Da staunten nicht nur die Verantwortlichen der Künstlergemeinschaft AllerArt in Heiligenberg, sondern auch die Besucher selbst: Es kamen viel mehr Musikfreunde zum ersten Konzert nach dem Lockdown, als man dies erwartet hatte. Und es war kein Konzert der üblichen Art, als die ersten Töne des Trio Cajon aus den Boxen kamen. Hier sah man nur glückliche Menschen und man konnte das Aufatmen nach dem Lockdown förmlich spüren.

Ein Sonntag wie aus dem Bilderbuch. Zwischen AllerArt und dem Sennhof war viel los und die Menschen genossen das Konzert des Trios Cajon.
Ein Sonntag wie aus dem Bilderbuch. Zwischen AllerArt und dem Sennhof war viel los und die Menschen genossen das Konzert des Trios Cajon. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Endlich wieder Musik in Gemeinschaft hören

„Mir kommen fast die Tränen“, begrüßte Andrea Meurer von AllerArt die Besucher, deren Zahl ständig größer wurde. Man hatte mit deutlich weniger gerechnet und deshalb auch nicht die üblichen Würstchen zur Bewirtung vorbereitet. „Hoffentlich reichen die Getränke“, sagte Meurer. Doch vermutlich wären die Menschen auch ohne Getränke glücklich gewesen. Endlich mal wieder in Gemeinschaft Musik hören, ohne Maske vor dem Gesicht, endlich mal wieder Freunde treffen und gemeinsam Spaß haben: Es war wirklich eine Party der besonderen Art.

Susanne Alken, Campinggast: „Mir sind heute echt die Tränen gekommen.“
Susanne Alken, Campinggast: „Mir sind heute echt die Tränen gekommen.“ | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Statt französischer Atlantikküste Urlaub am Bodensee und Konzert in Heiligenberg

Was bewegte Musiker und Zuhörer? Susanne Alken kamen wirklich die Tränen. „Vielleicht kann man das noch sehen“, lacht sie und nimmt die Sonnenbrille ab. Sie und ihr Mann Peter sind Campingäste in Salem und waren extra mit dem Fahrrad nach Heiligenberg gekommen, um das Konzert zu hören. „Als wir das hier gesehen haben, die vielen Leute und die Musik, da sind mir echt die Tränen gekommen.“ Normalerweise fährt das Paar zum Urlauben an die französische Atlantikküste.

Peter Alken, Campinggast: „Das Gefühl kennt man seit zwei Jahren nicht mehr.“
Peter Alken, Campinggast: „Das Gefühl kennt man seit zwei Jahren nicht mehr.“ | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

Weil das nicht möglich war, kam das Paar in Richtung Bodensee. „Es ist einfach bombastisch. Man kann es kaum in Worte fassen, was das mit mir macht. Das ist Seelenmassage pur“, macht die Münsterländerin deutlich. Peter Alken stellt fest: „Das Gefühl, unter Leuten sein zu dürfen, mit Live-Musik, das kennt man eigentlich seit zwei Jahren nicht mehr.“ Er will zu Hause von dieser Veranstaltung erzählen und ist sich sicher: „Unsere Bekannten werden alle neidisch sein.“

Stefan Hähnle aus Neufra: „Wir sind ganz entspannt und genießen den Sommertag.“
Stefan Hähnle aus Neufra: „Wir sind ganz entspannt und genießen den Sommertag.“ | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Tagesausflug von der Schwäbischen Alb zu AllerArt

Stefan Hähnle und seine Frau Heike Hildebrandt-Hähnle sind aus Neufra gekommen. „Bei Gammertingen auf der Schwäbischen Alb“, wie Stefan betont. Für die Beiden war es ein Tagesausflug der besonderen Art. „Ich bin ganz entspannt“, schmunzelt er. „Wir bleiben hier jetzt den ganzen Tag und genießen diesen wunderschönen Sommertag.“

Heike Hildebrandt-Hähnle aus Neufra: „Wieder etwas Freiheit, das fühlt sich sehr gut an.“
Heike Hildebrandt-Hähnle aus Neufra: „Wieder etwas Freiheit, das fühlt sich sehr gut an.“ | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Ehefrau Heike hat sich in den vergangenen Monaten mit Kontakten sehr zurückgehalten. „Aber hier ist es jetzt einfach wunderbar. Eine tolle Musik, eine wunderschöne Atmosphäre und wieder etwas Freiheit, das fühlt sich alles sehr gut an“, sagt sie. „Es ist gut, dass die Veranstaltung im Freien ist. Innen würde ich nicht hingehen.“

