Junge Menschen mit einer Behinderung sollen in spezialisierten Schulen auf ein möglichst selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Leben in der Gemeinschaft und auf das Arbeitsleben vorbereitet werden. Insbesondere sollen Übergänge direkt aus der Schule in die Arbeitswelt, oder je nach Begabung des Schülers in einen Förder- und Betreuungsbereich, gefördert und unterstützt werden. Abgestimmt und geplant werden diese Prozesse in Berufswegekonferenzen (BWK), an denen Schüler, Eltern, der Integrationsfachdienst (IFD) und die beteiligten Kostenträger teilnehmen. Das war auch dieses Jahr wieder in der Camphill-Schulgemeinschaft Föhrenbühl so. Die Corona-Pandemie setzte da aber ihre eigenen Vorgaben.

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Derzeit werden Konferenzen und Gespräche weitgehend digital geführt. Zu groß ist die Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus. In Föhrenbühl ist man nun erfolgreich einen anderen Weg gegangen. Die jährliche Berufswegekonferenz für junge Leute mit Assistenzbedarf fand nicht wie üblich im Schulgebäude statt, sondern im Pferdestall.

Elisbath Labudde hatte sich ein ausgeklügeltes Hygienekonzept ausgedacht, dass auch jungen Leuten mit Assistenzbedarf keine Probleme bereitete.
Elisbath Labudde hatte sich ein ausgeklügeltes Hygienekonzept ausgedacht, dass auch jungen Leuten mit Assistenzbedarf keine Probleme bereitete. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

„Die Resonanz ist sehr positiv“, sagt Elisabeth Labudde. Sie ist die Abteilungsleiterin der Berufsschulstufe und weiß genau, wie wichtig diese Berufswegekonferenzen für die Schülerinnen und Schüler sind, die wegen ihrer Behinderung nur wenig Möglichkeiten haben, einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz im ersten Arbeitsmarkt zu finden.

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Eltern reisten auch von weiter her an

Auch für die Eltern, die teilweise von weither nach Heiligenberg-Steigen angereist sind, sind solche Gespräche wichtig. So auch für Bernadette Hettesheimer, die mit ihrer Familie in der Nähe von Göppingen wohnt. Ihr siebzehnjähriger Sohn Jonas ist schon elf Jahre in Föhrenbühl und findet es hier noch immer „super“, wie er in der Gesprächsrunde formuliert. Seine Mutter ist voll des Lobes: „Sehr positiv, sehr informativ und auch hervorragend organisiert“, hat sie die Gesprächsrunde empfunden.

Am Warteplatz waren die Verhaltensregeln klar aufgezeigt.
Am Warteplatz waren die Verhaltensregeln klar aufgezeigt. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Getagt wurde mit Maske, Abstand, Desinfektion und Lüftungsplan. Und manchmal gab es eine kleine Ablenkung, wenn der Hufschmied mit einem der Pferde beschäftigt war, die im Freien auf neue Hufeisen warteten. Mit Symbolen und Zeichnungen wurden die Schülerinnen und Schüler darauf aufmerksam gemacht, wie sie sich verhalten mussten. Gleich vor dem Eingang gab es einen großen Maltisch, wo man sich beschäftigen konnte, falls man zu früh gekommen war. Die Stühle standen im nötigen Abstand, Desinfektionsmittel wartete auf Benutzer und wer seine Maske vergessen hatte, der brauchte nicht umkehren. In einem großen schwarzen Zylinder warteten FFP2-Masken auf einen Abnehmer.

Zukunftsgespräche für und mit 25 jungen Leuten

In einem angedeuteten Kreis saßen die Gesprächsteilnehmer dann im Vorraum des Pferdestalls. Alle mit dem nötigen Abstand und sehr gespannt. Bei 25 jungen Leuten ging es um ihre Zukunft. Dass da die Vorstellungen und Wünsche nicht immer mit der Realität Schritt halten konnten, das war für die Fachleute nicht neu. So ist Daniela Schwarz schon seit elf Jahren als Reha-Beraterin bei der Agentur für Arbeit in Überlingen tätig.

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Masken erschweren die Verständigung schon

Rund 150 Schülerinnen und Schüler gehören pro Jahr zu den Klienten von Daniela Schwarz. Und alle haben das gleiche Problem: Wegen ihrer geistigen Behinderung ist ein üblicher beruflicher Werdegang meistens nicht möglich. „Man muss deshalb die Kompetenzen und die Entwicklung der Schüler betrachten und im gemeinsamen Gespräch herausfinden, was denn nun im einzelnen Fall der richtige Weg ist“, sagt Schwarz. In Corona-Zeiten sei das aber erschwert. „Man hört sich nicht so gut, die Verständigung ist grundsätzlich erschwert und die Mimik, die sehr wichtig ist, kann nur eingeschränkt erfasst werden“, macht die Frau von der Arbeitsagentur die Problematik deutlich.

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Man ist sehr bemüht, den Menschen als Ganzes zu sehen und nicht nur die kognitiven oder motorischen Fähigkeiten. Und da gehört natürlich auch dazu, wie sich jemand in seinem Wohnumfeld verhält. Dazu kann Heilerziehungspflegerin Samira Rauber Auskunft geben, die ebenfalls zur Gesprächsrunde gehört. In der Wohngruppe ist sie die Bezugsbetreuerin von Jonas. Und das schon sieben Jahre. „Da kennt man sich“, sagt sie.

