Wenn am 2. September in Betenbrunn das große Dorffest stattfindet, dann werden sehr viele Menschen aus der Region den kleinen Ort besuchen. Ansonsten ist es eher ruhig in dem knapp 100 Einwohner zählenden Ortsteil von Heiligenberg. Das war aber nicht immer so. In früheren Zeiten kamen gläubige Menschen hierher, um zu beten. Vor allem die Marienverehrung stand hoch im Kurs.

Viktoria Opferkuch führt immer wieder Gruppen durch die Kirche und kennt so manches Geheimnis. Doch verraten wird nichts.
Viktoria Opferkuch führt immer wieder Gruppen durch die Kirche und kennt so manches Geheimnis. Doch verraten wird nichts. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Heutzutage ist das vor allem im Monat Mai noch so. Aber das ganze Jahr über ist alle zwei Wochen Gottesdienst und dann zündet Mesner Siegfried Neff die Kerzen an. Und er freut sich schon auf Sonntag, 2. September. Denn dann ist Kirchenpatrozinium und Dekan Peter Nicola wird den Festgottesdienst zelebrieren. Dann wird vielleicht auch die Erinnerung wach an die Wallfahrten und an die Zeiten, als Betenbrunn ein Kloster hatte.

Im oberen Teil des Marienaltars ist der alte Brunnen dargestellt, wie er vielleicht einmal vor der Kirche gestanden hat.
Im oberen Teil des Marienaltars ist der alte Brunnen dargestellt, wie er vielleicht einmal vor der Kirche gestanden hat. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

„Genaugenommen war hier schon lange vor der Christianisierung ein heiliger Platz für die Menschen“, erzählt Viktoria Opferkuch. Die frühere Lehrerin ist auch Gründungsmitglied des Heimat- und Geschichtsvereins in Heiligenberg. Sowohl Religion als auch Heimatgeschichte findet man in Betenbrunn in großer Vielfalt. Wer denkt schon daran, dass es hier einmal ein Kloster gab? Die Grafen von Werdenberg hatten hier 1373 ein Franziskanerkloster gegründet. Die frommen Männer zog es aber bereits 15 Jahre später nach Überlingen. „Die hatten hier vielleicht zu wenige Aufgaben“, vermutet Viktoria Opferkuch.

Uralt und geheimnisvoll ist der Aufgang zum Kirchturm.
Uralt und geheimnisvoll ist der Aufgang zum Kirchturm. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Denn der Bettelorden kümmerte sich vor allem um Kranke und Arme. Und da gab es in Betenbrunn und der Umgebung einfach weniger als in der Stadt Überlingen. Die Werdenberger ließen aber nicht locker und so wurde 1399 ein Chorherrenstift gegründet. Alle Gebäude, die direkt an der Kirche stehen, gehörten in ihren Ursprüngen früher zum Stift, das nach der Heiligen Maria benannt war. Und die heutige Gaststube der „Post“ war der Kapitelsaal. So wird auch schnell klar, warum die Mauern so dick sind. Ob die Geistlichen schon damals „Hergottsbscheißerle“ auf ihrem Speiseplan hatten, das ist nicht überliefert. Aber das Gericht, das eigentlich „Maultaschen“ heißt, hat Tradition in Betenbrunn.

Der Gastraum der "Post" war früher der Kapitelsaal des Chorherrenstifts. Auch damals gab es hier vielleicht "Hergottsbscheißerle".
Der Gastraum der "Post" war früher der Kapitelsaal des Chorherrenstifts. Auch damals gab es hier vielleicht "Hergottsbscheißerle". | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Das Stift war das „Hausstift“ der Grafen von Werdenberg-Heiligenberg und ab 1535 der Grafen und späteren Fürsten von Fürstenberg. Seit 1414 diente die Kirche auch als Grablege der Fürsten. Die wurde erst 1598 ins Schloss nach Heiligenberg verlegt. Bis in die Gegenwart hat sich das Haus Fürstenberg immer um die Kirche gekümmert. Das Wappen über dem Hochaltar macht das deutlich. Im Zuge der Säkularisation wurde das Stift aufgehoben und die bescheidene Bibliothek wurde der Hofbibliothek in Donaueschingen einverleibt und Ende des 20. Jahrhunderts versteigert. Betenbrunn war jetzt nur noch Pfarrkirche.

Stammt der Schlitz in dem uralten Findling, der in die Kirche eingemauert ist, von einem schwedischen Schwert oder einem heidnischen Kult?
Stammt der Schlitz in dem uralten Findling, der in die Kirche eingemauert ist, von einem schwedischen Schwert oder einem heidnischen Kult? | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Aber was für eine! Schon wer das Gotteshaus betritt, der kann nur staunen über den hellen Kirchenraum, der so gar nicht überladen wirkt und den Besucher ganz automatisch in eine andächtige Ruhe verfallen lässt. Es sind nicht viele Besucher, die sich hierher verirren. Wobei das so nicht ganz richtig ist. Gruppen kommen schon hierher und lassen sich die Kirche erklären.

Turm aus dem 13. Jahrhundert

Rund 500 Menschen, vorwiegend Chöre oder Frauengemeinschaften auf Jahresausflug hat Viktoria Opferkuch im vergangenen Jahr Baugeschichte und Ausstattung der Kirche erklärt, deren Turm aus dem 13. Jahrhundert stammt und auf mächtigen Buckelquadern errichtet wurde. Die Pfarrei ist übrigens bereits 1275 erstmals erwähnt. 1378 wurde der Chor errichtet, der in Teilen noch aus dieser Zeit erhalten ist. Ungewöhnlich ist ein eingelassener Findling neben dem Marienaltar. Er stammt wohl noch aus keltischer Zeit und die Kerbe, die den Stein ziert, dürfte wohl dazu gedient haben, dass man dort die Hand hineinlegte und Kraft aus dem Stein holen konnten.

Der mächtige Turm stammt aus dem 13. Jahrhundert und ruht auf mächtigen Buckelquadern. Schießscharten dienten zur Verteidigung.
Der mächtige Turm stammt aus dem 13. Jahrhundert und ruht auf mächtigen Buckelquadern. Schießscharten dienten zur Verteidigung. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Dass im Dreißigjährigen Krieg ein schwedischer Soldat die Kerbe mit seinem Schwert hineinschlug, das hält Viktoria Opferkuch nur für eine nette Geschichte. Denn der Stein weist auch drei Wölbungen auf, die ihrer Ansicht nach die drei „Beten“ symbolisieren und zwar in ihrer vorchristlichen Form als heidnische Göttinnen. Im Christentum stehen die drei Beten (auch Bethen, Beden oder lautähnlich geschrieben) für die christliche Dreiergruppe der Heiligen Einbeth, Warbeth und Wilbeth. Und da dürfte dann auch der Name „Betenbrunn“ in Zusammenhang mit dem großen Brunnen aus alten Zeiten vor dem Gotteshaus seinen Ursprung haben. Eine genaue Beschreibung der Kirche gibt es in einem Führer, der ausliegt.