Tiefe Einblicke in die Geschichte der Marienverehrung hat der Freiburger Professor für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie, Werner Mezger, im Hagnauer Rathaus gegeben. Das katholische Bildungswerk der Seelsorgeeinheit Meersburg hat den Vortrag zu der aktuellen Ausstellung des Museums- und Geschichtsvereins "Die Rätsel der Madonna" im Marienmonat initiiert. Dreh- und Angelpunkt des Vortragsabends stellte eines der bekanntesten Gemälde des Mittelalters dar, die "Mutter Gottes in der Rosenlaube" von Stefan Lochner. Das Original ist im Kölner Wallraf-Richartz-Museum zu Hause. Die hochwertige Reproduktion konnten die Besucher vorab im Hagnauer Museum in Augenschein nehmen. Doch die Vielschichtigkeit des gerade einmal 51 mal 40 Zentimeter großen Tafelbildes brachte ihnen sicher erst Mezgers Darstellungen nahe. "Ich könnte über das Bild unendlich sprechen, es gib immer neue Details zu entdecken", sagte er.

Albrecht Dürer gibt Hinweis auf "Meister Stefan"

Gerade erst aus Freiburg angereist, war Mezger sogleich mittendrin in der Materie. Anfänglich technische Schwierigkeiten brachten ihn weder aus der Ruhe noch aus dem Konzept. Nach zweifach hilfreichem Eingreifen von Bürgermeister Volker Frede nahm er die rund 60 Zuhörer mit hinein in das an die Wand projizierte Madonnenabbild Lochners und weit darüber hinaus. Ganz still im Dunkeln sitzend, lauschten die Besucher. Dass das Gemälde aus den 1440er Jahren überhaupt dem "Meister Stefan" von der Kölner Malerschule zuzuordnen ist, geht demnach auf den bekannten Maler Albrecht Dürer zurück. Der nämlich hatte 1520 den bekannten "Altar der Stadtpatrone" in der Kölner Ratskapelle gleich zweifach besichtigt und einem Meister Stefan zugeordnet.

Geburtsort Lochners nicht zweifelsfrei erwiesen

Im Altarmittelflügel findet sich bereits das später entstandene Madonnenmotiv noch ohne Rosengarten. Ansonsten gebe es nur wenige urkundliche Bruchstücke zur Identität Lochners. Die in der Ausstellung angegebene Herkunftsstätte Hagnau kommentierte er mit "hoffentlich in Hagnau". Auf späteres Nachfragen des SÜDKURIER, ob der Künstler nun Hagnau oder Meersburg zuzuordnen sei , wo Lochners Eltern begraben sind, meinte Mezger diplomatisch: "Sowohl Meersburg als auch Hagnau können auf ihn stolz sein." Sicher sei, dass Lochner künstlerisch nicht von der Bodenseeregion; sondern vielmehr von der niederländischen Malerei beeinflusst worden sei.

Ein Bild voller Symbolik

Mezgers Hauptaugenmerk liegt bei seinem Referat auf Lochners heiliger Jungfrau und dem Muttergotteskult als solchem. Die Zuhörer erfahren, dass die zentral erscheinende Marienfigur Lochners mit leuchtend blauem Mantel sich eigentlich nicht ganz in der Bildmitte befindet, sondern Gott Vater in einem Strahlenkranz über ihr. Ihr Kopf ist leicht nach rechts geneigt als Sinnbild ihrer unbefleckten Empfängnis. Das Gegengewicht des Jesuskindes in ihrem Schoß führe dazu, dass der Bildbetrachter Maria als Mittelpunkt wahrnimmt. Der Apfel in der Kinderhand erinnere an die Erbsünde und solle Jesu Menschlich – und Sterblichkeit – verdeutlichen.

Vergrößerungen fördern Details zutage

Dank der Vergrößerung des an die Wand geworfenen Lichtbilds können die Vortragsbesucher noch viel kleinere Bildbestandteile entdecken. Mezger macht sie beispielsweise aufmerksam auf die Erdbeeren zu Marias Füßen, die wegen ihrer roten Farbe die Passion Christi symbolisierten, und die dreiteiligen Blätter der Frucht auf die Trinität aus Gott Vater, Sohn und heiligen Geist verwiesen. Noch kleiner ist die Brosche der Marienfigur, in welcher sich auf gerade einmal vier Quadratzentimetern das Abbild einer Jungfrau entdecken lässt. Diesmal trägt sie ein Einhorn auf dem Schoß, wiederum eine Anspielung auf Unberührtheit.

Mariaikonen tauchen erst ab dem 7. Jahrhundert auf

Über zwei Stunden spricht der TV-bekannte Professor völlig frei und gönnt sich keine Pause. Anschaulich erzählt er vom "kometenhaften Aufstieg Marias in Kult und Kunst". Durch das Konzil von Ephesus 431 nach Christus sei sie als Gottesgebärerin bezeichnet worden, um das Menschsein Jesu zu unterstreichen. War sie in der frühen christlichen Kunst überhaupt nicht aufgetaucht, seien die ersten Marienikonen im 7. Jahrhundert entstanden. Mezger zeigt von ihm selbst fotografierte Beispiele von Darstellungen einer überhöhten Maria, alleine oder gleichberechtigt neben Christus abgebildet, oder von Maria als neuer und guter Eva. Dazwischen immer wieder Hinweise auf das Spannungsfeld von Krippe und Kreuz in der Kunst. Etwa in den Gemälden auf dem Isenheimer Altar von Matthias Grunewald, wo die zerschlissenen Windeln des Jesuskindes denen des Gekreuzigten zum Verwechseln ähnlich seien.

Zum Dank Wein aus der Sonderedition zur Ausstellung

"Sie haben von der Madonna ausgehend einen weiten Bogen gespannt", sagte Monika Baur, Vorsitzende des katholischen Bildungswerks, im Anschluss. Das habe sie sehr berührt, sagt sei. Als Dank überreichte Monika Baur zwei Flaschen der Müller-Thurgau- Sonderedition zur Madonnenschau im Hagnauer Museum, die noch bis zum 28. Oktober zu sehen ist.

"Sowohl Meersburg als auch Hagnau können stolz auf Stefan Lochner sein."

Werner Mezger, Professor für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie an der Uni Freiburg

Der Referent Professor Werner Mezger unterstreicht, dass die Identität Stefan Lochners eng mit dessen "Altar der Stadtpatrone" verknüpft ist.
Der Referent Professor Werner Mezger unterstreicht, dass die Identität Stefan Lochners eng mit dessen "Altar der Stadtpatrone" verknüpft ist. | Bild: Martina Wolters

 

Die Ausstellung im Hagnauer Rathaus

"Die Rätsel der Madonna" mit hochwertigen Repliken des Kölner Dommalers Stefan Lochner sind noch bis zum 28. Oktober im Bürger- und Gästehaus in Hagnau zu sehen. Die Öffnungszeiten sind am Sonn- und Feiertag von 15 bis 17.30 sowie am Donnerstag von 16 bis 18.30 Uhr. Führungen können über die Touristeninformation unter der Telefonnummer 07532/430043 gebucht werden.