Auch die Nachfolgeunterbringung spielt eine Rolle

Für Elisabeth Labudde ist die Zusammenarbeit mit dem Internat sehr wichtig. Denn in der Berufswegekonferenz geht es nicht nur um die Frage, was nach der Schule sein soll, sondern auch um die Nachfolgeunterbringung. Sprich: Wo wird der Betroffene wohnen, wenn er den geschützten Raum von Föhrenbühl verlassen hat?

Mit im Boot ist auch Viola von Heynitz. Sie ist Fachberaterin beim Integrationsfachdienst (IFD) Bodensee-Oberschwaben der sich in Trägerschaft der gemeinnützigen GmbH Arkade-Pauline befindet. Die IFD kümmern sich im Auftrag des Kommunalverbandes Jugend und Soziales (KVJS), früher Landeswohlfahrtsverband, um schwerbehinderte Menschen, bei denen eine intensive persönliche Begleitung auf dem Weg in eine Beschäftigung oder zur Sicherung der Beschäftigung erforderlich ist.

Jonas (17) findet die halbe Stunde „nicht langweilig“

Es wird schnell deutlich: Die Berufswegekonferenz ist keine Unterhaltungsveranstaltung. Hier geht es um ernsthafte Vorschläge und Schlussfolgerungen. Trotzdem, Jonas empfindet die halbe Stunde als „nicht langweilig“, wie er gegenüber dem SÜDKURIER erklärt. Er hat von einem Praktikum in einer Küche erzählt und auch davon, dass er noch keine genaue Vorstellung hat, was er nach der Schule machen will. „Ich habe noch immer Spaß an der Schule“, kommt es hinter der Schutzmaske hervor und an den lustig blitzenden Augen kann man erkennen, dass Jonas mit diesem Spaß wohl auch bestimmte Vorstellungen verbindet.

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Für Mutter Bernadette ist klar, dass sie den Vater zu Hause beruhigen kann. „Alles wird so werden, wie es Jonas angemessen ist“, macht sie ihre Überzeugung deutlich. Ihre Familie wird in absehbarer Zeit in Richtung Bodensee ziehen. Derzeit sei man nur wegen der Arbeitsstätte des Vaters im Raum Göppingen. Man habe dort aber überhaupt keine Verwandtschaft. Am Bodensee dagegen schon. Die Hettesheimers werden dann näher an ihrem Sohn sein. Der wird vorerst noch in Föhrenbühl bleiben, denn mit 17 hat er noch einige Schuljahre vor sich. Für endgültige Entscheidungen ist also noch Zeit.

Einen Teilnehmer hat das Ganze überhaupt nicht interessiert. Die Stallkatze lag schlafend in ihrem Körbchen. Sie machte sich bestimmt auch keine Sorgen wegen Corona. Die Gesprächsrunde auch nicht. Denn man war voll des Lobes für die Hygienemaßnahmen.

Viola von Heynitz ist seit knapp drei Jahren für den Integrationsfachdienst der Arkade-Pauline 13 gGmbH tätig und für den Bodenseekreis zuständig.
Viola von Heynitz ist seit knapp drei Jahren für den Integrationsfachdienst der Arkade-Pauline 13 gGmbH tätig und für den Bodenseekreis zuständig. | Bild: privat

„Die Barrieren in den Köpfen sind das Problem“

Frau von Heynitz, könnten Sie die Aufgaben des Integrationsfachdienstes kurz skizzieren?

Integrationsfachdienste (IFD) unterstützen Menschen, die infolge der Auswirkungen einer funktionalen Einschränkung bei der Teilhabe am Arbeitsleben behindert sind. Dabei beraten und begleiten wir gleichermaßen (schwer-)behinderte Beschäftigte und Arbeitgeber beim Zugang ins Berufsleben sowie bei der Sicherung eines geeigneten Arbeitsplatzes. Die IFD arbeiten im Auftrag des KVJS-Integrationsamtes im Rahmen der gesetzlichen Aufgaben des SGB IX.

Wie kann das Ziel, Menschen mit Assistenzbedarf in den ersten Arbeitsmarkt zu bekommen, erfolgreich verfolgt werden?

Wir unterstützen diesen Personenkreis bei der beruflichen Orientierung, Vorbereitung, Erprobung und Aufnahme einer geeigneten Ausbildungs- oder Arbeitsstelle. Gleichzeitig beraten wir die potenziellen Arbeitgeber zur Ausgestaltung des Arbeitsplatzes und des notwendigen Unterstützungsbedarfs.

Was ist dabei das größte Problem?

Häufig sind es die Barrieren in unseren Köpfen. Menschen mit Behinderung sind durchaus leistungsfähig und sollten nicht nur auf ihre Behinderung reduziert werden.

Wie haben Sie die Hygienemaßnahmen bei Camphill in Steigen empfunden?

Die erforderlichen Hygienemaßnahmen wurden vorbildlich vorbereitet und umgesetzt. Dies war aber auch Voraussetzung für meine Teilnahme an den Gesprächen. Ich habe mich somit auf dem Gelände der Camphill Schulgemeinschaften geschützt gefühlt und ich bin froh darüber, dass trotz der aktuellen Lage ein guter persönlicher Austausch stattfinden konnte.

Fragen: Karlheinz Fahlbusch