Wie viele Voraussetzungen erfüllt sein müssen, bevor ein Arzt eine neue Praxis eröffnen kann, wurde Bürgermeister a.D. Jürgen Beisswenger schnell klar, als er sich vor fünf Jahren daran machte, die hausärztliche Versorgung Immenstaads für die Zukunft zu sichern. Nicht nur hohe bürokratische Hürden seien dabei im Weg gestanden. „Das alles ist zum Glück Geschichte. Jetzt bin ich wirklich gottfroh, dass wir es geschafft haben“, sagte Beisswenger bei der kleinen Feier, zu der Hausärztin Dr. Katrin Wiesener in ihre neuen Praxisräume in der Happenweiler Straße 15a auch Beisswengers Nachfolger Johannes Henne eingeladen hatte.

Immenstaad war für neue Niederlassungen lange gesperrt

Weil zwei in der Gemeinde praktizierende Ärzte sich dem Rentenalter näherten, habe er sich Gedanken um die künftige ärztliche Versorgung gemacht, blickte Jürgen Beisswenger zurück. Im August 2014 sei die Lage durch den plötzlichen Tod von Dr. Eberhard Ehmann noch erheblich schwieriger geworden. Damit sich ein neuer Arzt hätte in Immenstaad niederlassen dürfen, hätte jedoch im Planungsbereich Friedrichshafen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) ein Arztsitz frei sein müssen. Nach den Zahlen der KV war der Bereich aber gut hausärztlich versorgt und deshalb für neue Niederlassungen gesperrt.

Beisswenger führte interessierte Mediziner selbst durchs Dorf

Beisswenger schrieb Briefe und telefonierte mit Entscheidungsträgern bei der KV. Er argumentierte mit der Zahl der Einwohner, tausenden Pendlern, die in örtlichen Betrieben arbeiten, und 70 000 Urlaubern, die teilweise ebenfalls ärztliche Versorgung benötigen. Auch sein Argument „es ist ein großer Unterschied, ob ein Immenstaader seinen Hausarzt im Dorf hat oder in Friedrichshafen“ half wenig weiter. Auch wenn der Bezirk zwischenzeitlich kurzzeitig für Niederlassungen entsperrt war, gab es weitere Hindernisse: „Wir konnten keine Praxisräume anbieten, die heutigen Ansprüchen entsprochen hätten. Und weil die meisten interessierten Ärzte nicht in der Region lebten, hätten wir auch Wohnraum für die Arztfamilie bieten müssen."

"Wollte ihnen eine Niederlassung schmackhaft machen"

Einige interessierte Ärzte seien trotzdem nach Immenstaad gekommen, erzählt Beisswenger weiter. Er habe sie selbst durchs Dorf geführt, um ihnen eine Niederlassung schmackhaft zu machen.

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Gemeinde mietete Räume in Neubau an

Zumindest was die Praxisräume betraf, habe sich für die Gemeinde eine Gelegenheit ergeben, selbst aktiv zu werden, als 2016 im Happenweiler ein Neubau geplant wurde. Beisswenger sprach mit den Bauherren und dem Gemeinderat. „Ich bin Familie Thoma sehr dankbar, dass sie uns unterstützt hat – und dem Gemeinderat dafür, dass er zustimmte, dass die Gemeinde die Miete für die Räume zahlt, bis ein Arzt gefunden ist."

Im Februar 2018 tat sich die Möglichkeit einer Niederlassung auf

Im Februar 2018 stellte Beisswengers Nachfolger Johannes Henne fest, dass der Bezirk für Niederlassungen entsperrt war, und reagierte sofort: „Ich habe alle Ärzte kontaktiert, die auf unserer Interessentenliste standen. Bei den meisten hatte sich die Sache allerdings inzwischen erledigt oder sie waren längerfristig vertraglich gebunden."

Neue Hausärztin lebt mit ihrer Familie bereits in Immenstaad

Dass Dr. Katrin Wiesener gerade ihre Prüfung als Fachärztin für Allgemeinmedizin bestanden hatte, sehen alle Beteiligten als glückliche Fügung. Wiesener ist seit 2003 Fachärztin für Chirurgie und hat in Stuttgart als Chirurgin gearbeitet. 2008 hat ihr Ehemann, Gastroenterologe Dr. Marcel Wiesener, die Praxis seines Vaters in Manzell übernommen. Das Ehepaar Wiesener hat in Immenstaad ein Haus gebaut und lebt seither dort mit den beiden Kindern. Katrin Wiesener arbeitete als Chirurgin am Klinikum Friedrichshafen. Ab November 2014 bildete sie sich zur Fachärztin für Allgemeinmedizin weiter und legte im Februar 2018 die Prüfung ab. „Wir werden aus Immenstaad nicht mehr weggehen“, erklärt die neue Hausärztin. „Das bedeutet, dass ich diese Praxis führen werde, bis ich in Rente gehe."

Wann dürfen Ärzte eine neue Praxis gründen?

Wie hoch der Bedarf für Hausärzte und Fachärzte in Baden-Württemberg ist, legt die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) anhand einer Bedarfsplanungsrichtlinie fest. In Baden-Württemberg werden dabei für die hausärztliche Versorgung 101 Planungsbereiche unterschieden. Diese sind kleiner als Landkreise. Was die hausärztliche Versorgung angeht, ist Immenstaad dem Planungsbereich Friedrichshafen zugeordnet. Geht es um die Versorgung mit Fachärzten, werden größere Planungsbereiche betrachtet.

Wie gut ein Bereich ärztlich versorgt ist, wird von der KV über die Zahl der Einwohner im Verhältnis zur Zahl der Ärzte bestimmt. Gibt es einen Hausarzt für 1671 Einwohner, gilt der Bereich als zu 100 Prozent versorgt. Abweichungen sind möglich, wenn es in einem Planungsbereich besondere Umstände zu berücksichtigen gibt – etwa, dass dort eine hohe Zahl älterer Menschen lebt. Mit Stand vom 24. Oktober 2018 gibt die KVBW in ihrer Bedarfsplanung für Friedrichshafen einen Versorgungsgrad von 106,9 Prozent an. Liegt der Versorgungsgrad unter 110 Prozent, sind Neugründungen von Vertragspraxen möglich. In Gebieten mit einem höheren Versorgungsgrad können sich Ärzte nur niederlassen, wenn sie eine vorhandene Praxis übernehmen.