Im Vorstand der Hagnauer Volksbank sitzt seit ihrer Gründung am 9. März 1873 erstmals eine Frau. Kerstin Weller stammt aus Würzburg und tritt die Nachfolge von Werner Meichle an. Für den Übergang sind sie seit Anfang Oktober noch zu dritt – mit Thomas Urnauer. Prokurist Felix Baur gehört ebenso mit zur Geschäftsleitung. Werner Meichle geht am 31. Dezember aber in den Ruhestand. Seit 1. Dezember 1979 arbeitete er bei der selbstständigen Genossenschaftsbank, die noch eine Filiale in Immenstaad und 1850 Mitglieder hat, ab April 2016 im Vorstand. Seiner Nachfolgerin empfiehlt Meichle: „Man darf den Mut nicht verlieren und muss immer an aktuellen Themen dranbleiben.“

Vorstandsmitglieder sind im Tagesgeschäft tätig

Urnauer, Meichle und Baur sind gebürtige Hagnauer. Kerstin Weller ist derzeit noch auf Immobiliensuche. Gerne würde sie in Hagnau ihr neues Zuhause finden. „Es ist ein schöner Ort.“ Zuvor hat sie ebenfalls in kleineren Banken gearbeitet. Zwei Mal war sie in Vorständen tätig. Auf die Stelle in Hagnau wurde sie durch eine Ausschreibung aufmerksam. Thomas Urnauer beschreibt Wellers Bewerbung als „glücklichen Zufall“. In Hagnau ist im Vorstand nämlich eine Qualität besonders gefragt. „Wir brauchen einen Vorstand, der noch im Tagesgeschäft mitarbeiten kann“, sagt Urnauer. Kerstin Weller nennt ein Beispiel: „Das Thema Jahresabschluss machen wir mit. In größeren Einheiten haben sie da ihre Abteilungsleiterebenen dazwischen.“

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An der Tätigkeit im Vorstand einer kleineren Bank schätzt sie jedoch vor allem, dass man die Kunden und Mitarbeiter kenne. Werner Meichle schließt an: „Wir laufen durch die Schalterhalle und kennen unsere Kunden. Es ist ein anderer Bezug.“ Die Mitarbeiter sind breit aufgestellt. Kerstin Weller berichtet: „Es ist nicht so, dass einer nur Überweisungen eintippt.“ So kommt es vor, dass über das Anlagengeschäft auch schon mal mit einem Vorstandsmitglied diskutiert wird. Aber genauso hat man den Mitarbeiter im Haus, der die Geldautomaten reparieren kann.

„Wir laufen durch die Schalterhalle und kennen unsere Kunden. Es ist ein anderer Bezug.“
Werner Meichle, ausscheidendes Vorstandsmitglied

Seit fast 50 Jahren wieder jemand von außen

Warum in 148 Jahren noch keine Frau im Vorstand aktiv war? Thomas Urnauer sagt: „Wir haben in den Vorstandsposten wenig Wechsel.“ Kerstin Weller ist ihm zufolge zudem seit fast 50 Jahren das erste Vorstandsmitglied, das von außen kommt. Bislang waren es immer Eigengewächse – so wie Werner Meichle.

Kerstin Weller erklärt: „Von den Köpfen her sind wir mehr Frauen.“ Die Volksbank Hagnau hat fünf Aufsichtsräte, drei Männer, zwei Frauen. Von 21 Mitarbeitern sind sechs männlich und 15 weiblich. Für Weller ist es unter anderem ein Generationenthema. Urnauer sagt: „In früheren Generationen war es so, dass Frauen diese Karriere nicht angestrebt haben.“ Nach und nach seien sie dazugestoßen. Meichle erinnert an Frauen gerade im Badischen, die Vorstandsposten besetzt hätten.

Kerngeschäftsgebiet zwischen Hagnau und Salem

Die Bank ist die älteste Genossenschaft in Hagnau und eine von 159 Genossenschaftsbanken in Baden-Württemberg. Mit nur einer Filiale ist sie eine der kleineren Banken. Laut Urnauer liegt das Kerngeschäftsgebiet in Hagnau, Meersburg, Immenstaad, Kippenhausen und Salem. Felix Baur betreut aber auch einen Kunden, der sein Konto bei der Volksbank hat und in Mexiko lebt. Man versucht, die Mischung zwischen Bankgeschäft vor Ort und Onlinebanking umzusetzen.

Die Volksbank Hagnau ist selbstständige Genossenschaftsbank. Betrieben wird neben Hagnau – hier im Archivbild vom November 2020 – auch noch eine Filiale in Immenstaad.
Die Volksbank Hagnau ist selbstständige Genossenschaftsbank. Betrieben wird neben Hagnau – hier im Archivbild vom November 2020 – auch noch eine Filiale in Immenstaad. | Bild: Lorna Komm

Thomas Urnauer sagt: „Es wäre vermessen zu sagen, in zehn Jahren sind wir noch selbstständig.“ Vorstand Werner Meichle erklärt, dass die Fusion in den vergangenen 40 Jahren zweimal im Raum gestanden habe. Zuletzt im Jahr 2000 aufgrund der Ertragssituation und der Regulatorik. Meichle: „Die vierteljährliche Meldung an die Bundesbank hatte früher zehn Seiten, heute sind es zehn Ordner.“ Weller fügt hinzu: „Wir müssen die Zahlen selbst ermitteln und melden.“

Es geht um die Aufsicht über die Banken, doch zuallererst kleine Banken stoßen bei diesen Herausforderungen etwa personell an Grenzen. Urnauer findet: „Der Kundenverkehr ist genauso betroffen.“ Früher habe ein Darlehensvertrag eine Seite gehabt, heute seien es zehn Seiten. Ein Berg weiterer Unterlagen komme hinzu.

„Es wäre vermessen zu sagen, in zehn Jahren sind wir noch selbstständig.“
Thomas Urnauer, Vorstand

Prosperierende Region treibt kleine Bank voran

Allerdings ist Urnauer zuversichtlich: „Die Region prosperiert.“ Den Tourismus, die Winzer und die Arbeitgeber nennt er als Treiber. „Wir können als Bank nicht überleben, wenn die Kunden am Krückstock gehen. Das hat uns geholfen, 148 Jahre auf den Buckel zu bekommen“, sagt Urnauer. Ansonsten habe man dieselben Themen wie die großen Banken. Durch die Corona-Pandemie seien die Banken vom Thema Risiko bisher gut durchgekommen, meint Kerstin Weller. Wie andere Betriebe habe man die Schutzmaßnahmen umsetzen und immer wieder anpassen müssen.

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Thomas Urnauer sagt über Werner Meichle und sich: „Wir sind hier aufgewachsen und haben geguckt, dass es läuft. Die Ideen von außen haben auch gefehlt.“ Diese soll nun Kerstin Weller einbringen. Gerne würde sie Jahrzehnte auf dem Posten bleiben – so wie einige ihrer Vorgänger. Werner Meichle wird im Ruhestand manches fehlen, anderes nicht. „Da schlagen manchmal zwei Herzen in einer Brust.“

In den kommenden Jahren hat er vor, konsequent das zu machen, worauf er Lust habe: Familie, Freundschaften und Hobbys pflegen. Meichle möchte in der Region wandern und andere schöne Orte in Deutschland erkunden. Um halb sechs aufzustehen, um sich von seinem Wohnort nahe Ravensburg über die B 31 nach Hagnau zu begeben, wird er nicht vermissen. Er freut sich dagegen darauf, mal ausschlafen zu können.

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