Seit 2017 werden am Bodensee Waldrappe aufgezogen, zunächst zwei Jahre lang in Überlingen-Hödingen, 2019 am Segelplatz in Heiligenberg. Das Ziel: Die Zugvögel, die früher einmal hierzulande heimisch waren, durch Jagd aber verdrängt wurden, sollen wieder angesiedelt werden. Gefördert wurde das Vorhaben über das „Life+ Biodiversity“-Programm der Europäischen Union – bis jetzt.

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Im Sommer diesen Jahres gab es für das Waldrappteam um Leiter Johannes Fritz schlechte Nachrichten. Die Europäische Kommission hatte eine zweite Förderung des Projekts für die Jahre 2020 bis 2028 abgelehnt. Der Antrag kann in optimierter Form zwar erneut eingereicht werden. Wie Fritz mitteilt, werde daran aktuell auch gearbeitet. Aber selbst wenn dieser genehmigt werden sollte, ist eine Förderung erst 2021 zu erwarten. Die Konsequenz: Mangels ausreichendem Budget musste das Waldrappteam beschließen, im kommenden Jahr auf eine neue Handaufzucht und menschengeführte Migration zu verzichten.

Sonic, fotografiert an einem Golfplatz in Domat/Ems, hatte es als erster Waldrapp der Handaufzucht 2017 eigenständig vom Winterquartier in der Toskana über die Alpen geschafft.
Sonic, fotografiert an einem Golfplatz in Domat/Ems, hatte es als erster Waldrapp der Handaufzucht 2017 eigenständig vom Winterquartier in der Toskana über die Alpen geschafft. | Bild: Walter Burkhardt

Spenden sollen helfen

Doch es gibt Hoffnung: Laut Johannes Fritz haben sich einige Partner und Sponsoren gemeldet, die bereit sind, zu einem Sonderbudget für die Aufzucht einer neuen Waldrappgeneration im Jahr 2020 beitzutragen. „Das hat uns motiviert, dieses Ziel wieder ins Auge zu fassen“, erklärt Fritz.

Schließlich gebe es mehrere Gründe, weshalb eine nahtlose Fortführung des Projekts wichtig ist. Zum einen sei es für den Aufbau der Waldrapp-Kolonie bei Überlingen wesentlich besser, wenn die Ansiedlung der Tiere nicht für ein Jahr unterbrochen werde, so Johannes Fritz: „Diese demographische Lücke würde das Populationswachstum beeinträchtigen, wie sich in einer anderen Kolonie gezeigt hat.“ Hinzu komme, dass wichtige Teammitglieder verloren gehen würden, weil sie nicht bezahlt werden können. Außerdem sei die Handaufzucht und die menschengeführte Migration zum Winterquartier in der Toskana schon immer als wesentlicher Teil des Waldrapp-Auftritts bei der Landesgartenschau vorgesehen gewesen.

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Damit es im kommenden Jahr zu einer Handaufzucht kommen kann, besteht laut Waldrappteam im kommenden Sommer ein Bedarf von rund 200 000 Euro. Rund 40 Prozent dieser Summe sei für dringende Investitionen bestimmt. Dazu gehören unter anderem die Zulassungen für die Paraschirme und die Motorisierung des Fluggeräts, mit dem die Forscher die Waldrappe während ihres Zugs in den Süden begleiten. Diese seien 2019 ausgelaufen. „Wir müssen also gerade jetzt in der finanziell eher knappen Zeit in diesem Zusammenhang investieren, um 2020 und darüber hinaus wieder fliegen zu können“, sagt Johannes Fritz. Etwa 60 Prozent des benötigten Geldes machen zudem Kosten für das Personal, Futter, tierärztliche Behandlungen oder die Bestückung der Tiere mit GPS-Sendern aus. Wie Fritz mitteilt, fehlen derzeit noch rund 70 000 Euro. Zur Sicherheit beginnt das Waldrappteam aber bereits jetzt mit den Vorbereitungen, etwa der Personalsuche, für die es zu einem späteren Zeitpunkt bereits zu spät wäre. Zu diesem Zweck wurde unter anderem auf Facebook eine Stellenausschreibung veröffentlicht.

In Österreich findet derzeit eine Versuch des Waldrappteams statt, bei dem vier Waldrappe, die in Heiligenberg seperat in einer gesonderten Voliere aufgezogen wurden, in einem Windkanal fliegen. Im Bild die Vögel mit ihren Zieheltern.
In Österreich findet derzeit eine Versuch des Waldrappteams statt, bei dem vier Waldrappe, die in Heiligenberg seperat in einer gesonderten Voliere aufgezogen wurden, in einem Windkanal fliegen. Im Bild die Vögel mit ihren Zieheltern. | Bild: Waldrappteam

Erste Rückkehrer erwartet

Doch selbst wenn es zu keiner Handaufzucht kommen sollte, verspricht das Jahr 2020 für das Waldrappteam spannend zu werden. Da die Vögel erst nach ihrem dritten Winter geschlechtsreif werden und zum Brüten an ihren Aufzuchtsort zurückkehren, wird die erste Überlinger Generation zurückerwartet. Dass die Tiere motiviert sind, an den Bodensee zurückzukehren, zeigte Sonic, ein Weibchen aus ebendieser Handaufzucht aus dem Jahr 2017.

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Sie war im Sommer bereits vor der Geschlechtsreife aus dem Winterquartier in der Toskana in Richtung Bodensee aufgebrochen. Neben Aufenthalten in der Schweiz, Liechtenstein, Österreich und Frankreich besuchte sie laut dem Waldrappteam zweimal kurz Überlingen, kehrte Anfang September aber wieder nach Italien zurück. Wie das Waldrappteam informiert, ist sie damit nach mehr als 400 Jahren der erste Waldrapp, der wieder in das Brutgebiet nach Überlingen zurückgekehrt ist. Gehofft wird nun, dass sie im kommenden Jahr zur Gründerin einer neuen Kolonie von Waldrappen wird.

Zwei Versuche des Waldrappteams

  • Sind die handaufgezogenen Waldrappe flügge geworden, werden sie vom Waldrappteam in ihr Winterquartier in der Toskana geführt. Dass aber nicht nur Menschen in der Lage sind, Jungvögel in den Süden zu bringen, zeigt ein Versuch mit Waldrappen, die in einem Tierpark im österreichischen Kärnten aufgewachsen sind. Wie das Waldrappteam auf seiner Internetseite schreibt, wurden die Tiere während diesem außerhalb der Voliere belassen und ihnen fünf erwachsene Waldrappe mit Zugerfahrung zur Seite gestellt. Tatsächlich brach ein Großteil der Tiere Ende November in Richtung Italien auf, trennte sich dort aber bei Venedig. Eine Gruppe, bestehend aus drei Jungvögeln und zwei erwachsenen Tieren, erreichte das Wintergebiet innerhalb eines Tages.
  • Mit einem weiteren Versuch sollten die Funktion und Energetik des Formationsflugs bei Zugvögeln untersucht und zudem sollten Daten gesammelt werden, um die Position und die Form der an den Vögeln angebrachten Sender optimieren zu können. Zu diesem Zweck wurde laut einem Bericht des Waldrappteams in Österreich ein speziell an die Vögel angepasster Windkanal gebaut, in dem vier Waldrappe, die in Heiligenberg separat in einer gesonderten Voliere aufgezogen wurden, fliegen sollten. Die Datennahme sollte im Oktober diesen Jahres beginnen, nach seinem Abschluss im kommenden Jahr sollen die vier Waldrappe in eine Wildkolonie integriert werden.