Viele Erinnerungen an die vergangene Schulzeit tauchten beim Klassentreffen der 85-Jährigen in Hagnau auf. Geboren um die Zeit der Machtergreifung Hitlers, eingeschult zur Zeit der Novemberpogrome hatten die heutigen Senioren eine bewegte Kindheit und ebenso prägende Lehrer, die auch von der Prügelstrafe noch Gebrauch machten.

Werner Hiestand, Hagnau: „Kriegsfähige Lehrer wurden immer wieder abgezogen, wir hatten viel Wechsel.“
Werner Hiestand, Hagnau: „Kriegsfähige Lehrer wurden immer wieder abgezogen, wir hatten viel Wechsel.“ | Bild: Lorna Komm

In ihrem ehemaligen Klassenzimmer, welches heute als Julius-Bissier-Saal hauptsächlich den Gemeinderatssitzungen dient, kamen die drei Einschulungsjahrgänge 1938, 1939 und 1940 zusammen. 32 Schüler verschiedener Klassenstufen wurden damals gemeinsam unterrichtet. 21 sind noch auf dieser Welt und 13 trafen sich in ihrem ehemaligen Schulraum. Viele von ihnen sind Hagnau treu geblieben, andere wohnen in der näheren Umgebung, etwa in Konstanz oder Scheidegg.

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Seit 35 Jahren treffen sich die ehemaligen Schüler der Hagnauer Volksschule bereits regelmäßig im Fünf-Jahres-Turnus. Bürgermeister Volker Frede begrüßte die einstigen Schüler „der schönst gelegenen Schule am See“. Für diejenigen, die die nicht mehr in Hagnau wohnen, hatte Frede eine Fotopräsentation, die die Veränderungen im Dorf zeigte, vorbereitet. Doch schon bald übernahmen die agilen Rentner das Gespräch. Organisator der Klassentreffen war Werner Hiestand, er erzählte, dass früher noch ein Holzofen im Klassenzimmer stand und die Schüler dabei helfen mussten, das Holz nach oben zu tragen. Auch den Parkettboden hätten sie mit verlegt.

Hans-Jörg Holderried, Scheidegg: „Ich konnte nicht begreifen, dass der Feind uns Schokolade schenkt.“
Hans-Jörg Holderried, Scheidegg: „Ich konnte nicht begreifen, dass der Feind uns Schokolade schenkt.“ | Bild: Lorna Komm

„Dann ist die Zeit gekommen, als der Lehrer die Armbinde mit dem Hakenkreuz trug“, erinnerte sich Hiestand. Am Morgen habe man zunächst die Zeitung mit den Frontberichten gelesen und die Bewegungen der Front wurden auf einer im Klassenzimmer hängenden Karte markiert. „Aber nur die Vorwärtsbewegungen“, erzählt Hiestand, an Rückzug habe der Lehrer nicht glauben wollen. „Kriegsfähige Lehrer wurden immer wieder abgezogen“, erzählte Hiestand weiter. „Wir hatten viel Wechsel.“ Man habe keine kompletten sechs Jahre Volksschule gehabt, ergänzte eine ehemalige Mitschülerin. „Von Mai 45 bis Januar 46 gab es keine Schule.“ Stattdessen habe man Kartoffeln gesammelt.

Franzosen marschierten in Hagnau ein

Hans-Jörg Holderried kann sich noch gut an ein spezielles Erlebnis erinnern: „Am 29. April 1945 sind die Franzosen mit Jeep und Panzer einmarschiert.“ Sie hätten auf dem Parkplatz die Fahrzeuge getankt und dabei aus den „Kanistern viel kostbares Benzin verschüttet“. Der Sohn eines Tierarztes wusste um das kostbare Gut, wunderte sich über die Verschwendung und konnte zudem kaum begreifen, „dass der Feind uns Schokolade schenkt“.

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Sie hätten gelernt, ihr Leben in die Hand zu nehmen, sind sich die Senioren einig. „Jeder hat seinen Platz gut ausgefüllt“, resümierte Hiestand. „Wir haben damals noch nach den Mädels geschaut und nicht aufs Handy“, fügte der Ehemann einer Hagnauerin an, der beim Treffen dabei war. Und beim Gedanken an den damaligen Dorftreffpunkt bei der Molkerei, wo sich die Jugend zum Milchholen traf, lächelte manch einer schelmisch.