Saisonales Gemüse, Fleisch direkt vom Bauernhof und Eier von glücklichen Hühnern: Die regionale Vermarktung ist eine Wachstumsbranche. Manche steigen sogar selbst in die Produktion für kleine private Mengen ein, auch wenn sie gar keinen eigenen Garten haben oder Platz für Schweine. Doch wer sich mit Gleichgesinnten zusammenschließt, der hat durchaus Chancen, seine Wünsche trotzdem erfüllen zu können. „Solidarische Landwirtschaft“ nennt sich das Projekt. Seit einigen Monaten gibt es so eine „Solawi“ auch im Teilort Steigen der Gemeinde Heiligenberg. Es handelt sich um einen eingetragenen Verein.

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Maria Schlegel ergreift die Initiative

Initiatorin ist Maria Schlegel. Die ausgebildete Masseurin hat sich schon immer für Gartenbau interessiert und als sie hörte, dass die Camphill-Schulgemeinschaft Föhrenbühl ihre Gärtnerei aufgeben wird, da kam die Überlegung, das Areal samt Gewächshaus zu pachten und dort nach dem Prinzip der Solidarischen Landwirtschaft Gemüse und Obst anzubauen.

Ackerland und Anbau im Gewächshaus

Könnte so etwas funktionieren? Würden sich genügend Mitstreiter finden, um das große Vorhaben zu realisieren? Immerhin mussten 900 Quadratmeter beheiztes Gewächshaus, rund 400 Quadratmeter Folientunnel, ein halber Hektar Ackerfläche und 0,75 Hektar Umstellungsfläche bewirtschaftet werden. Dazu kamen Frühbeete, Kräuterbeete, eine Wiese mit Obstbäumen und Beerensträucher. Auch ein Erdkeller und Garagen gehörten zum Areal. „Ich hatte da viele schlaflose Nächte“, sagt Maria Schlegel. Doch sie bekam sehr viel Zuspruch von Freunden und Bekannten. Der Tenor war immer gleich: „Du musst das machen!“ Und es gab auch erstaunlich viele Menschen, die bereit waren, aktiv mitzumachen.

Initiatorin Maria Schlegel setzt im Gewächshaus auch mal Motorkraft ein. Das sei zwar nicht so gut für die Kleinlebewesen im Boden, aber bei den riesigen Flächen müsse man manchmal Kompromisse machen, erklärt sie.
Initiatorin Maria Schlegel setzt im Gewächshaus auch mal Motorkraft ein. Das sei zwar nicht so gut für die Kleinlebewesen im Boden, aber bei den riesigen Flächen müsse man manchmal Kompromisse machen, erklärt sie. | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

So wie Uta Wilke aus Bambergen. Die Kinderärztin betreut auch Kinder in Föhrenbühl, auch die von Maria Schlegel. So kam man ins Gespräch und Wilke fand die Idee super. Dass sie nur das Gemüse bekommt, was in einer fertig gepackten Kiste drin ist, das stört sie nicht. „Grundsätzlich will ich regional und saisonal kochen. Und das ist genau das, was in der Kiste drin ist“, sagt sie. Zuhause hat sie noch Kräuter und Tomaten im Garten.

Eine weitere Aktive ist Fenja Schlosser aus Steigen. Als die Solawi in Steigen gegründet wurde, war für die Heilerziehungspflegerin klar, dass sie mitmacht. „Ich finde es erstaunlich, was hier jetzt entstanden ist“, sagt sie. Das Miteinander sei sehr angenehm. Sie zahlt einmal im Monat einen Beitrag. Dass es im Winter nicht so viel Salat und Gemüse als Gegenleistung gab, das findet sie nicht schlimm.

Victoria Vlcek hat ihren ersten Arbeitstag und übt sich im Heckenschneiden. „Das habe ich noch nie gemacht, aber ich bin lernfähig.“
Victoria Vlcek hat ihren ersten Arbeitstag und übt sich im Heckenschneiden. „Das habe ich noch nie gemacht, aber ich bin lernfähig.“ | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

„Es gibt mal mehr und mal weniger Ware. Das muss man einfach wissen und man muss dieses Risiko eingehen“, fügt Schlosser hinzu. Jeder bezahle nur den Beitrag, den er sich leisten könne. Sei der niedrig, so werde das auch durch Arbeitsleistung ausgeglichen. Wichtig sei auf jeden Fall, dass die hauptberuflichen Mitarbeiter ihr Auskommen haben. Die beiden angestellten Gärtner bekommen einen festen Lohn. Für Schlosser steht die Solidarität an oberster Stelle und sie ist überzeugt, dass solche Projekte eine Zukunft haben. Da sie durchaus auch Fleisch isst, könnte sie sich ein ähnliches Projekt auch für Tierhaltung vorstellen.

Fenja Schlosser holt ihre Wochenkiste ab. „Gekocht wird das, was hier drin ist“, sagt sie.
Fenja Schlosser holt ihre Wochenkiste ab. „Gekocht wird das, was hier drin ist“, sagt sie. | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

Studentin Marietta ten Brink und Abiturientin Carolina Langley aus Steigen kennen das Projekt von ihren Eltern und kommen nur ab und zu, um Gemüse abzuholen. Sie finden das Projekt gut. Regionale Produkte kaufen sie auch sonst sehr gerne und finden das Angebot in der Region eigentlich gar nicht schlecht. Wie in den anderen Kisten waren bei den zwei jungen Frauen Kartoffeln, Rote Beete, Stangensellerie, Pak Choi, Schnittlauch und Posteleinsalat. Das Angebot wechselt jede Woche.

Traum vom Gärtnern auch ohne eigenen Garten

Victoria Vlcek aus Steigen hat ihren ersten Arbeitstag im Projekt und schneidet Hecken, als der SÜDKURIER vorbeikommt. Das hat sie bisher noch nie gemacht, aber sie sei lernfähig, sagt sie. Eine Wohnung mit Garten hat sie nicht und so kann sie sich hier einen Wunsch erfüllen. „Ich könnte jetzt auch einen Spaziergang machen, aber das hier erscheint mir gerade sinnvoller“, sagt sie schmunzelnd und fügt hinzu, dass sie nicht nur mitarbeitet, sondern auch ihren Beitrag bezahlt.

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„Manche Leute denken am Anfang, sie bräuchten nur zu einer Solawi zu gehen und hätten dort die Möglichkeit, einfach billiger an gutes Gemüse zu kommen“, macht Initiatorin Maria Schlegel auf einen Irrtum aufmerksam. Wichtig sei, dass die Leute verstehen, dass man sich gegenseitig stützen möchte und nicht jeder sich einfach ein Schnäppchen rauszieht. Die Solidarität liege auch darin, dass die Gärtner so bezahlt werden, dass sie sich auch ein normales Leben leisten können.

Ziel ist es, weitgehend biologisch-dynamisch zu wirtschaften. „Dabei ist uns die Steigerung der Bodenfruchtbarkeit ein zentrales Anliegen“, sagt Schlegel. Die Arbeit mit Pferden und die Haltung von Hühnern und Laufenten wird noch dazukommen. Ein paar Minischweine dürfen sich bereits als tierische Arbeiter betätigen, indem sie den Boden aufwühlen. Geschlachtet werden sollen sie nicht.