Er gilt als einer der bedeutendsten Maler des Mittelalters und seine "Madonna im Rosenhag" gehört zu den bekanntesten Gemälden der deutschen Kunstgeschichte. Doch wer kann Stefan Lochner (geboren zwischen 1400 und 1410, gestorben 1451 in Köln) für sich reklamieren? Meersburg oder Hagnau? Bisher galt er als Sohn der Stadt Meersburg, doch in Hagnau will der Heimat- und Geschichtsverein (HGV) ab dem 6. Mai in einer Ausstellung auf Basis der neueren kunsthistorischen Erkenntnisse "Die Rätsel der Madonna" lösen. So der Titel der Ausstellung die zeigen soll, dass Stefan Lochner Hagnauer ist. Die Präsentation zu Lochner ist die kommende Ausstellung des Hagnauer Heimat- und Geschichtsvereins, die er jetzt in seiner Mitgliederversammlung ankündigte.

Die bisher erfolgreichste Ausstellung gab es zur Seegfrörne – mit sieben 7 Meter großem Glas-Bodensee.
Die bisher erfolgreichste Ausstellung gab es zur Seegfrörne – mit sieben 7 Meter großem Glas-Bodensee. | Bild: Uwe Petersen

In den Hauptversammlungen des HGV steht üblicherweise des Vereines liebstes Kind im Mittelpunkt der Diskussionen, umso mehr in Jahren ohne Wahlen: das "Hagnauer Museum". In den Jahren 2008 bis 2010 von Grund auf renoviert, eröffnete es zum 20-jährigen Bestehen des Vereins 2011 seine Pforten. Das Museum liegt im Erdgeschoß des Rathauses und beherbergt einige ständige Ausstellungen. Ein Hauptgewicht liegt auf dem Pfarrer, Schriftsteller und Gründer des Winzervereins Heinrich Hansjakob. Deshalb ist es auch als "literarisches Museum" anerkannt. Weitere Dauerausstellungen widmen sich der Ortsgeschichte, dem Thema "Seegfrörne" der Jahre 1830, 1880 und 1963, der Malerfamilie Zimmermann und den Werken von Julius und Lisbeth Bissier.

Auch eines der berühmtesten Werke Stefan Lochners, die "Mutter Gottes in der Rosenlaube", umgangssprachlich als "Madonna im Rosenhag" bekannt, wird die Hagnauer Ausstellung als hochwertige Reproduktion zieren. Bilder: HGV, Uwe Petersen
Auch eines der berühmtesten Werke Stefan Lochners, die "Mutter Gottes in der Rosenlaube", umgangssprachlich als "Madonna im Rosenhag" bekannt, wird die Hagnauer Ausstellung als hochwertige Reproduktion zieren. Bilder: HGV, Uwe Petersen

Doch wirklich interessant wird das Museum durch seine wechselnden Ausstellungen im großen Saal. Dabei konnten die Mitglieder auf eine rundum erfolgreiche Ausstellung im vergangenen Jahr zurückblicken: "BemerkensWERTe – Lebenserinnerungen von über 80-jährigen Hagnauer/innen". Porträtiert in Wort und Bild wurden insgesamt 21 Personen, die aus ihrer Kindheit und von den Veränderungen der letzten Jahrzehnte erzählten. Aus den 21 ganz persönlichen Berichten ergab sich eine beeindruckend klare Geschichte eines Dorfes und seines Wandels vom reinen Bauern- und Fischerdorf zu einem touristisch geprägten Winzerdorf. "Über 2000 Besucher, davon überdurchschnittlich viele Hagnauer, und ein durchweg positives Echo haben diese Ausstellung lohnend gemacht", freute sich HGV-Vorsitzender Rudolf Dimmeler und bedankte sich bei Monika Baur, die als Vertreterin des katholischen Bildungswerkes und des Altenwerkes die Idee gehabt hatte und bei der Umsetzung kräftig geholfen hatte. So wurde ortsgeschichtliches Wissen erhalten, das sonst verloren gegangen wäre. "Leider sind drei der Befragten schon von uns gegangen", gab Dimmeler bekannt.

