräftemangel war es üblich, dass Kommunen, Behörden, aber auch Privatunternehmen ihre Beschäftigten mit vielfältigen, freiwilligen Sozialleistungen – wie beispielsweise betriebseigenen Ferienheime oder eben Erholungskuren – bei Laune hielten.

Da zogen Gastgeberinnen vorübergebend auch mal in den Keller 

Für den Tourismus in Immenstaad brachte diese Kooperation neuen Aufwind. "Die Mitarbeiter der Stadt kamen alle 20 Tage im Wechsel", erklärt Ruth Dierenbach, die 20 Jahre lang Fremdenverkehrsbüro gearbeitet hat. "Manchmal hatten wir am Mittag der Ankunft noch kein freies Zimmer. Da sind die Frauen aus dem Ort aus ihren Schlafzimmern in den Keller gezogen und haben die Gäste beherbergt", sagt sie lachend.

Minigolf, Kärrelerennen und viel Musik

So hat sich die Seegemeinde einiges einfallen lassen, um ihren Gästen einen schönen Urlaub zu ermöglichen. "Die Vermieter kamen mit ihren Handwägele in die Bachstraße, wo die Solinger in Bussen ankamen, und luden dort die Koffer auf", berichtet Pensionsbetreiber Röhrenbach. Montags seien die Solinger stets im "Hotel Seehof", das damals bereits Komfort bot, begrüßt worden.

Volkssport in Knickerbocker: Die "Kleingolfanlage" wurde 1960 am Kippenhorn oberhalb des Strandbades eröffnet und gehörte zum beliebten Ferienprogramm der Gäste in Immenstaad. <em>Bild: Heimatverein</em>
Volkssport in Knickerbocker: Die "Kleingolfanlage" wurde 1960 am Kippenhorn oberhalb des Strandbades eröffnet und gehörte zum beliebten Ferienprogramm der Gäste in Immenstaad. Bild: Heimatverein | Bild: Heimatverein Immenstaad

Es gab Musikveranstaltungen, Tanz, ein Unterhaltungsangebot mit Spielen, wie zum Beispiel ein Kärrelerennen. Der Hauptpreis, so erinnert sich Zeitzeugin Dierenbach, bestand aus einer riesengroßen Butterbrezel von der Bäckerei Heger. "Es haben sich in dieser Zeit viele Freundschaften gebildet, sogar Ehen sind entstanden", sagt die ehemalige Fremdenverkehrsmitarbeiterin Dierenbach. Man hatte gemeinsam Spaß – auch bei Ausflügen. "Mein Part war es, eine Weinprobe mit allem drum und dran zu zelebrieren", erinnert sich Röhrenbach.

"Hans Meichle war mit seinem weltmännischen Blick ein großer Impulsgeber, ohne ihn stünde Immenstaad heute nicht so gut da", sagt Wilhelm Röhrenbach, der den Familienbetrieb längst an die nächste Generation abgegeben hat. Auch die Pension Röhrenbach beherbergte in den 1960ern regelmäßige Gäste, allerdings nicht aus Solingen, sondern aus Schwenningen. Zu fest angemeldeten Zeiten schickte die Schwarzwälder Uhrenfirma Kienzle ihre Mitarbeiter samt Ehegatten an den See. Vollpension inklusive. Wer braucht da noch Rimini?

Hans Meichle – ein Motor des Tourismus

Hans Meichle gilt als der Impulsgeber schlechthin, wenn es um den Fremdenverkehr in Immenstaad geht.

  • Sein Leben: Meichle ist ein waschechter Immenstaader, geboren am 29. Dezember 1913, gestorben am 28.  Dezember 1993.
  • Sein Wirken: Von 1950 bis 1970 leitete er das neu gegründete Fremdenverkehrsbüro (spätere Touristinfo) mit Sitz in der Bachstraße als Geschäftsführer. Zudem war er von 1956 bis 1975 Gemeinderat. 1957 stellte er sich bei der Bürgermeisterwahl auf, unterlag aber gegen Eugen Wiedmaier. Meichle wurde 1963 stellvertretender Bürgermeister und gründete 1976 den Immenstaader Heimatverein, wo er bis 1980 Beirat war. Auf seine Initiative entstand viel Neues in Immenstaad, zum Beispiel war er maßgeblich am Bau des Minigolfplatzes am Kippenhorn beteiligt, initiierte gemeinsam mit Seehofwirt Alois Rebstein den Bau des Hennenbrunnens, engagierte sich beim Bau des Strandbades und vieles mehr. (sab)
 

Damals und heute

  • Unsere Serie: In der großen SÜDKURIER-Serie „Gedächtnis der Region“ widmen wir uns in unseren Lokalteilen dem Wandel am Bodensee, am Hochrhein und im Schwarzwald. Anhand von historischen und aktuellen Bildern zeigen wir, wie sich das Leben in der Region verändert hat. In diesem Jahr werfen wir einen Blick in die 1960er-Jahre.
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