Eine ungewöhnliche Aktion kündigte Bürgermeister Volker Frede in der Gemeinderatssitzung an: Südlich von Hagnau wird in Kürze für einige Wochen eine Bohrinsel auf dem Bodensee verankert, von der aus dann Tiefenbohrungen in den Seeboden gemacht werden können. Das Besondere daran sei, dass das verwendete System gerade erst neu entwickelt wurde und mit relativ geringen Mitteln zahlreiche Ergebnisse ermögliche, erklärte Frede.

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Von außen sieht man nicht viel: Eine sechs mal acht Meter große Plattform ist die Basis, von der aus die Bohrungen gemacht werden. Sie wird nach vier Seiten mit Ankern fixiert. Das eigentliche Herzstück ist nach Angaben der Wissenschaftler ein Kolbenkernrohr, das mit einem sogenannten „Imlochhammer“, einer Weiterentwicklung aus dem Berg- und Spezialtiefbau, angetrieben wird. Der Vortrieb des Kernstechens erfolge umweltschonend in 200 Metern Tiefe direkt auf dem Seegrund.

Forscher erhoffen sich neue Erkenntnisse zur Klima- und Umweltgeschichte

Dieses „Direct Push“ genannte Beprobungssystem werde hier am See zum ersten Mal offiziell eingesetzt und könne bis zu 100 Meter tief aus dem Sediment des Seebetts „kernen“, um an diesen Sedimentkernen geologische, geochemische und biologische Analysen für Umwelt- und Forschungszwecke durchzuführen. So könne man die Klima- und Umweltgeschichte in der Bodenseeregion sowie deren Auswirkungen auf das Seeökosystem rekonstruieren – und zwar bis weit in die Eiszeit hinein. Bisher hätten sich die Erkenntnisse auf die vergangenen 16 000 Jahre seit der Eiszeit beschränkt.

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Informationen über die Eiszeit

Der Seenforscher und vormalige Professor an der Universität Konstanz, Reiner Eckmann, sieht darin große Chancen. „Ich halte das für eine ganz tolle Entwicklung, dass man ohne große Bohrplattform an der Oberfläche direkt über Seegrund bohren und dabei bis zu 100 Meter tief ins Sediment eindringen kann.“ Das sei zum Beispiel vor dem Hintergrund der Klimaänderung sehr wichtig, um für den Bodensee Informationen zu bekommen, die weiter als bis zum Ende der letzten Eiszeit reichen. „Die Analysen und Prognosen des IPCC, des Weltklimarates, beruhen ja unter anderem auf paläoklimatischen Daten, und je mehr und bessere Daten hier vorliegen, umso besser abgesichert sind dann die Ergebnisse.“

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Bürger sollen Forschern Fragen stellen können

Hagnaus Bürgermeister Volker Frede zeigt sich kooperativ. „Als Gemeinde unterstützen wir das Projekt gerne und schaffen für etwa vier Wochen in unserem Hafen auch die Möglichkeit, dass die Proben von Schlauchbooten an Land gebracht werden können und natürlich die Forscher und Mitarbeiter hin und her fahren können.“ Um auch die Bürger mit einzubeziehen, plant er einen Informationstag, an dem die Forscher den Neugierigen Rede und Antwort stehen.