Es regnet in Strömen, als die Gäste vorfahren. Schnell bringen sie ihre kostbaren Instrumente in die Zimmer der Jugendherberge Überlingen, dann geht es zum Essen. Die Küche hat gewartet – zwei Stunden später als geplant sind die rund 40 Musiker des Staatlichen Russischen Volksorchesters am Ziel. Für eine Reise aus dem 3000 Kilometer entfernten Nischni Nowgorod ist das nicht viel. Jetzt sind sie froh, angekommen zu sein. „Für mich ist es ganz wichtig, hier zu sein. Ich wollte immer unbedingt nach Deutschland. Eine Freundin meiner Eltern ist Deutschlehrerin. Ich habe schon im College in Sibirien Deutsch gelernt“, sagt Flötistin Viktoriya Skorochod in langsamen, makellosem Deutsch.

Insgesamt vier Konzerte am Bodensee

Vier Konzerte unter dem Motto „Im Zeichen der Freundschaft“ gibt das Orchester in der Bodenseeregion. „Musik ermöglicht eine andere Form der Verständigung, es ist eine Begegnung auf einer anderen Ebene. Musik ist so etwas wie unsere gemeinsame Sprache“, sagt Udo Daeke, der das erste Konzert in Owingen mitorganisiert.

Initiative des katholischen Bildungswerks Immenstaad

Die Idee hatten Vertreter des katholischen Bildungswerks Immenstaad. Es unterhält seit Jahren enge Kontakte nach Nischni Nowgorod und hat immer wieder Musiker des dortigen Konservatoriums zu Konzerten eingeladen. „Wir wollen eine zivilgesellschaftliche Form der Verständigung finden, weil der Ton in der Politik immer schärfer wird“, sagt Hubert Lehle. Er hat die Gäste schon im Bus mit einer Kiste Äpfeln vom heimischen Obsthof willkommen geheißen.

Die weiteren drei Konzerte

Als vor zwei Jahren drei Immenstaader Ehepaare der Stadt an der Wolga einen Gegenbesuch abstatteten, hörten sie auch ein Konzert des Volksorchesters. Sie waren begeistert von Ausstrahlung und Virtuosität der Musiker – und sie lernten Rose Ebding kennen. Diese arbeitete als Deutschlehrerin in Nischni Nowgorod und hilft jetzt als Dolmetscherin und Moderatorin aus. Sie stellte den Kontakt zu Orchesterleiter Viktor Kusnetzov her.

Orchesterleiter versammelt Profis

Kusnetzov ist Professor am Glinka-Konservatorium in Nischni Nowgorod und hat das Staatliche Russische Volksorchester 1991 gegründet. Hier versammelt er Profis, die als Solisten bereits hohe Auszeichnungen errungen haben. Sie spielen russische Volksinstrumente wie Balalaikas oder die Gusli genannte Tischharfe. „Meine Aufgabe als Dirigent ist es, mithilfe der Volksinstrumente die russische Seele zu zeigen“, sagt Kusnetzov.

Dirigent Viktor Kusnetzov hat Moderatorin Rose Ebding schon in Nischni Nowgorod kennengelernt.
Dirigent Viktor Kusnetzov hat Moderatorin Rose Ebding schon in Nischni Nowgorod kennengelernt. | Bild: Corinna Raupach

Das Orchester hat ein breites Repertoire, neben russischer Volksmusik und Komponisten wie Glinka oder Borodin spielt es europäische Klassik, etwa von Brahms oder Smetana, oder auch mal einen Tango. „Es sind auch moderne russische Komponisten dabei, die Musik extra für uns geschrieben haben.“ Jedes der vier Konzerte in der Region hat ein anderes Programm, von Konzerten für Domra über „Gabriels Oboe“ von Morricone bis zu Ausschnitten aus Mendelssohns „Sommernachtstraum“. „Ich bin stolz auf mein junges Kollektiv, auf die Musikalität und die Energie.“

Musiker freuen sich, den Menschen ihre Musik zu zeigen

Die Musiker freuen sich auf ihre Konzerte. „Wir wollen den Menschen unsere Musik zeigen und Deutschland nicht nur als Touristen kennenlernen“, sagt Alexey Nemanov, der im Orchester Balalaika spielt. Schlagzeuger Valery Dontrov ergänzt: „Ich hoffe, dass unsere Musik angenommen wird und die deutschen Zuhörer unsere musikalischen Emotionen verstehen.“ Musik verbinde Menschen über Sprachen und Grenzen hinweg, da sind sie sich einig. „Die Konflikte gibt es zwischen Politikern, nicht zwischen den Menschen“, sagt Michail Sokolov, der mit dem Bajan genannten russischen Akkordeon auch solistisch auftreten wird.

Möglichkeit zum Gespräch nach Konzert in Immenstaad

Um weitere Begegnungen zu ermöglichen, haben die Organisatoren nach dem Konzert in Immenstaad einen Empfang organisiert. Monika Baur wünscht sich, dass auch Gepräche in kleineren Gruppen entstehen. „Wir haben genug Leute da, die Deutsch und Russisch sprechen und jederzeit übersetzen können“, sagt sie.