Annette und Karl-Franz Stefan sitzen am Dienstagabend vor dem Fernseher und schauen Nachrichten. Dann wird die Kiste ausgeschaltet und das Mensch-Ärgere-dich-nicht kommt auf den Tisch. Dazu ein Glas Wein und Musik vom CD-Spieler. Einmal im Monat ist das aber anders – und das seit 1988. Da wollten sie im Ortsteil Steigen ein Haus bauen.

Sie gingen in die Gemeinderatssitzung, damals noch unter Bürgermeister Werner Seitz, um zu hören, was die Volksvertreter denn zum Bauvorhaben sagen würden. Und natürlich auch, um aus erster Hand zu erfahren, ob es eine Baugenehmigung geben würde. Das war die erste Gemeinderatsitzung der beiden. Im Gegensatz zu vielen anderen Zuhörern, die meistens wieder gehen, wenn ihr eigener Tagesordnungspunkt verhandelt ist, blieben die Stefans bis zum Schluss. Irgendwie wurde so ihr Interesse geweckt.

Wissen und Bekanntschaften durch Sitzungen

“Es ist oft interessant, was da verhandelt wird“, sagt Annette Stefan. Auch könne man sich seine eigenen Gedanken machen und überlegen, wie man selbst entschieden hätte. Karl-Franz Stefan, der bis vergangenes Jahr bei der Post tätig war und als Briefträger natürlich viele Kunden hatte, wusste oft mehr von der Gemeindepolitik und konnte gelegentlich aufklären, wie es genau in der Sitzung gelaufen ist. „Wer nicht zur Sitzung geht, der meckert dann trotzdem und schimpft über die Gemeinderäte, obwohl er eigentlich viel zu wenig weiß“, kritisiert Stefan mit einem Schmunzeln. Klar, die Materie sei manchmal sehr trocken, aber das gehöre halt dazu. Auf jeden Fall sei ein Sitzungsbesuch zudem eine gute Gelegenheit, die Gemeinderäte näher kennenzulernen. „Ich wohnte vorher in Langgassen und kannte nur die Gesichter“, erinnert sich Annette Stefan.

Das könnte Sie auch interessieren

Diskussionen heute ausgeglichener und sachlicher

Früher, da sei oft ganz heiß diskutiert worden. Das habe sich in den zurückliegenden Jahren gelegt. Die Diskussionen seien jetzt ausgeglichener und sachlicher. Mehr Frauen im Gemeinderat würden übrigens beide echt gut finden. Sie sind für Gleichberechtigung. Und wie steht es mit einer eigenen Kandidatur? Karl-Franz Stefan wurde bereits öfter gefragt, ob er keine Lust habe, aber für ihn komme das nicht in Frage. Es sei schon ein Unterschied, ob man verpflichtet sei, in eine Sitzung zu gehen, oder ob man das freiwillig mache. Im Bekanntenkreis macht das Ehepaar aber zumindest Werbung für einen Sitzungsbesuch. „Da wird man dann gefragt, warum man sich das antue“, sagt er. Die Antwort ist einfach: „Erstens weiß man dann viel von dem, was in der Gemeinde passiert, und zweitens hat man am Küchentisch immer etwas zu besprechen.“

Auch in Corona-Zeiten besuchten Annette und Karl-Franz Stefan die Sitzungen des Gemeinderats. Damals mit Maske und immer auf den ...
Auch in Corona-Zeiten besuchten Annette und Karl-Franz Stefan die Sitzungen des Gemeinderats. Damals mit Maske und immer auf den gleichen Plätzen. | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

Wenn Karl-Franz Stefan spät vom Dienst kam, wurde mal eine Pause eingelegt. Aber das war selten. Und auch während der Corona-Zeit war das Ehepaar meistens dabei. Dann eben mit Maske. Kein Problem sei das gewesen. Im Ersatzsitzungssaal im Sennhof saßen sie immer auf denselben Stühlen. Im Saal im Rathaus, wo jetzt wieder getagt wird, nehmen sie in Blickrichtung links Platz. Da könnte man nahezu Namensschilder an den Stühlen anbringen. Aber das geht freilich nicht. Wobei, wie steht es mit der Fasnet? „Mal sehen“, sagen die Stefans lachend. Wie sieht es mit der Bequemlichkeit aus? Die sei in Ordnung. Auf den Stühlen könne man ganz gut sitzen. Praktisch sei es, wenn man eine kleine Wasserflasche dabei habe, denn die Luft sei manchmal sehr trocken und die Themen auch.

Ins Guinness-Buch der Rekorde wollen sie nicht

Die Zahl der Sitzungen, an denen sie teilgenommen haben, die kann nur schwer nachvollzogen werden. Man mache ja keine „Strichle“ im Kalender. Aber so 180 dürften es schon sein. Das wäre doch ein Fall fürs Guinness-Buch der Rekorde, oder? „Da haben wir noch nicht darüber nachgedacht“, sagen Annette und Karl-Franz Stefan. Als sie hören, dass der Eintrag ins Rekordbuch 630 Euro für bereits existierende Rekorde und 825 Euro für neue Rekord-Titel kostet, da ist die Entscheidung klar: „Brauchen wir nicht.“