Für Heiligenbergs Bürgermeister Frank Amann ist die Forderung eindeutig: „Wir dürfen den Blick nicht nur in die Vergangenheit richten, sondern müssen auch betrachten, was aktuell in Europa los ist. Was ist aus der europäischen Idee geworden und wo treibt Europa hin?“ Als stellvertretender Vorsitzender der Europa-Union Kreisverband Bodensee begrüßte er am Freitag im Sennhof in Heiligenberg zahlreiche Besucher eines Abends, bei dem das zehnjährige Bestehen des Kreisverbandes gefeiert wurde, aber nicht das Feiern, sondern mehr die Sorge im Vordergrund stand. Für Amann ist klar, dass man gestalten müsse und nicht versuchen, Probleme auszusitzen. „Die tiefe Sehnsucht nach Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit ist unser Leitziel“, betonte der Bürgermeister.

Abiturient beeindruckt mit seiner Rede

Dass dieses Leitziel auch über Generationen hinweg greift, das machten zwei Redner deutlich, die präzise Probleme definierten, aber auch Hoffnung machten auf ein Europa des Friedens und der Verständigung: Der 18-Jährige David Danin ist Absolvent der Schule Schloss Salem und Preisträger des Wettbewerbs „Rede über Europa“. Er hatte sich mit dem Thema „Was macht die Vielfalt Europas aus?“ beschäftigt. Vielfalt hat er in der eigenen Familie: Der Vater kommt aus der Türkei, die Großmutter aus der Mongolei – da ist Toleranz normal. Und genau die forderte der junge Mann auch für Europa. Denn die Möglichkeiten seien enorm, man müsse sie nur nutzen. Hier könne jeder seine Kultur und Religion ausleben. Doch das allein genüge nicht. Seine Forderung nach mehr Gemeinsamkeit in vielen Politikbereichen, die aber die Interessen des Einzelnen nicht vernachlässigen dürfe, klang etwas provokant in einer Zeit, wo gerade manche Staaten unter Gemeinsamkeit nur das Finanzielle sehen. Für David Danin ist aber klar: „Es lohnt sich, für ein gemeinsames Europa zu kämpfen.“

Rainer Wieland blickt mit Sorge auf Wahlergebnisse in Europa

Den Vortrag des jungen Mannes quittierte Rainer Wieland, Vizepräsident des Europäischen Parlaments und Präsident der Europa-Union Deutschland, mit einem anerkennenden „Wow!“ Für den Außenstehenden auch erstaunlich ist die Tatsache, dass die parteiübergreifende Europa-Union bei ihren Mitgliedern eine enorme Vielfalt aufweisen kann. Wer weiß schon, dass sowohl Ursula von der Leyen (CDU) als auch Jürgen Trittin (Grüne) dabei sind? Mit Sorge betrachtet Wieland so manche Wahlergebnisse in Europa. „Die politisch-tektonischen Platten verschieben sich“, stellte der Europaabgeordnete fest. Humorvoll und pointiert griff er Kritik an Brüssel auf, die oft auf Unwissenheit oder unvollständigen Informationen beruhe. So sei Deutschland keineswegs der Zahlmeister der EU, wenn man die Summen pro Kopf der Bevölkerung betrachte. Trotzdem: „Das Geheimnis der EU ist, dass die Völker miteinander reden und nicht übereinander“, stellte Wieland fest. Und er forderte mehr Gemeinsamkeit bei der Verteidigung, der Bankenkrise und der Flüchtlingsfrage.