Am Hohberg hängen die Rebstöcke voller prächtiger Trauben, die schon weit gereift sind. Die Sonne hat den Trauben gutgetan, die Trockenheit kaum geschadet. Wenige Wochen vor der Lese hat am Donnerstag ein Hagelschauer der Vorfreude der Winzer auf den besten Jahrgang seit 2003 einen kräftigen Dämpfer versetzt: Viele Trauben haben Hagelschäden erlitten. Noch schlimmer hat der Hagel vielen Obstbäumen und ihren Früchten zugesetzt. Äpfel, die nicht durch Hagelnetze geschützt waren, können fast nur noch zum Versaften genutzt werden.

Martin Gomeringer, Stefan Siebenhaller und Hubert Lehle (von links) haben vor Ort gezeigt, was der Hagel angerichtet hat. Irgendwie haben sie es trotzdem geschafft, fürs Bild zu lächeln.
Martin Gomeringer, Stefan Siebenhaller und Hubert Lehle (von links) haben vor Ort gezeigt, was der Hagel angerichtet hat. Irgendwie haben sie es trotzdem geschafft, fürs Bild zu lächeln. | Bild: Gisela Keller

Hagelschäden treffen die Landwirte in Immenstaad und den zugehörigen Teilorten besonders rund um den Hohberg im dritten Jahr in Folge. "In den fünf Jahren vorher hatten wir kein Problem mit Hagel", berichten Winzer Stefan Siebenhaller, Winzer und Landwirt Hubert Lehle und Bio-Landwirt Martin Gomeringer übereinstimmend.

Sehr gute Qualität an den Rebstöcken

"Wir haben dieses Jahr wirklich eine sehr gute Qualität an den Rebstöcken hängen", erklärt Stefan Siebenhaller in einem seiner Rebanlagen auf dem Hohberg. Sogar nach dem Hagel sehen die bereits schön gefärbten Trauben auf den ersten Blick prächtig aus. Schaut man genauer hin, erkennt man: Fast alle Beeren haben Dellen und Löcher in der Haut. Am Schlimmsten sieht es an der Westseite der Reihen aus: Aus dieser Richtung kam der Hagel. "Wie schlimm der Schaden wird, hängt vor allem von der weiteren Witterung ab", erklärt Siebenhaller.

In Minuten hat der Hagel diese Äpfel von Tafelobst in Mostobst verwandelt. Überall, wo keine Hagelnetze schützen, sind im Hagelgebiet solche Schäden zu sehen.
In Minuten hat der Hagel diese Äpfel von Tafelobst in Mostobst verwandelt. Überall, wo keine Hagelnetze schützen, sind im Hagelgebiet solche Schäden zu sehen. | Bild: Gisela Keller

Neben Schimmel, der vor allem bei feuchtem Wetter droht, machen den Winzern vor allem Essigfliegen und Wespen Sorgen. Die fühlen sich von angeschlagenen Trauben besonders angezogen. Allerdings haben die Insekten es gerne schattig. "Wir müssen eventuell noch mehr Blätter wegmachen, damit es für sie ungemütlich wird", erklärt Siebenhaller. "Auf jeden Fall müssen wir die Weinberge sehr genau im Auge behalten und sehr schnell reagieren, wenn es nötig wird", fügt Landwirt und Winzer Hubert Lehle hinzu. Obwohl den Trauben noch einige Sonnentage gut täten, müssten sie dann früher gelesen werden. Zum Glück, so Siebenhaller, habe der Reblandhof auch Erntehelfer aus der Region, die in diesem Fall schnell zu aktivieren seien.

Äpfel mit Hagelschäden oft ein Fall für die Saftpresse

"Der Vorteil bei den Trauben ist, dass sie zur Verarbeitung sowieso gepresst werden", sagt Hubert Lehle. Wenn Äpfel mit Hagelschäden ein Fall für die Saftpresse werden, ist es schlimmer. Sie bringen dann nur noch einen Bruchteil des Erlöses ein, der für Tafeläpfel zu erzielen ist. Dort wo der Hagel gefallen ist – grob umrissen gehören dazu Anbauflächen in Frenkenbach, Kippenhausen, Immenstaad und Teilen von Kluftern – sind große Teile der Äpfel, die nicht unter Hagelnetzen gewachsen sind, nur noch zur Saftherstellung zu gebrauchen – wenn überhaupt. Von den Apfel-Halbstämmen von Bio-Landwirt Martin Gomeringer steht kein einziger unter einem Hagelnetz.

Niedergeschlagen berichtet er, dass keiner seiner Äpfel ohne Hagelschaden geblieben ist. "Man muss sich sehr ernsthaft Gedanken machen, ob man überhaupt noch irgendetwas ohne Netz anbauen kann." Fast noch mehr wurmt Gomeringer, dass die Auswirkungen von Trockenheit und Hagel von vielen Nicht-Landwirten als ein Problem angesehen werden, das nur Landwirte betrifft. "Diese Probleme dürfen der Gesellschaft nicht egal sein", sagt er. "Wir Landwirte sind zwar als erste betroffen, aber mittelfristig wird das ein Problem für alle sein."

Landwirte fordern Unterstützung

Landwirt Hubert Lehle sagt: "Mit den Hagelschäden müssen wir irgendwie umgehen. Die Probleme der Landwirtschaft muss man aber in einem größeren politischen Zusammenhang sehen." Einerseits, so Lehle, höre man von Politikern schöne Fensterreden, in denen der Erhalt kleiner bäuerlicher Betriebe gefordert werde. Andererseits vermisse er in Deutschland den politischen Willen, solche Betriebe auch real zu unterstützen. Etwa bei der Versicherung gegen Ernteausfälle und Hagelschäden. "In ganz Europa werden solche Versicherungen mit 50 bis 80 Prozent vom Staat bezuschusst", erklärt er. "Nur Deutschland lässt seine Landwirte alleine, obwohl uns diese Unterstützung seit Jahren versprochen wird." Nicht nur in diesem Punkt widerspreche das Handeln der Politik deren Aussagen. Die Versicherungsprämie steige mit jedem Schadensfall und liege teilweise schon bei 20 Prozent der Versicherungssumme.

Auch die Möglichkeit, steuerfrei Rücklagen für schlechte Jahre bilden zu können, vermissen die Landwirte schmerzlich. "Ich zahle gern und zurecht meine Steuern, wenn ich mehrere fette Jahre hintereinander habe", betont Lehle. "Aber wir haben gute und schlechte Jahre. Um die naturbedingten Schwankungen auszugleichen, brauchen wir die Möglichkeit, Gewinne quasi vor uns her zu schieben, damit wir sie in schlechten Jahren in den Betrieb zurückbringen können." Schon viele Politiker hätten das den Landwirten versprochen, aber keiner habe es umgesetzt.

"Wir Landwirte leisten einen enormen Beitrag dazu, die Ernährung der Bevölkerung mit guten Lebensmitteln zu sichern", sagt Lehle. "Das geht nur mit großem Aufwand, viel Idealismus und persönlichem Einsatz." Landwirte bekämen immer wieder zu hören, sie sollten eben betriebswirtschaftlich vernünftig wirtschaften, ärgert er sich und fragt: "Wie soll das gehen, wenn man für seine Produkte keinen Preis bekommt, zu dem man vernünftig wirtschaften kann?"

Die Wertschätzung für gute, gesunde und regionale Lebensmittel sei insgesamt viel zu gering, fügt Martin Gomeringer hinzu: "Alles ist heute wichtiger, als die Grundlagen, die ein Mensch zum Leben braucht." (gik)