Sigrun Schumacher, hier mit der E-Violine, schrieb während des Lockdowns neue Songs mit deutschen Texten.
Sigrun Schumacher, hier mit der E-Violine, schrieb während des Lockdowns neue Songs mit deutschen Texten. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Sigrun Schumacher schreibt neue Songs auf Deutsch

Sängerin und Violinistin Sigrun Schumacher vom Trio Cajon hat Corona genutzt, neue Songs zu schreiben, die ihrer Gefühlslage entsprechen. Sie habe während des Lockdowns mehr Zeit für die Familie gehabt. Aber jetzt wieder den Kontakt zu den Fans zu haben, das sei eine ganz tolle Erfahrung. „Vorher hat mir eine Frau erzählt, wie glücklich sie ist, heute hier zu sein. Es sei ein solch tolles Gefühl und man atme wieder Leben“, erzählt Sigrun Schumacher. Dafür stehe sie gern morgens um 5.30 Uhr auf, um nach Heiligenberg zu fahren. Sie kommt aus Frankental in der Nähe von Mannheim.

Gitarrist Gerhard „Beefy“ Wurst: „Es ist ein Gefühl, das man nicht so richtig beschreiben kann.“
Gitarrist Gerhard „Beefy“ Wurst: „Es ist ein Gefühl, das man nicht so richtig beschreiben kann.“ | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Für Musiker ist erstes Live-Konzert fast schon surreal

„Es ist ein Gefühl, das man nicht so richtig beschreiben kann“, sagt Gitarrist Gerhard „Beefy“ Wurst. Wie seine Kollegen ist er Profimusiker. Man habe lange nichts mehr gemacht. Jetzt müsse man sich an die Backe hauen und nachdenken, ob das denn jetzt überhaupt wahr sei, dass man wieder vor Publikum spiele. „Fast schon surreal“, sagt er und fügt hinzu, dass er das Musik machen jetzt unheimlich genieße. Früher habe die Gruppe jedes Wochenende mindestens einen Auftritt gehabt und war oft zusammen. Das habe enorm gefehlt. Jetzt müssten sich die Musiker erstmal orientieren, wie es weitergeht.

Percussionist Andy Schoy: „Da merkst du erst richtig, was dir alles gefehlt hat.“
Percussionist Andy Schoy: „Da merkst du erst richtig, was dir alles gefehlt hat.“ | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Für Percussionist Andy Schoy ist es ein Ausnahmegefühl, dass die Band wieder live auftreten kann. „Es gefällt mir ungemein. Da merkst du erst richtig, was dir alles gefehlt hat. Und den Leuten scheint es auch so zu gehen.“

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Menschen scheinen Energie fürs Klatschen Monate aufgespart zu haben

Mit seiner Mischung aus Latin, Jazz und Pop reißt das Trio Cajon die Menschen mit. Auch neu arrangierte Evergreens, wie „Stand by me“, sorgen für riesigen Applaus. Fast könnte man meinen, dass die Menschen ihre Energie fürs Klatschen aufgespart haben und dass diese jetzt einfach raus muss.

Schattenplätze waren gefragt und überall standen Musikfans. „Unser erstes 360-Grad-Konzert“, scherzte Sängerin Sigrun Schumacher.
Schattenplätze waren gefragt und überall standen Musikfans. „Unser erstes 360-Grad-Konzert“, scherzte Sängerin Sigrun Schumacher. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Neu im Programm sind Songs mit deutschen Texten, geschrieben von Sigrun Schumacher. „Ich habe lange englische Texte geschrieben, aber es war für mich wie durch einen Nebel zu singen. Es war viel Geblubber“, sagt sie selbstkritisch. Während des Lockdowns hatte sie viel Zeit für neue Songs. Und diese sind in deutscher Sprache. Am Sonntag waren es vor allem zwei Titel, die das Publikum mitrissen: Das phänomenal „Hey ho, wie geht‘s so?“ ist ein Titel zum Mitsingen, das inhaltsstarke „Sonntag“ mehr zum Nachdenken und fast schon eine Gefühlsgeschichte des Lockdowns. Nachzuhören kostenlos auf Youtube.

Das Trio Cajon kann man am 22. Juli ab 19 Uhr live auf dem Marktplatz in Pfullendorf erleben.