Dominik Merk, Dirigent der Musikkapelle Hagnau, ist überzeugt: "Wahnsinn, wie man mit der Arbeit an Kleinigkeiten viel erreichen kann. Auch die Ansprache war faszinierend. Wie gehe ich Dinge von der Probentechnik an? Da kann ich viel in meinen Probenalltag mitnehmen." Björn Bus heißt der, von dem Merk hier so schwärmt. Der 36-jährige Niederländer leitet unter anderem das Landesblasorchester Baden-Württemberg (LBO). "Ich habe sechs feste Orchester, übernehme aber auch immer wieder Projektorchester", verrät er. Eines davon ist ein Profi-Orchester seiner Heimatstadt Kerkrade. Alle anderen trifft er nur an Probenwochenenden, die übers Jahr verteilt sind.

Und dann veranstaltet er Lehrkonzerte, so wie das, was die Hagnauer Musiker und ein interessiertes Publikum gerade im Hagnauer Gwandhaus erlebt haben. Die volle Hagnauer Kapelle, erweitert um rund 30 Musiker des LBO üben ein Stück ein, das die Hagnauer an ihrem Weihnachtskonzert zum Besten geben wollen. Doch ehe es ans Proben geht, erklärt Bus erst einmal die Hintergründe dieses Stückes. " 'Festa Paesane' von Jacob de Haan, das hört sich an wie ein holländisches Stück. Aber eigentlich ist es ein amerikanisches, komponiert für die amerikanische College-Szene und einen amerikanischen Verlag. Der amerikanische Markt ist unglaublich, aber er findet nur an Colleges statt." Deshalb seien auch so viele Stücke für den amerikanischen Geschmack und für die Kenntnisse von Collegeschülern komponiert worden.

Und dann beginnt er mit seiner Arbeit und macht nebenbei klar, an was die Musiker in Zukunft arbeiten müssen. Zunächst an der Lautstärke. "Spiel mal ganz leise, so leise wie Du kannst, piano, pianissimo", fordert er einen Tubaspieler auf, und als der das halbwegs hinbekommen hat: "Nimm das jetzt als Mezzopiano." Zum echten Piano ist es also noch ein weiter Weg. Auch den Saxophonisten gibt er Tipps. "Was für ein Blatt spielt Ihr, alle 2,5?" Nein, einer spielt ein dickeres, ein Vierer. Gleich muss er solo vorspielen. "Hört Ihr das? Das ist zwar schwieriger zu spielen, aber der Klang ist so viel schöner."

Sein Hauptthema heute ist das Tempo: "Das muss immer nach vorne gehen, nie zurück; so als ob Dir einer von hinten die Hand auf den Rücken legt, aber nicht drückt, nur ganz leicht." Dem Schlagzeuger gibt er seinen Tipp ironisch weiter: "Die kleine Trommel führt, nicht der Dirigent. Der Mensch ist auditiv, nicht visuell. Wenn die kleine Trommel den Takt vorgibt, kann ich hier rumhampeln, wie ich will: Das nützt gar nichts." Der hat verstanden und erhöht sein Tempo.

"Was uns jetzt noch fehlt, ist die musikalische Intensität. Crescendo und Decrescendo." Denn ihm fehlen noch die leisen Töne. "Kannst Du Deinen Trompeter nicht dahinten auf den Berg schicken?", flachst er mit Merk, der selber als Hornist im Orchester sitzt, und fügt an: "Für mich als Holländer sind das Berge." Immer wieder betont er die Machtlosigkeit des Dirigenten und zeigt doch das Gegenteil in seiner Person.

"Beeindruckend, was man in so kurzer Zeit erreichen kann", waren sich alle Musiker und Zuhörer einig. Denn nach einer Stunde hatte das Orchester deutlich dazu gelernt. Auch Altdirigent Thomas Urnauer war angetan: "Er hat mit einfachen Mitteln viele musikalische Effekte erreicht. Da zeigt sich der Profi: Ein tolles Erlebnis." Und Merk ergänzt: "Ich bin sehr froh, dass wir das gemacht haben." Auch Björn Bus hat es offenbar gefallen. "Die Musiker waren wirklich willig und offen für Neues. Die sind sehr flexibel hier." Und so freuen sich viele schon auf ein nächstes Mal, zu dem LBO-Moderator Thomas Kuhn die Hagnauer am Schluss eingeladen hat.

 

Wenn Bläser mit Drachen kämpfen

Mit einem Schrei aus tausend Kehlen verendet der Drache, der den Garten der Hera hüten soll. Die Musiker des Landesblasorchesters nehmen das ernst: Sie schreien, laut und schmerzlich. Vorher haben sich die Instrumente einen ohrenbetäubenden Kampf aus Dissonanzen, Paukenwirbeln und heftigem Aufruhr im Blech geliefert.

Danach fällt das Ungeheuer unter Papierknistern zusammen. Übrig bleibt der Bass. Zaghaft erheben sich einzelne Klarinetten, Flöten und Oboen. Ruhe kehrt ein, das Orchester atmet Erleichterung und Frieden. Dem Werk „El jardin de las Hespérides“ – „Der Garten der Hesperiden“ von José Súñer Oriola liegt eine griechische Sage zugrunde: Herakles muss die goldenen Äpel aus dem Garten der Göttermutter Hera stehlen, dazu die bewachenden Hesperiden und ihren Vater Atlas überlisten und den 1000-köpfigen Drachen besiegen.

Die Musik beschreibt die Schönheit des Gartens in zarter Lyrik. Das Landesblasorchester Baden-Württemberg hat das 2015 entstandene Werk in Deutschland erstaufgeführt, im Hagnauer Gewandhaus erlebt das Publikum die dritte Aufführung. Schon vorher haben die 85 Musiker Vielseitigkeit bewiesen: In der „Symphonic Overture“ des Amerikaners James Barnes lassen sie Fanfaren leuchten, tanzen mitreißend den Pasodoble des spanischen Komponisten José Rafael Pascual Vilaplana und spüren das tiefe Heimweh im ersten sinfonischen Tanz von Sergej Rachmaninow.

Die „professionellsten aller Amateure“, wie Bürgermeister Volker Frede sie nennt, zeigen, wie viel Dynamik und Hingabe in einem Blasorchester stecken kann. Hochkonzentriert blicken sie zu Dirigent Björn Bus, der sie mit Freundlichkeit und Eleganz zusammenhält. Sieben Schlagzeuger, zwei Bässe, Harfe und Keyboard ergänzen den Gesamtklang. Immer wieder treten Solisten heraus – warm das Horn, biegsam das Saxofon, sanft die Klarinette, lieblich die Flöte. Die Oboe darf im Turandot-Medley die Arie „Nessun dorma“ singen. Weich entlässt sie die sehnsüchtige Melodie, mit der Prinz Kalaf auf den Morgen wartet.