Was haben Esslingen am Neckar, Mannheim oder Ulm mit Heiligenberg gemeinsam? Sie alle werden vom Landesverkehrsministerium mit der „Goldenen Wildbiene“ ausgezeichnet. Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) kam dazu extra in den Luftkurort und hatte ein ganz besonderes Lob im Gepäck: „Die Gewinner in Baden-Württemberg sind immer Kommunen und Landkreise. Nur Heiligenberg hat durch den Einsatz einer Bürgerinitiative gewonnen. Das ist schon eine große Besonderheit.“

Schilder informieren künftig, dass Heiligenberg die Goldene Wildbiene erhalten hat und worum es bei dem Wettbewerb geht.
Schilder informieren künftig, dass Heiligenberg die Goldene Wildbiene erhalten hat und worum es bei dem Wettbewerb geht. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Es war kalt auf der Amalienhöhe am Donnerstagnachmittag, als Bürgermeister Frank Amann und weitere Gäste den Minister begrüßten. Trotzdem war Hermann „stark beeindruckt“, wie er anerkennend bei dem tollen Ausblick auf den Bodensee und den Linzgau feststellte. Aber auch hier müsse man sich dem Problem stellen, dass die Artenvielfalt bei Pflanzen und Insekten enorm zurückgehe.

Hermann: Insektenrückgang mit „entschlossenem Handeln“ begegnen

„Die Situation ist wirklich sehr ernst“, sagte Hermann. Dem Rückgang der Insekten müsse man mit entschlossenem Handeln begegnen. Auch das Verkehrsministerium leiste seinen Beitrag. Mit dem Sonderprogramm zur Stärkung der biologischen Vielfalt wolle man dafür sorgen, dass durch Straßen getrennte Lebensräume wieder zusammenwachsen und viele Straßenränder zu einem Insektenparadies werden.

„Heiligenberg blüht wie wild“ dank Einwohnern, sie sich für Artenvielfalt einsetzen.
„Heiligenberg blüht wie wild“ dank Einwohnern, sie sich für Artenvielfalt einsetzen. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

In Deutschland seien rund 45 Prozent der Insektenarten in ihrem Bestand rückläufig oder vom Aussterben bedroht, schilderte der Grüne Politiker. Besonders dramatisch sei die Situation bei den Wildbienen. Fast 60 Prozent aller Wildbienenarten sind nach Aussage des Ministers gefährdet. „Auch dank unseres Wettbewerbs der ‚Blühenden Verkehrsinseln‘ setzt bei uns ein Umdenken ein“, stellte Hermann fest. Die zehn Gewinner-Kommunen seien ein Vorbild für viele andere, die mehr für den Insektenschutz und die Artenvielfalt machen wollen. Diese Vorbildfunktion hat auch Heiligenberg. Und das gleich zweifach.

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Bürgermeister Frank Amann (links) informierte Minister Winfried Hermann, dass Heilgenberg im Bodemseekreis bei den Landtagswahlen mit 46 Prozent den höchsten Anteil an Stimmen für die Grünen verzeichnen können. Der Minister war sichtlich erfreut.
Bürgermeister Frank Amann (links) informierte Minister Winfried Hermann, dass Heilgenberg im Bodemseekreis bei den Landtagswahlen mit 46 Prozent den höchsten Anteil an Stimmen für die Grünen verzeichnen können. Der Minister war sichtlich erfreut. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Für Bürgermeister Amann war es „eine große Ehre“, den Minister erstmals in Heiligenberg begrüßen zu können. Ökologie habe im Luftkurort einen hohen Stellenwert und die Gemeinde sei da sehr engagiert. „Wir können aber immer auch auf unsere Mitbürger zählen“, freute sich der Bürgermeister. So habe sich unter der Ägide von Volker Huber eine Gruppe gebildet, die im Ort auf kleinen Parzellen im öffentlichen Bereich Blühwiesen angelegt habe. Dafür gebe es sowohl von Einheimischen als auch von Touristen stets großes Lob.

