Ganz egal, ob ein Bankkonto eröffnet, ein Kredit aufgenommen oder eine Versicherung abgeschlossen werden soll: Keines der entsprechenden Institute kommt heute um eine gesetzlich geregelte Überprüfung der Daten seiner potenziellen Kunden herum. Zusätzlich stellt die zunehmende Digitalisierung die Finanzinstitute vor immer neue Herausforderungen. „Betrüger lassen sich immer neue Maschen einfallen“, sagt Thomas Knöpfler. Er ist Verkaufsleiter bei Actico in Immenstaad. Und der Gesetzgeber müsse immer wieder die Regeln nachbessern. So zuletzt mit der Änderung der vierten EU-Geldwäscherichtlinie, mit der nicht nur Geldwäsche, sondern auch die Finanzierung von Terrorismus besser verhindert werden soll.

Abgleich-Listen mit mehr als einer Million Einträgen

So wird in jedem einzelnen Fall geprüft, ob es sich beim Kunden am Schalter um einen Politiker oder eine Person im Umfeld eines Politikers handelt. Dabei umfasst alleine die zu diesem Abgleich benötigte Liste mehr als eine Millionen Einträge. Denn für politisch exponierte Personen gilt nach den Geldwäscherichtlinien für Finanzinstitute eine erhöhte Sorgfaltspflicht.

So wird selbst deren Herkunftsland mit der Länderliste abgeglichen und der Kunde wird – je nachdem ob er aus einem unbedenklichen oder gar mit Sanktionen belegten Staat kommt – abhängig von der Höhe seines Transaktionsvolumens, schlussendlich in eine Risikoklasse einsortiert.

Überprüfung muss quasi im Handumdrehen erfolgen

Eine Abfolge von Entscheidungsprozessen, die trotz exorbitanter Datenflut, extrem schnell vonstattengehen muss. Denn Max Mustermann, der in einem Elektromarkt einen Fernseher kaufen und finanzieren möchte und damit einen Vertrag über einen Kleinkredit abschließen will, möchte diesen sofort und vor Ort unterschreiben. Die Überprüfung findet quasi in Echtzeit statt.

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Software vom Bodensee sucht nach der Stecknadel im Heuhaufen

Bis zu 400 Millionen Transaktionen täglich müssen bei großen Finanzinstituten solche Programme durchlaufen. „Da ist vielleicht eine dabei, die terroristisch ist“, sagt Actico-Geschäftsführer Thomas Cotic. Aber der Software seiner Firma gelinge es immer, die Stecknadel im Heuhaufen zu finden und sei dabei schneller als die der Konkurrenz.

Das von Actico entwickelte System kann jedoch branchenunabhängig eingesetzt werden und hilft überall dort, wo es regelmäßig um hoch komplexe Abläufe geht und schnelle Entscheidungen getroffen werden müssen. So kommt es zunehmend im personalisierten Marketing und zur Umsetzung von Regularien im öffentlichen Bereich zum Einsatz.

Das Programm entwerfen Kunden letztlich selbst

Was die Software so erfolgreich macht, ist ein Alleinstellungsmerkmal der Immenstaader Programmierer. Musste früher ein bestimmter Fachbereich den Bedarf eines komplexen Software-Systems zunächst schriftlich formulieren und ein entsprechendes Konzept erstellen, um es anschließend einem IT-Spezialisten zur Umsetzung vorzulegen – was bei häufigen Änderungen ein zeitraubendes Unterfangen war – kann heute mithilfe von Actico jede Fachabteilung ohne Informatik-Kenntnisse ihr ganz persönliches Programm selbst entwerfen.

Actico beschäftigt an seinem Hauptsitz in Immenstaad 130 Mitarbeiter.
Actico beschäftigt an seinem Hauptsitz in Immenstaad 130 Mitarbeiter. | Bild: Actico

Dazu erwirbt der Kunde von Actico eine Software, mit deren Hilfe er eine Grafik erstellen kann, die seine Geschäftsabläufe mit allen seinen Regeln abbildet. Dabei muss er nicht unbedingt bei Null anfangen. „Wir bieten entsprechend der aktuellen Gesetzeslage auch fertige Grafiken an, die der Kunde an seine speziellen Bedürfnisse anpassen oder um zusätzliche Regeln erweitern kann“, erklärt Cotic.

