Die Segelmasten der Boote im Yachthafen wiegen sanft im Wind, im Hintergrund lachen Kinder beim "Lauf-Schnecke-Lauf"-Spiel und vom Steg hört man das Hupen des ankommenden Bodenseeschiffs, das neue Touristen ausspuckt. Wer vom wunderbar angelegten Landesteg in Immenstaad Richtung See blickt, fühlt sich ein bisschen wie im Urlaub. Selbst wenn der Bodensee eigentlich die Heimat ist.

Wer den Blick vom Yachthafen in Richtung Landesteg schweifen lässt, fühlt sich ein bisschen wie im Urlaub. <em>Bild: Sabine Wienrich</em>
Wer den Blick vom Yachthafen in Richtung Landesteg schweifen lässt, fühlt sich ein bisschen wie im Urlaub. | Bild: Wienrich, Sabine

Noch vor wenigen Jahrzehnten wurde hier hart geschuftet

Dass an diesem Ort, zweifelsohne einer der schönsten Flaniermeilen am See, noch vor wenigen Jahrzehnten hart geschuftet wurde, ist heute kaum mehr vorstellbar. Der Landesteg, übrigens der längste seiner Art am ganzen Bodensee, war viele Jahre lang Verlade- und Verkaufsplatz für Tonnen von Kies in verschiedenen Körnungen.

Wo heute bunte Blumenrabatte leuchten, lagerten bis 1980 noch riesige Haufen Riesel, Kies und Wacken, also größere Steine, und warteten auf den Verkauf an regionale Bauunternehmer und private Bauherren. Und wer die Geschichte des Kiesabbaus im Bodensee erzählen will, trifft unweigerlich auf einen Namen: den der "Baggergesellschaft Immenstaad Meichle + Mohr GmbH & Co. KG", die heute bereits in vierter Generation geführt wird – und nach eigenen Angaben über 400 Mitarbeiter an 21 Standorten hat.

Da sieht man ja vor lauter Kies die Kirche nicht: Mitten im Dorf wurde der Kies gelagert. <em>Bild: Heimatverein</em>
Da sieht man ja vor lauter Kies die Kirche nicht: Mitten im Dorf wurde der Kies gelagert. | Bild: Heimatverein Immenstaad

Die Flüsse spülten das Kies in den Bodensee, wo es an verschiedenen Stellen abgebaut wurde

"In den 1960er-Jahren wurde der Kies noch aus dem Bodensee gebaggert", erklärt Rolf Mohr, der gemeinsam mit Clemens und Gustav Meichle und Theo Mohr zur dritten Generation des Unternehmens gehört. Abgebaut wurde vor allem im Bereich der Bregenzer Aach und der Kressbronner Argenmündung und der heutigen Marina. Die Flüsse hatten das Kies aus dem Gebirge mitgebracht. Mithilfe einer schwimmenden Kiesaufbereitungsanlage und eines Tiefbaubaggers konnten Sand und Kies in bis zu 100 Metern Tiefe vom Bodenseegrund gefördert werden.

"Der Kies wurde dann in vier verschiedene Körnungen gewaschen", berichtet der 74-jährige Mohr, der bereits als Kind viel vom väterlichen Geschäft mitbekam. Anschließend wurde er auf Frachtschiffe geladen, die bis zu 320 Tonnen transportieren konnten, und an Kiesumschlageplätze rund um den See gebracht. In der Blüte der Kiesschifffahrt waren laut Mohr neun große Schiffe unterwegs.

Der Umschlagplatz wurde mit dem zunehmenden Tourismus zum Dorn im Auge

"Die Umschlageplätze gab es in Konstanz am Seerhein, am Hinteren Hafen in Friedrichshafen, in Arbon und Güttingen in der Schweiz und eben auch in Immenstaad", sagt Mohr. Das Gelände am Ende der Bachstraße gehörte damals der Deutschen Bundesbahn und wurde von der Immenstaader Baggergesellschaft gepachtet. "Mit dem aufstrebenden Fremdenverkehr wurde der Umschlageplatz aus verständlichen Gründen immer mehr zum Dorn im Auge", erinnert sich Mohr.

Mit dem zunehmenden Fremdenverkehr wurde der Verlade- und Verkaufsplatz von Tonnen von Kies zunehmend zum Störfaktor. 1980 gab die Meichle + Mohr GmbH diesen Standort auf. <em>Bild: Heimatverein</em>
Mit dem zunehmenden Fremdenverkehr wurde der Verlade- und Verkaufsplatz von Tonnen von Kies zunehmend zum Störfaktor. 1980 gab die Meichle + Mohr GmbH diesen Standort auf. | Bild: Heimatverein Immenstaad

1980 kam es dann zu einer gemeinsamem Lösung: Die Meichle + Mohr GmbH gab den Lagerplatz am See auf und zog zum bestehenden Betonwerk in die Steigwiesen, dem Gewerbegebiet zwischen Immenstaad und Kluftern.