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Das gibt es jetzt mit der Auszeichnung des Ministeriums auch für den etwa 400 Meter langen und bisher unscheinbaren Grünstreifen zwischen dem Radweg und der Straße zum Ortsteil Röhrenbach. Jetzt blüht hier eine Vielzahl heimischer Wildpflanzen für Insekten. Einwohner werden bei der Pflege der Fläche aktiv mit einbezogen. Und das bedeutet auch Mähen und das Schnittgut entfernen. Beim Mähen können Interessierte mithelfen und dabei den Umgang mit einer Sense lernen. Federführend sind bei dieser Aktion Gerlinde Kriese und Michael Feiler.

Die Blumenwiese neben der Kirche in Röhrenbach wird wird derzeit von der wilden Möhre (mit den weißen Dolden) dominiert.
Die Blumenwiese neben der Kirche in Röhrenbach wird wird derzeit von der wilden Möhre (mit den weißen Dolden) dominiert. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Michael Feiler war es denn auch, der erläuterte, dass man Blumenwiesen wieder beleben wolle, die seit den 1960-er Jahren leider immer mehr verschwunden seien. „Die waren rund 6 000 Jahre lang Bestandteil unserer Kulturlandschaft“, erinnerte Feiler.

Michael Feiler: „So eine Blumenwiese braucht Zeit“

Er und seine Mitstreiter mähen die angelegte Fläche, die vom Maschinenring und Bauhof vorbereitet wurde, jetzt zwei bis dreimal im Jahr und entsorgen das Mähgut. Mulchen sei für eine Blumenwiese nicht geeignet. Schnelle Erfolgserlebnisse dürfe man aber nicht erwarten. „So eine Blumenwiese braucht Zeit“, betonte Michael Feiler. Das gewünschte Ergebnis sei erst nach zwei oder drei Jahren sichtbar. Auf der genannten Fläche findet man auch einen Steinhaufen mit Totholz. Was sonst entsorgt wird, dient hier dazu, die Artenvielfalt von Insekten und Kriechtieren zu unterstützen. Ein Hinweisschild gibt Erläuterungen. Auch zum Wettbewerb des Verkehrsministeriums.

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Michael Feiler sorgte dafür, dass eine Blumenwiese den totgemähten Rasen an der Kirche ersetzt.
Michael Feiler sorgte dafür, dass eine Blumenwiese den totgemähten Rasen an der Kirche ersetzt. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

„Wie bräuchten eine Ballenpresse“

Michael Feiler ist Krankenpfleger und gelernter Landwirt. Er wohnt seit vielen Jahren in Röhrenbach.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Blumenwiesen anzulegen?

Der Ausschlag war 2018. Das war ein sehr trockenes Jahr und der Rasen vor der Kirche in Röhrenbach war nur noch braun. Trotzdem kam regelmäßig ein Rasenmäher. Daraufhin habe ich eine Initiative gestartet und konnte die Kirchengemeinde überzeugen, dass man neben der Kirche eine mehrjährige Blumenwiese anlegt. Gleichzeitig hat Volker Huber in Heiligenberg die Aktion Blühflächen initiiert.

Was ist denn der Unterschied zwischen einer Blühfläche und einer Blumenwiese?

Blühflächen sind in der Regel mit einjährigen Pflanzen besetzt. Als Beispiel seien die Ringelblume, der Klatschmohn und die Kornblume als einheimische Pflanzen genannt. In den Samenmischungen sind oft auch nicht einheimische Pflanzen wie der Sonnenhut enthalten. Eine Blumenwiese wird in der Regel von Margeriten dominiert. Dazu kommen der Wiesensalbei und Nelken, das nickende Leinkraut. Mitte Juni wird gemäht, da sind die Margeriten verblüht. Dann dauert es, bis die zweite Blühte kommt. In Röhrenbach dominiert hier die wilde Möhre. Wir finden auch eine Vielzahl von Blumen und Wildkräutern.

Wie wird eine Blumenwiese gepflegt?

Es wird auf keinen Fall gemulcht. Denn dadurch würden die vitalsten Gräser hochkommen und die lichtbedürftigen Blattrosetten der Wiesenblumen würden ersticken. Wir mähen mit einem Balkenmäher und haben mittlerweile sogar einen kleinen Heuwender. Was uns jetzt noch fehlt, ist jemand, der eine Balkenpresse zur Verfügung stellt, wenn das Heu gemacht ist. Vielleicht könnte da ein Landwirt helfen. Das wäre eine schöne Sache.