An ein breites Publikum gerichtet wird die Ausstellung des Jahres 2018 sein – und sie wird einen alten Streit zwischen Hagnau und Meersburg möglicherweise neu aufflammen lassen: "Die Rätsel der Madonna – auf Spurensuche bei Meister Stefan Lochner". Denn Lochner wird gerne von Meersburg für sich reklamiert. So steht es in Lexika und auch in Wikipedia: "Stefan Lochner geboren um 1400 bis 1410 in Meersburg am Bodensee".

"Längst veraltet", kommentiert Dimmeler diesen Eintrag und verweist auf eine wissenschaftliche Studie des amerikanischen Historikers Steven Roger Fischer aus dem Jahr 1994 mit dem Titel "Neue Erkenntnisse zur Heimat der Familie Lochner", in der er mit handfesten Indizien nachweist, dass die Eltern Stefan Lochners, Georg und Alhete, zwar 1451 in Meersburg gestorben sind, aber bis zum Umzug ins Spital und also auch zur Zeit der Geburt und Kindheit Stefans eine Schmiede in Hagnau betrieben hatten. "Es ist wahrscheinlich, dass Stefan Lochner nie in Meersburg gewohnt hat", fasst Dimmeler die Ergebnisse Fischers zusammen und weiß, dass er damit einigen Meersburgern auf die Füße tritt. Sehr viel wahrscheinlicher ist allerdings, dass Lochner am Rande des Konstanzer Konzils die italienische Malerei kennen gelernt hat. Auch in den Niederlanden scheint er gewesen zu sein, ehe er sich in Köln niederließ und dort zum bedeutendsten Künstler der "Kölner Malerschule" avancierte, wo ihn 1451 vermutlich die Pest hinwegraffte.

Die Hagnauer treiben viel Aufwand für ihre Ausstellung. Originale wird es trotzdem nicht zu sehen geben. "Die sind viel zu wertvoll, von denen rücken die großen Museen keines `raus", erzählt der HGV-Vorsitzende. Stattdessen werden hochwertige Reproduktionen gezeigt, so etwa der berühmten "Madonna im Rosenhag" oder einer Nachbildung des "Altar der Kölner Stadtpatrone". Außerdem wird der Frage nachgegangen "Wer ist Meister Stefan?" Dort wird sicher auch noch einmal der Geburtsort Lochners diskutiert. Man darf auf die Eröffnung am 6. Mai gespannt sein.

Ausstellungen

Auch das "Hagnauer Museum" lebt von der Spannung zwischen Konstanz und Abwechslung. Dafür sorgen die Wechselausstellungen. Stand 2011 das "Leben und Arbeiten im Fischer- und Winzerdorf" noch im Zeichen der Dorftradition, kombiniert der HGV seitdem Lokalkolorit mit dem "Blick über den Zaun" und begreift die eigene Geschichte als Teil eines Ganzen.

  • 2012 zeigte "Die Farben des Südens" Bilder des 1999 in Friedrichshafen gestorbenen André Ficus aus Südfrankreich und Italien.
  • 2013 gedachte "Über eisige Grenzen" der Seegfrörne vor 50 Jahren. Die bisher erfolgreichste Ausstellung zog über 5000 Besucher an und mußte bis Anfang 2014 verlängert werden.
  • 2014 stellte HGV-Mitglied Beat Schwarz unter dem Titel "Licht und Farbe als Lebensquell" Aquarell- und Acryl-Gemälde aus.
  • 2015 wurde anläßlich des 50. Todestages des Wahlhagnauers Julius Bissier dessen Lebenswerk und das seiner Frau Lisbeth gewürdigt.
  • 2016 stand die aus Hagnau stammende "Malerfamilie Zimmermann" im Mittelpunkt des Museumsjahres.
  • 2017 beschritt das Museum mit "BemerkensWERTe – Lebenserinnerungen von über 80-jährigen Hagnauer/innen" neue Wege, Dorfgeschichte erlebbar zu machen.
  • 2018 wird dem um 1400 in Hagnau geborenen Stefan Lochner eine Ausstellung gewidmet: "Die Rätsel der Madonna – Auf Spurensuche bei Meister Stefan Lochner".