Längst ist das Coronavirus auch in Afrika angekommen. Und so langsam dämmert es auch den Europäern, dass man den zweitgrößten Kontinent mit der zweitgrößten Bevölkerung in der Krise nicht allein lassen darf. Doch die Bedingungen sind anders als beispielsweise in Deutschland. „In vielen Gegenden wie in den Townships ist soziale Distanzierung absolut unmöglich und manchmal gibt es nicht mal fließendes Wasser“, berichtet Katharina Stehle aus Kapstadt in Südafrika.

In vielen Siedlungen haben die meisten Menschen kein fließendes Wasser im Haus und müssen sich einen öffentlichen Zugang mit zehn bis 15 anderen Häusern teilen.
In vielen Siedlungen haben die meisten Menschen kein fließendes Wasser im Haus und müssen sich einen öffentlichen Zugang mit zehn bis 15 anderen Häusern teilen. | Bild: privat

35-Jährige und ihre Mutter schließen sich zusammen

Die 35-jährige Heiligenbergerin ist Projektmanagerin und Produzentin und arbeitet viel mit deutschen TV-Produktionen und Kunden im Tourismusbereich zusammen. Doch da sich Südafrika schnell für einen kompletten Lockdown entschieden hat, einen der strengsten und längsten der Welt, kann Stehle derzeit ihrer Tätigkeit nicht nachgehen. Und nach Hause fliegen, das geht auch nicht. Katharina Stehle engagiert sich bei Seaboard CAN, einer Initiative, die den Menschen in Corona-Zeiten ganz praktische Hilfe anbietet und dafür sorgt, dass diese überhaupt etwas zu essen haben. Doch dafür sind auch Geldmittel nötig – und die hofft Katharinas Mutter Antonia Stehle in unserer Region sammeln zu können.

Doch ein Spendenkonto zu eröffnen, das ist wegen Geldwäschegesetzen gar nicht so einfach und so hat Antonia Stehle mit dem Diakonischen Werk in Überlingen Kontakt aufgenommen und die Situation geschildert. Geschäftsführer Gerhard Hoffmann sagte Unterstützung zu. „Es war auch mir nicht klar, wie schlimm die Situation in Afrika ist“, stellte er betroffen fest. Nun kann man Spenden auf das Konto der Diakonie überweisen, die das Geld dann nach Südafrika weiterleitet. Dabei wird alles dokumentiert, denn Transparenz ist oberstes Gebot.

Herbert und Antonia Stehle halten mit dem Smartphone per Skype Kontakt zu ihrer Tochter in Südafrika und sammeln Spenden.
Herbert und Antonia Stehle halten mit dem Smartphone per Skype Kontakt zu ihrer Tochter in Südafrika und sammeln Spenden. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Für die Heiligenbergerin in Kapstadt war das eine super Nachricht, als ihre Eltern die Neuigkeiten per Skype übermittelten. „Ich wollte meine Zeit investieren, um anderen Menschen zu helfen“, macht Katharina ihre Intention deutlich. Die Lage sei vor allem in ärmeren Gegenden unvorstellbar. Schnelle Hilfe sei nötig.

Corona-Krise trifft die arme Bevölkerung hart

Kurz bevor der komplette Lockdown verkündet wurde, hatten bereits verschiedene Organisationen angefangen, Sach- und Geldspenden zu sammeln, da klar war, dass viele unterprivilegierte Menschen sehr darunter leiden werden. „Das hat mich auch direkt emotional gepackt und ich habe gesammelt“, erinnert sich die Heiligenbergerin. Am Anfang des Lockdowns durfte man das Haus nur verlassen, um in den Supermarkt und zur Apotheke zu gehen. Weil sie helfen wollte, hörte sie sich um und stieß in der Nachbarschaft auf Seaboard CAN. Die Organisation war erst ein paar Tage zuvor ins Leben gerufen worden und somit war Katharina von Anfang an im Kernteam dabei.

Anstehen für die oft einzige Mahlzeit am Tag. Die Krise trifft die arme Bevölkerung hart.
Anstehen für die oft einzige Mahlzeit am Tag. Die Krise trifft die arme Bevölkerung hart. | Bild: privat

Sie fühlt sich selbst fast als Südafrikanerin, sagt sie. Die südafrikanische Gesellschaft verändere sich immer mehr von einer Rassen- zu einer Klassengesellschaft, in der die Hautfarbe nicht auf das Privileg hinweise. „Wir sind alle Afrikaner. Ich denke, dass im Kontext Südafrikas diejenigen, die mehr haben, denjenigen helfen, die weniger haben. Und es ist wichtig, sich für die unterprivilegierten Menschen einzusetzen“, ist die 35-Jährige überzeugt. Die Hautfarbe – in Kapstadt stellen die Weißen 30 Prozent der Bevölkerung – dürfe da keine Rolle spielen.

Versorgung mit Lebensmitteln ist am wichtigsten

Im Moment sei das Hauptziel, die Versorgung mit Lebensmitteln und fertigem Essen zu sichern. Man arbeite aber auch an längerfristigen und nachhaltigen Lösungen. Die Seaboard CAN wurde am 24. März, dem Vorabend des Lockdown in Südafrika, gegründet. Betroffene Bewohner fanden sich schnell und begannen zu mobilisieren, um schutzbedürftige Menschen in der Nachbarschaft und in den Netzwerken zu unterstützen, berichtet Stehle.

