Sofia guckt sich kurz um, wie auf Kommando wirbeln die fünf Schauspieler durcheinander. Einer schert aus, streckt die Arme aus. Die anderen ziehen Grimassen, dann stolzieren sie zum Spielschiff am Immenstaader Landesteg. Vier entern das kleine Boot, lassen sich wie von Wellen hin- und herwerfen, der Fünfte lässt ein weißes Segel durch die Luft wehen. Sie schaffen eindrückliche, vollkommen lautlose Bilder. Morgens um neun ist noch nicht viel los hier, ein paar Spaziergänger bleiben mit ihren Hunden kurz stehen.

Beim Straßentheater wird jeder Ort zur Bühne, auch den Landesteg in Immenstaad. Am morgigen Mittwoch folgt ein Auftritt im Rathaus.
Beim Straßentheater wird jeder Ort zur Bühne, auch den Landesteg in Immenstaad. Am morgigen Mittwoch folgt ein Auftritt im Rathaus. | Bild: Corinna Raupach

Sie lassen Hände und Augen sprechen

Das "Piano Theatre" aus dem russischen Nischni Nowgorod improvisiert am Hafen von Immenstaad. Ihr Schweigen ist nicht nur Programm: die Schauspieler können nicht hören und nicht sprechen. Sie besuchen ein Internat für taubstumme Kinder. Dessen Rektor Vladimir Chikishev gründete das Theater, um seinen Schülern andere Ausdrucksmöglichkeiten zu eröffnen: Sie lassen Hände und Augen sprechen, setzen Gefühle und Eindrücke in Bewegung um und lernen die Kunst der steten Improvisation.

Lautlos, elegant und perfekt aufeinander abgestimmt bewegen sich die Schauspieler des Piano Thetre durch ihre Choreographie.
Lautlos, elegant und perfekt aufeinander abgestimmt bewegen sich die Schauspieler des Piano Thetre durch ihre Choreographie. | Bild: Corinna Raupach

"Es gibt für jedes Stück nur eine Art Struktur, aber darin machen die Schauspieler immer etwas anderes", beschreibt Xenia Nesterova. Sie ist eigentlich Unternehmerin, ihre Firma organisiert Arztkongresse. Ehrenamtlich organisiert sie Auftritte und Reisen der Theatergruppe und hat sogar die Gebärdensprache erlernt. "In Russland ist es undenkbar, dass ein taubstummer Mensch eine Führungsposition einnimmt, sie können höchstens Handwerker werden. Wir wollen unseren Kindern beibringen, auch einmal Anführer zu sein", sagt Nesterova. Monatlich lädt die Schule andere Schulen und Organisationen zu Aufführungen und Workshops ein. "Da sind unsere Schüler im Vorteil und leiten die anderen an." Einen ehemaligen Schüler hat das Internat jetzt angestellt, er unterstützt die Theatergruppe bei ihrer Arbeit.

Spontanes Straßentheater als Herausforderung

Am kommenden Mittwoch wird die Gruppe im Rathaus Immenstaad eine Aufführung gestalten, weiter sind Workshops in der Schule in Wilhelmsdorf geplant. "Wir werden aber auch überall spontanes Straßentheater spielen, wo wir hinkommen", sagt Xenia Nesterova. Das mache die Gruppe besonders gern. "Im Theater haben wir die Aufmerksamkeit des Publikums schon, auf der Straße müssen wir sie erst gewinnen. Dafür müssen wir gut sein."

Zehn Tage bleibt die Gruppe, Ausflüge nach Friedrichshafen, Ravensburg, Konstanz und Lindau haben sie geplant. Am Morgen waren sie schon im Bodensee baden.

Zwischen elf und 18 Jahre alt sind die Jugendlichen aus Russland, die mit ihrem Assistenzlehrer Evgeni Valuev das Bodenseeufer genießen.
Zwischen elf und 18 Jahre alt sind die Jugendlichen aus Russland, die mit ihrem Assistenzlehrer Evgeni Valuev das Bodenseeufer genießen. | Bild: Corinna Raupach

Katholisches Bildung pflegt Verbindung mit Nischni Nowgorod

Eingeladen hat das katholischen Bildungswerk. "Wir haben die Gruppe beim Theatertreffen im April kennengelernt und waren ganz begeistert", erzählt Konrad Veeser, der ehrenamtlich mitarbeitet. Das Bildungswerk pflegt seit Jahren enge Kontakte mit der Stadt an der Wolga. Absolventen des Glinka-Konservatoriums und ein Knabenchor sind schon im Immenstaad gewesen, Vertreter des Bildungswerks besuchten im Januar Nischni Nowgorod. "Wir wollen auf unterster Ebene Völkerverständigung betreiben", sagt er. "Wenn Menschen miteinander kommunizieren, wächst auch die Sehnsucht nach Frieden", ergänzt Hubert Lehle. Auf seinem Ferienhof übernachten die Gäste.