Hinter jedem Element der Grafik haben die Programmierer von Actico bereits die entsprechende Entscheidung hinterlegt. Ist die Grafik fertig, ist die Software fertig für einen Probelauf. „Der Mensch überträgt sein Wissen auf ein Bild, um daraus ein Programm zu machen“, sagt er. Die Grafik sei sozusagen die Abbildung menschlichen Wissens. 

Künstliche Intelligenz enttarnt selbst Verschleierungsmuster

Doch menschliches Wissen und gesetzliche Regeln stellen nur die Hälfte des Systems und Terroristen sind schnell dabei, Gesetzeslücken aufzuspüren. „Wir sind der Überzeugung, dass es die Kombination von Expertenwissen und Maschinenwissen braucht, um beste Ergebnisse zu liefern“, sagt Thomas Knöpfler. Und diese Kombination von zwei Technologien gebe es auf dem Weltmarkt in dieser Form noch nicht.

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So wird die Maschine mit echten Daten trainiert, sie lernt dazu und kann anhand vieler verschiedener Faktoren und Algorithmen betrügerische Aktivitäten erkennen. Selbst Verschleierungsmuster werden von dieser künstlichen Intelligenz enttarnt.

Wie das System Kreditkarteninhaber vor Betrug schützt

Davon können auch alle EC- und Kreditkarteninhaber profitieren. Wird zum Beispiel kurz hintereinander mit ein und derselben Karte in Friedrichshafen und in Buenos Aires Geld abgehoben, erkennt das System einen möglichen Betrug und stoppt zum Schutz des Karteninhabers selbstständig die Transaktionen.

Dass auch Software vom Bodensee auf der internationalen Bühne konkurrenzfähig ist, hat Thomas Cotic nach der Finanzkrise erlebt. Damals gewann die Software-Schmiede aus Immenstaad die internationale Ausschreibung einer amerikanischen Großbank, die ihre Portfolien auf Risiken untersuchen lassen wollte. Ein Grund, ins Silicon Valley umzuziehen, war das nicht.

KI war für den Firmengründer schon vor 20 Jahren ein Thema

Thomas Cotic fühlt sich mit seiner süddeutschen Heimat verbunden. Bereits vor etwa 20 Jahren, nach seinem Informatik-Studium, hatte der gebürtige Schwarzwälder die Idee nach dem Vorbild seines Professors, der sich schon damals in Überlingen mit künstlicher Intelligenz auseinandersetzte, ein Unternehmen am Bodensee zu gründen und entschied sich für Immenstaad.

2008 interessierte sich der Bosch-Konzern für „Innovations Software Technologie“, die mit ihren Ideen für die Entwicklung des Internets der Dinge nützlich schien. Als sich ein Teil der Firma jedoch zunehmend auf Lösungen für den Finanzsektor spezialisierte, kaufte die Firmenleitung 2015 diesen Teil mit 90 Mitarbeitern zurück um seither als Actico zu firmieren.

Kunden in der Nachbarschaft und am anderen Ende der Welt

Einen Standortnachteil sieht der Geschäftsführer nicht. Zu den vielen Stammkunden in der Schweiz und in Liechtenstein seien die Wege kurz, zu Kunden am anderen Ende der Erde, wie zum Beispiel Mexico und Südafrika, helfe das Internet regelmäßig Kontakt aufzunehmen und Konferenzen abzuhalten. „Wir haben ein Projekt in Südafrika fast ausschließlich über das Internet abgewickelt und haben den Kunden nur zur Vertragsunterzeichnung persönlich getroffen“, sagt er.

Der Umsatz der Firma steigt von Jahr zu Jahr, die Programmierer stoßen mit ihrer Software in neue Bereiche vor und die Geschäftsführung sieht sich mit dem Exportgut Software für die Zukunft gut gerüstet. „So entstehen auch zukunftsfähige Arbeitsplätze“, sagt Thomas Cotic und ist überzeugt, dass Actico mit seinen internationalen Aktivitäten auch neben den Großbetrieben attraktive Konditionen bieten kann.