Das könnte Sie auch interessieren

„Man war hier sehr besorgt über andere Kapstädter, die sich nicht auf die Pandemie vorbereiten konnten, indem sie sich mit Lebensmitteln oder sanitären Einrichtungen versorgten.“ Während die Sperrung fortgesetzt wurde, verloren viele Familien ihr Einkommen. Für die Helfer sei klar, dass der Bedarf weitaus größer ist, als die Regierung vorsehen könne. Deshalb habe man beschlossen, gemeinsam zu handeln.

Katharina Stehle selbst hat viele verschiedene Aufgaben übernommen. Da geht es um die Beantwortung von Kontaktanfragen, Großbestellungen für Essen, das Sammeln von Spenden, Logistik und Koordination sowie um Kooperationen mit Supermärkten in der Gegend. Dazu kommen kleine Projekte direkt im Township Gugulethu.

Die Partnerschaft zwischen Gugulethu und Seaboard hat 2000 gefährdete Häuser in Gugulethu identifiziert, die aufgrund der anhaltenden Sperrung den Zugang zu ihrem gesamten Einkommen verloren haben. Sinani ist ein innovatives Gutscheinprogramm, mit dem Familien kaufen können, was sie brauchen. Sinani-Gutscheine sind hybride Gutscheine, die den Kauf sowohl in Supermärkten als auch bei lokalen Obst- und Gemüsehändlern ermöglichen.
Die Partnerschaft zwischen Gugulethu und Seaboard hat 2000 gefährdete Häuser in Gugulethu identifiziert, die aufgrund der anhaltenden Sperrung den Zugang zu ihrem gesamten Einkommen verloren haben. Sinani ist ein innovatives Gutscheinprogramm, mit dem Familien kaufen können, was sie brauchen. Sinani-Gutscheine sind hybride Gutscheine, die den Kauf sowohl in Supermärkten als auch bei lokalen Obst- und Gemüsehändlern ermöglichen. | Bild: (privat)

„Ich bin tief gerührt, wie groß die Hilfsbereitschaft in den vergangenen Wochen und Monaten zugenommen hat, und wie Menschen, die sich vorher nicht kannten, zusammenarbeiten und einander helfen“, erzählt die Linzgauerin. Menschen in der Nachbarschaft anders und besser kennenzulernen und auch viele fröhliche und positive Begegnungen mit Menschen in Gugulethu, das alles sei sehr inspirierend. Und es gebe hier sehr viele starke Frauen, wie die Südafrikanerin Pam und ihre Mutter, die immer da seien, wenn sie gebraucht werden.

Pamela Silwana, Leiterin der Gugulethu CAN, mit ihrer Mutter Maria Nombulelo Dlokolo
Pamela Silwana, Leiterin der Gugulethu CAN, mit ihrer Mutter Maria Nombulelo Dlokolo | Bild: (privat)

Es fühle sich einfach gut an, ganz konkret Menschen, deren Ausgangssituation weit weniger positiv ist als die eigene, in diesen schwierigen Zeiten zu unterstützen. „Ich denke, insbesondere in den vergangenen Monaten hatten wir alle Augenblicke, in denen wir uns den momentanen Umständen komplett hilflos ausgeliefert fühlten“, spricht die Deutsche von ihren Erfahrungen. Jetzt fühle sie sich aber bewusst handlungsfähig und wolle mit ihrem Handeln aktiv an einer besseren Zukunft in Südafrika mitwirken.

Große Freude über Spenden aus der Heimat

Hat sie das Gefühl, dass man in Deutschland in der Corona-Krise vor allem an sich selbst denkt? „Klar ist es verständlich, dass der Fokus zu Beginn des Jahres in Deutschland innerhalb der eigenen Grenzen geblieben ist. Ich würde mich aber riesig freuen, wenn sich das ab jetzt ändert“, sagt Katharina Stehle.

Schon jetzt könne man beobachten, dass Hilfe immer schnell und großzügig komme, wenn man danach frage. So habe ihre Mutter Antonia bereits spontane Geldspenden aus dem Bekanntenkreis nach Südafrika überwiesen und die Tochter stellt fest: „Ich fokussiere auf die positive Umstürzung und kann im Namen von Seaboad CAN sagen, dass wir uns von Herzen über jede Hilfe freuen.“

Helfer, die ein Auto haben, sorgen für den Großeinkauf von Lebensmitteln. Aber nur, wenn dafür auch genügend Geld da ist. Spenden sind deshalb sehr willkommen.
Helfer, die ein Auto haben, sorgen für den Großeinkauf von Lebensmitteln. Aber nur, wenn dafür auch genügend Geld da ist. Spenden sind deshalb sehr willkommen. | Bild: (privat)

Diese werde vor allem für die Unterstützung bei Essen und Lebensmitteln ausgegeben. Das meiste Geld werde für Einkaufsgutscheine verwendet. Man beschäftige sich auch mit langfristigen Projekten wie dem Anlegen von Gemüsegärten, dem Aufbau einer Bäckerei und der Erweiterung der Suppenküchen, wo einfache Mahlzeiten zubereitet werden. „Die Frauen laufen teilweise mehre Kilometer, um etwas Essbares mit nach Hause nehmen zu können“, hat Katharina Stehle beobachtet. Und sie täten das ohne Murren. Was man selbst tun könne, das werde auch getan.

Das könnte Sie auch interessieren