So funktioniert das Geschäft mit dem steinernen Baustoff heute

Das Geschäft mit dem steinernen Baustoff funktioniert heute wie damals ähnlich: Der mit dem Tiefgreifbagger gewonnene Wandkies wird gewaschen und in vier Fraktionen getrennt. Diese Betonzuschlagstoffe werden unter Zugabe von Zement, Zusatzmittel und Wasser zu Beton gemischt. "In Immenstaad bereiten wir außerdem angelieferten Bauschutt zu Recyclingmaterial auf. Damit stehen wir für den Bau der B 31-neu in den Startlöchern", sagt Mohr und zeigt lachend auf die Kies- und Recyclinghaufen am Betonwerk in den Steigwiesen.

Die Kieshaufen sind 1980 ins Gewerbegebiet Steigwiesen umgelagert worden. Gesellschafter Rolf Mohr gehört zur dritten Generation der Baggergesellschaft Mohr + Meichle. <em>Bild: Sabine Wienrich</em>
Die Kieshaufen sind 1980 ins Gewerbegebiet Steigwiesen umgelagert worden. Gesellschafter Rolf Mohr gehört zur dritten Generation der Baggergesellschaft Mohr + Meichle. | Bild: Wienrich, Sabine

"Der Kiesabbau im Bodensee endete 1978", erklärt Mohr. Der Grund: Das Vorkommen war erschöpft, die Flüsse wurden nach dem Zweiten Weltkrieg stark verbaut und gezähmt und spülten nicht mehr genügend Kies in den See. Abgebaut wurde seither vor allem im Kieswerk in Markelfingen und im Tettnanger Wald. Zudem tätigte die dritte Unternehmensgeneration etliche Zukäufe rund um den See, im Hegau und auf der Baar.

Während die Großväter und Väter noch auf Handarbeit setzen, steht heute die Technisierung und Digitalisierung im Vordergrund. "Mein Vater hatte als 14-Jähriger einen Knochenjob auf dem Kiesschiff, er hat mir oft seine Schrunden an den Händen gezeigt und gesagt: Bua, lern, du sollst es mal besser haben", erinnert sich Mohr. Schließlich studierte er Betriebswirtschaftslehre und trat 1972 als Gesellschafter ins Unternehmen ein.

Am heutigen Landessteg erinnert nichts an die Kieslager und die Schufterei. Ein bisschen wie Urlaub eben.

Links gibt es Eis, rechts spielen Kinder das beliebte "Lauf-Schnecke-Lauf-Spiel" und am Ende des Stegs spucken die Bodenseeschiffe Touristen aus: Der Landessteg heute. <em>Bild: Sabine Wienrich</em>
Links gibt es Eis, rechts spielen Kinder das beliebte "Lauf-Schnecke-Lauf-Spiel" und am Ende des Stegs spucken die Bodenseeschiffe Touristen aus: Der Landessteg heute. | Bild: Wienrich, Sabine

Wie die Marina in Kressbronn entstand

Der Kiesabbau im Bodensee hatte lange Tradition, wurde 1978 aber aufgegeben.

  • Standort: Das Kiesabbaugelände an der Mündung des Bodenseezuflusses Argen zwischen Langenargen und Kressbronn wurde bereits 1924 von der neu gegründeten Firma "Meichle + Mohr" gekauft und bildete somit die Basis für ein riesiges Baggerloch, das im Laufe der Jahrzehnte immer größer wurde.
  • Umwandlung: Nachdem die Kiesvorkommnisse im See schwanden, wurde der Abbau 1978 aufgegeben. Zurück blieb eine Wasserfläche in Gohren, das Baggerloch. Das war der Startschuss für den Segelhafen mit damals 700 Liegeplätzen für Segel- und Motoryachten. Das letzte Kiesschiff legte im September 1998 ab und läutete eine neue Ära ein, den Weg hin zur Ultramarin-Marina.
  • Marina: 2000 wurden die ersten neuen Werfhallen gebaut, 2003 wurde das große Hafenzentrum mit Fachmarkt, Tiefgarage, Hotel und Restaurant eröffnet. Das rund 200 000 Quadratmeter Fläche umfassende Wassersportzentrum wurde immer größer und dient heute als Veranstaltungsort für Boatshows, Feste und Regatten.
  • Nachhaltigkeit: Warmwasser und Heizung im Hotel und in den Sanitäranlagen stammen aus Wärmepumpen und Solaranlagen, es gibt Solarlampen. Der Seehag wurde renaturiert. Dafür gibt es seit 2007 jährlich die Auszeichnung "Blauer Anker". (sab)